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Ein Wagen fuhr vor dem Hause wieder vor; in der Stille, die den Worten Sonnenberg's folgte, hörte man deutlich das Nollen der Näder.
Michel hatte seine Dose hervorgeholt, er drehte sie nachlässig in den Händen, während sein Blick fest auf dem Verhafteten ruhte.
„Sie kommen mit diesem Trotz nicht durch", erwiderte er. „Der Banquier Reichert, den ich vorhin verhaftet habe, war klüger, er hat sogleich offen eingestanden, daß er selbst der Kassendieb gewesen ist, für dessen Schuld Gustav Dornberg büßen muß.
Dora konnte bei dieser willkommenen Nachricht ihrer freudigen Ueberraschung nicht gebieten; sie eilte auf den alten Herrn zu, legte die Hand auf seinen Arm und blickte ihm voll Ungeduld in die hellen Augen.
„Ist das Wahrheit?" fragte sie, zitternd vor Erregung.
„Ja, er hat die Schuld offen und ohne Rückhalt eingestanden", nickte er, „und nicht das allein, auch das verschwundene Geld ist bereits in unseren Händen."
„Tausend Dank für diese Nachricht!" jubelte sie.
„Wir schulden Ihnen sehr, sehr vielen Dank! Ohne Ihre unermüdliche Ausdauer wäre jenes Räthsel vielleicht niemals gelöst worden."
„Glauben Sie das nicht", sagte er mit seinem gewohnten freundlichen Lächeln. „Sie sehen ja, die Verbrecher fangen sich in ihren eigenen Schlingen, Reichert ist auch nur durch seine Dummheit zu Fall gekommen. — „Wollen Sie die Gegenstände, die ich vorhin von Ihnen verlangte, herausgeben?" wendete er sich an Sonnenberg, der inzwischen mit seiner Schwester einen langen bedeutungsvollen Blick gewechselt hatte.
Theo Sonnenberg zuckte schweigend mit den Achseln; es lag eine Fülle von Verachtung, aber auch von mühsam verhaltener Wuth in dieser stummen Geberde. _
„Nur: wohl, Sie werden ja gezwungen werden, Ihre Taschen zu leeren", fuhr Michel ruhig fort, indem er den Beamten einen Wink gab. „Der Wagen wartet draußen, ich rathe Ihnen, keinen Fluchtversuch zu machen und allen Anordnungen sofort Folge zu leisten; die Herren, die Sie begleiten haben gemessene Befehle, und es würde Ihre eigene Schuld sein, wenn Ihnen die Handschellen angelegt werden müßten. — Madame, ich bedaure, Sie von Ihrem Bruder nicht trennen zu dürfen. . ."
„Sie wollen auch mich verhaften?" fuhr Ernestine auf. „Mit welchem Recht? Welche Anklage erheben Sie gegen mich?"
„Der Verdacht der Mitschuld ruht so dringend auf Ihnen, daß ich es. ber Entscheidung des Untersuchungsrichters anheimstellen muß, ob die Anklage gegen Sie aufrecht erhalten werden soll."
„Füge, Dich", sagte Sonnenberg verächtlich; „dieser Spion ist nicht werth, daß wir viele Worte verschwenden. Aber Rechenschaft soll er mir geben,
er soll's bitter bereuen, daß er sich an uns vergriffen hat."
Ernestine betrachtete die Sachlage nicht so ruhig und gleichmüthig wie ihr Bruder, aber auch sie erkannte, daß ein Protest, mochte er auch noch so energisch sein, nichts an ihr ändern könne.
Da blieb denn freilich nichts weiter übrig, als sich der Gewalt zu fügen. In höhnischen Worten bat sie um Erlaubniß, Hut und Mantel anlegen zu dürfen, und nachdem dies geschehen war, ging sie, ohne Dora noch eines Blickes zu würdigen, mit ihrem Bruder hinaus, und gleich darauf fuhr der Wagen mit den Gefangenen und den beiden Beamten davon.
Dora athmete erleichtert auf, noch einmal dankte sie dem alten Herrn, der sich nun auch zum Aufbruch rüstete, um dem Untersuchungsrichter Bericht zu erstatten.
Eben wollte Michel sich entfernen, als der Stadtrath athemlos in das Zimmer stürzte.
Er kam, um seiner Schwester Vorwürfe zu machen; er hatte die Verhaftung seines Schwiegervaters bereits erfahren und nicht mit Unrecht ver- muthete er, daß Dora ihm darüber den genauesten Ausschluß geben könne.
Nun sand er den Beamten, der die Verhaftung verfügt hatte, und dieser trat seinen Vorwürfen mit ernster Ruhe entgegen.
„Die Schuld Reichert's ist bewiesen", sagte der alte Herr mit scharfer Betonung. „Wollen Sie nun vielleicht noch verlangen, daß der schuldlos Ver- urtheilte im Gefängniß bleiben soll? Machen Sie Ihre Vorwürfe Demjenigen, der sie verdient, dem Manne, der aus schnöder Gewinnsucht Schmach und Schande auf Ihre Familie gebracht hat. Kennen Sie den Gesetzesparagraphen, der hier in Anwendung kommen wird? Es handelt sich hier um einen betrügerischen Bankerott und Verheimlichung, respektive Beiseiteschaffung einer großen Summe zum Nachtheile der Gläubiger, also um ein Verbrechen, das mit Zuchthaus bestraft wird. Das hätte Ihr Schwiegervater vorher bedenken sollen, nun kommt die Reue zu spät."
Der Stadtrath blickte ihn starr an und rückte an seiner weißen Halsbinde — an die Möglichkeit einer so furchtbaren Bestrafung hatte er selbst noch nicht gedacht.
„Man hätte auf seine Verhaftung verzichten können", erwiderte er und seine Stimme klang jetzt ziemlich schüchtern und kleinlaut, „das Geld ist ja wieder da, und das war doch wohl die Hauptsache. Dornberg würde daraufhin aus der Haft entlassen worden sein, also war auch nach dieser Seite hin der Gerechtigkeit Genüge geschehen."
„Sie denken wohl auch, nur die kleinen Diebe dürfte man hängen?" spottete Michel. „So viel ich weiß, waren Sie mit dem Urtheil über Dornberg gar nicht zufrieden, Sie behaupteten, es hätte schärfer ausfallen müssen."
Der Stadtrath war sich dessen wohl bewußt, er


