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eine reizende Mädchengestalt in Begleitung eines jungen Herrn, und beide Personen offenbar dm höheren Ständen angehörig.
Au« den dichten Umhüllungen, welche die winterliche Kälte erforderlich machte, blitzte ein schönes, feuriges Augenpaar hervor, in welchem ein recht kindliches Lächeln sich spiegelte.
Nach einem flüchtigen, etwas verschämten Blick in den Saal hielt das junge Mädchen ihren Begleiter von einem weiteren Vordringen zurück, und Beide nahmen nun am Saaleingang hinter einer vorgeschobenen Zeltwand Platz, welche sie gegen die Blicke der Neugierigen verdeckte.
(Fortsetzung folgt.)
Die Mettter im Krient.
Ein Bild aus Konstantinopel.
(Nachdruck verboten.)
Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß, während in den nördlichen Gegenden Europa's und Amerika's die Bevölkerung, Dank ihren geordneten Staatsverhältnissen, wenn auch nicht zu großem Reichthnm, doch zu einem gewissen Wohlstand gelangt, der von der Natur so reich ausgestattete Süden, fast überall in einen Zustand der Armuth versinkt, ans dem trotz aller Silberflotten Spanien, trotz der Peterspfenrüg-Millionen Italien und trat, der riesigen Anlehen bei England, die Türkei nicht herauskommt. Theilweise mag auch das Klima dazu beitragen, indem es die Völker des Südens die vor Jahrtausenden in einem jugendlichen Alter der Menschheit ihre Thatkraft zeigten und gewaltige Unternehmungen aufzuweisen hatten, nach^und nach erschlafft hat, dann auch lastet auf dem Süden der erdrückende Alp des Fanatismus, der vor mehreren Jahrhunderten die blühenden Fluren Süd-Spaniens durch die allgemeine Vertreibung der zur hoher Cultur gelangten Mauren entvölkerte und nur eine Anzahl mahnender Ruinen zurückließ.
Derselbe Zelotismus lastet noch heute auf den reichen Gegenden des Balkan und des ganzen Gebietes der Pforte, in Europa, Asien und Afrika, noch jetzt liegt von Marokko bis zum Nil bis ins fernste Asien der Mehlthan der Unduldsamkeit auf allem Volksleben, jede freiere Entfaltung hindernd und des Nordens Kunst und Wissenschaft und öffentliche Fürsorge fernhaltend. Es gibt dort noch Zustände, die man bei uns sich kaum noch denken kann.
Wie es alte Chroniken berichten, so finden sich in den Ländern gegen Sonnenaufgang noch heute z. B. Bettler mit den scheußlichsten Wunden, für die es nirgends Spitäler giebt, jene abscheulichen, dem Fremdem absichtlich vorgestellten Krüppelgeftalten, kaum noch menschlich aussehend, an allen Moscheen, Tempeln, Bazars, auf den Friedhöfen und Prs-
menaden sitzen sie umher, ein ekelhaftes Siechthunr geflissentlich zeigend, das selbst in London nicht öffentlich geduldet, das von Amtswegen geheilt und welches meistens keinem unglücklichen Zufall, keiner Krankheit zu danken, sondern eine Verworfenheit, -M absichtliches Laster zum Urheber hat, das der Verstand kaum zu denken fähig ist. Besonders die Nachkommen der alten Griechen zeichnen sich aus durch Krankheiten, die wir nicht einmal dem Namen nach kennen; die Mehrzahl verstümmelt sich selber, nur um vom Bettel recht sorglos leben zu können und nichts thun zu muffen. Ich entsinne mich, irgendwo einen Bericht in französischer Sprache gelesen zu haben, dessen Sinn und Vorgang folgender war:
Ein französischer Kaufmann in Pera pflegte täglich, Jahre hindurch einem am Wege sitzenden griechischen Bettler ein Almosen zu geben. Letzterer war von sehr schönen regelmäßigen Zügen und besaß eine vollendet geformte Büste, aber die Beine waren dünn, schwach und mit abscheulichen Wunden bedeckt. Dieser Umstand und sein klägliches Bitten trugen ihm reiche Almosen ein, die er alle nut gleicher Dankbarkeit annahm. Besonders unserem Kaufmann schien er eine große Anhänglichkeit ent- gegenzutragen, denn so ost er ihn kommen sah, kroch er ihm entgegen und bewies ihm ein Vertrauen, das denselben nach und nach ergriff und ihm die Person des Bettlers säst unentbehrlich machte, so, daß er unwillkürlich sich beeilte, ihn zu sehen und ihm seine Paras in die rothe Mütze zu legen. Der Bettler schien auch in der That sich weniger über bie Gabe, als über die Begegnung zu freuen und wurde immer zutraulicher. Einige Zeit nachher trafen den Kaufmann ernste Unfälle in seinem Geschäfte und er wurde öfter abgehalten, den gewöhnlichen Weg zu machen, auch vergaß er in seinem tiefen Nachsinnen manchmal des Bettlers. Dieser blieb freundlich wie sonst, streckte seine Mütze aber nicht mehr hin, sondern blickte den Franken nur aufmerksam an.
Eines Morgens drängten den Franzosen schwere Verlegenheiten und trüb ging er seines Weges, als ihn plötzlich eine Hand am Rocke faßte. Er drehte sich um und erblickte den Griechen, der über seine eigene Kühnheit verlegen da saß; schnell wollte er demselben ein Almosen reichen, aber dieser hielt seinen Arm fest und sagte:
„Nein, Effendi, nicht das, es ist etwas anderes." „Dann laß mich gehen, ich habe Eile, Freund." „Nein, nein, Effendi, Sie haben keine Eile, Sie sind bekümmert und schwermüthig."
Der Saufmann blieb erstaunt stehen und betrachtete den scharfen Beobachter. Dieser fuhr fort:
„Sagt mir Euren Kummer, Herr, thut es, vielleicht habt Jhr's nicht zu bereuen."
Ueberrascht schwieg der Kaufherr still, der Bettler drang indessen immer mehr in ihn und endlich trieb ihn das unbestimmte Gefühl des Wunfches, einem anderen seine Sorgen anzuvertrauen, dazu, daß 'er dem Aussätzigen mittheilte, er müsse bis


