Ausgabe 
6.2.1886
 
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Gut denn, Madame, so werde auch ich die mir freiwillig auf erlegte Reserve fallen lassen und die gleiche Rücksichtslosigkeit, die Sie gegen mich üben in Anwendung bringen", erklärte Jener, indem er in die Brusttasche griff und einige Papiere hervor- langte.Ich bin im Besitzer einiger kleiner Ge­heimnisse, die Ihre Familie betreffen, gnädige Frau, und wirklich recht pikanter Natur sind. So dürfte es zum Beispiel von Werth sein zu erfahren, wer Ihrer Familie den Freiherrntitel und den Namen: von Eschenheim verliehen hat. In einer gewissen Stadt erinnert man sich noch recht wohl eines gewissen Armeelieferanten Berthold, der im letzten russisch-türkischen Kriege reich geworden ist."

Die Baronin starrte den Sprecher mit allen Zeichen des Entsetzens an; aus ihrem Antlitze war auch der letzte Blutstropfen gewichen.

Dieser Herr Berthold besaß die kleine Schwäche, nicht allzu scrupulös bei Ausführung der ihm über­tragenen Lieferungen zu fein", fuhr Jener mit eisiger Ruhe fort.Was kam es darauf an, den armen Soldaten anstatt guter, wollener Decken erbärmliche Lappen zu liefern, war es doch im Grunde gleich- giltig, ob die Mannschaften in der strengen Winter­kälte den Erfrierungstod starben oder durch die Kugeln des Feindes hinweggerafft wurden, die Hauptsache blieb doch immer, die eigene Tasche zu füllen. Als man endlich auf diese Geschäftsprincipien des Lieferanten aufmerksam wurde und er sich nicht mehr recht behaglich zu fühlen begann, nahm er seine Millionen und kehrte dem undankbaren Vater- lande den Rücken!"

Hören Sie auf, Herr von Brehmer, Sie tobten mich!" lispelte die Frau tonlos, indem sie in einen Sessel sank und das Gesicht mit den Händen be­deckte.

Aber der junge Mann achtete nicht darauf; schonungslos setzte er seine Enthüllungen fort.

So kam der ehemalige Armee-Lieferant hierher und da er reich war, glaubte er auch das Recht zu besitzen, sich eine Standeserhöhung leisten zu können. Er vertauschte daher seinen ohnehin nicht mehr ganz ehrlichen Namen Berthold mit dem klangvolleren: Baron von Eschenheim und lebte herrlich und in Freuden, das heißt: er und trank möglichst viel und möglichst gut und freute sich, wenn sich Freunde fanden, die mit ihm zechten, seine Weine lobten und seinen Reichthum bewunderten. Gentlemanart ist das freilich nicht, aber mit Geld kann man nicht nur Vieles erreichen, sondern man darf sich auch so Manches erlauben, was einem armen Teufel nie­mals möglich wäre."

Halten Sie ein, Unbarmherziger!" flehte die Dame und streckte ihm die gefalteten Hände bittend entgegen.

Die gnädige Frau Baronin von Eschenheim war längst die Lebensgefährtin ihres Gatten, als dieser die einträglichen Materialbeschaffungen für die Truppen übertragen erhielt. Sie lernte ihn im

Geschäft ihres Vaters kennen, der ein Deutsch-Russe war und einen Handel mit abgetragenen Kleidern und alten Möbeln in Krakau besaß.

(Fortsetzung folgt).

Mmfchercherz.

(Am Grabe Heper's.)

i.

Und bist du da? Und bist du wohl? Was hast du da auf deinen Wangen? Ich weiß nicht, wie ichs deuten soll, Sprich mir, wie ist das zugegangen?"

Nicht grame dich, lieb Mütterlein Und denke dir, es müßt' so sein! Weißt du, das Burschenherz ist heiß Und beugt sich nicht! Um keinen Preis!

2.

Hei! Burschenherz, wie schlägst du hoch, Wenn auf der fitnneS sich im Neigen Die Mädchen all' im Glanze zeigen! Ei! Hüt' dich doch!

Daß nicht dies Herze wird geraubt, Das eine schon ihr eigen glaubt! Horch! Wie die Melodieen locken, Wie dich umkos't der Geigenton! Hörst du es nicht, o Musensohn Tönt es dir nicht wie Himmelsglocken? Und nimmer kannst du widersteh'n, Es reißt dich in die bunten Reihen . . . Wird's ferne Liebchen wohl verzeihen? Doch still! Sie hat's ja nicht geseh'n.

3.

Bemoos'te Hügel uni und um Wie ist es hier so tobt und stumm! Die Todten halten gute Ruh', Dort unten Bruder schläfst auch du. Noch höre ich ihn zittern bang Der Schläger dumpfen Trauerklang . . . Sie senkten traurig dich hinab . . . Wie tief, wie tief ist so ein Grab! Die Fahnen wehten drüben her O Gott wie war mein Herz so schwer! Das Band am Kranz, den tiefbewegt Ich auf dein frisches Grab gelegt Der rauhe Wind, er hat dir jetzt Dies bunte Band am Kranz zerfetzt. Doch still! die Thräne, die int Schmerz Dir hat geweint das Burschenherz, Die Thrän' thut dir als Zeuge kund, Daß nie sich löset unser Bund!

Heinrich Storch.

Redaktion: A. Echeyda. Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.