Ausgabe 
6.11.1886
 
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Gut, dann werde ich es der englischen Bank übergeben, wenn Du nichts dagegen hast, meine Theure! da dieses Institut die einzig sichere Ge­währ zu leisten vermag. Die betreffenden Werth­papiere wirst Du selbstverständlich in Deiner Privat- Chatulle zur eigenen Verfügung haben."

Das wird sich Alles finden, mein Geliebter!" lachte Antonie schelmisch;wenn ich erst Deine Ge­mahlin bin, habe ich doch einen gesetzlichen Finanz­minister alsdann erhalten- Nun aber mag dieses unglückliche Capitel geschloffen sein, laß uns von etwas Anderem plaudern, mein Adalbert! Erzähle mir von Paris, von Petersburg, von jenen Märchen« haften Festen, denen Du beigewohnt-"

Adalbert schürte die Flamme im Kamin höher, warf ein Holzscheit darauf und erzählte in fesselnder Weise von all dem Glanz und Schimmer, der auf der Menschheit Höhen die Sinne berückt und die Gegensätze in des Lebens finsteren Tiefen so grell hervortreten läßt. Er verstand in virtuoser Weise zu plaudern und lebendig zu schildern und fast athemlo» horchte Antonie, in berauschende Träume sich wiegend, welche in kürzester Zeit zur glänzendsten Wirklichkeit sich gestalten und ihre kühnsten Wünsche erfüllen sollten.

Sie hätte ihm stundenlang zuhören mögen und zürnte fast dem Diener, als dieser mit der Meldung eintrat, daß das Souper angerichtet sei. Der Graf bot ihr den Arm und nun kam Madame Borner, von der Rodenburg'schen Equipage geholt, aus dem Theater zurück, wo sie als fürchterliche Wagnerianerin geschwelgt hatte.

Diejunge gnädige Frau", wie Frau Roden­burg, die Wittwe des Kaufmanns, nach dem Tode des Gatten sich nennen ließ, war beim Souper sehr aufgeräumt und hörte selbst geduldig die Ueber« schwenglichkeit ihrer Gesellschaftr-Dame an, da sie im Grunde die Musik haßte und Wagner vollends un­ausstehlich fand. Sie spielte höchstens einen Walzer auf dem kostbaren Pariser Flügel, welcher von Madame Borner stets in einer Weise bearbeitet wurde, die geradezu thierquälerisch genannt werden konnte, wie Frau Antonie behauptete. Indessen ge­hört ein Erard zum guten Ton und ist somit ein nothwendiges Möbel.

Graf Adalbert stand mit der Madame, wie die Borner von der Dienerschaft genannt wurde, auf dem besten Fuße, da selbige nicht anders glaubte, al» daß sie entweder ihrer Herrin nach Schweden folgen oder als deren Vertreterin in der Marzipan- Villa bleiben werde. Sie wunderte sich, als sie von der beschleunigten Vermählung hörte, beruhigte sich aber bei den Gründen, welche der Graf ihr herab- lassend und sehr cordial auseinandersetzte und hatte nicht die leiseste Ahnung von den radicalen Plänen desliebenswürdigsten aller Aristokraten", wie sie ihn stet» begeistert nannte, obwohl sie die weibliche Natur durchaus nicht verleugnen und sich im Stillen über den Verblendeten ärgern konnte, der eine solche

eitle Gan» mit dem hübschen, aber nichtssagenden Lärvchen zur Gräfin erheben wollte.

Die Männerwelt ist in dieser Hinsicht unverbeffer- lich und lernt es niemals den Schein von Sein zu unterscheiden.

So dachte Madame Borner auch heute Abend, als sie das Brautpaar beobachtete und gegen ein leises Gefühl des Neides sich nicht zu wehren ver­mochte. War sie selber doch auch noch hübsch und anmuthig genug, um auf Lebensglück Anspruch zu machen; ihre zwar schon etwas volle Gestalt war fast imposant zu nennen, da» regelmäßige Gesicht mit den sanften Vergißmeinnicht-Augen sehr anziehend, mit einem Wort, ihre ganze Erscheinung von statt­licher Würde, abgesehen von ihren Umgangsformen, welche die gute Erziehung hinreichend bewiesen. Der Armen war in der Ehestands-Lotterie, wie so vielen Tausenden, eine Niete zugefallen. Der Gatte, ein Kaufmann, hatte Aller vergeudet, Bankerott gemacht und sich dann, krank an Leib und Seele, zum Sterben hingelegt, seine Wittwe arm und hilflos zwar, doch zum Glück auch ohne Kinder, hinter­lassend.

Da» war die Geschichte der Gesellschaftsdame, welche hier ein warmes, behagliche» Daheim ge­funden.

Graf Adalbert verabschiedete sich endlich von den Damen, um sich in der Equipage seiner Braut nach seinem Hotel am Jungfernstieg zu begeben.

Draußen rieselte der Regen noch immer eintönig herab, und in den belebten Straßen der großen Stadt war es stille geworden. Der Graf lehnte sich in die weichen Kissen zurück und fuhr sich mit dem feinen Taschentuch in nervöser Hast über die Stirne, dann setzte er sich kerzengerade auf und starrte in die trübe Nacht hinaus, wobei ein unheim­lich finsterer Ausdruck sein schönes Antlitz ent­stellte.

Bah! bah!" murmelte er endlich, als der Wagen vor dem Hotel hielt, der Diener den Schlag öffnete, und er rasch hinausspringend, von dem Portier unterwürfig begrüßt in'» Haus trat.

(Fortsetzung folgt.)

Wein letztes Kartenspiel.

Von Dr. F. Müller.

(Schluß).

Zu weiterem Nachdenken war ich nicht fähig und so nahm ich den Vorschlag an und stieg mit dem herbeigerufenen Croupier in'» obere Stockwerk, wo schon ein Zimmer bereit war.

Soviel Besinnung hatte ich noch, daß ich mir jetzt eiligst den Kopf mit Wasser kühlte und sehr viel Wasser trank.