Ausgabe 
5.10.1886
 
Einzelbild herunterladen

467

juckend.Sie befanden sich auf einer falschen Fährte. Aber daraus kann Ihnen kein Vorwurf gemacht werden; jeder andere Richter wäre ebenfalls irre geführt worden!"

Und wer soll der Schuldige sein?" fragte Rommel zweifelnd.

Hellmuth!"

Das müßte bewiesen werden."

Es ist bereits bewiesen. Die Motive, die ihn zu der That bewogen haben, liegen nahe; nicht Ihnen, sondern meinem Schwiegersohn galt der Schuß. Fahne hatte sich genöthigt gesehen, ihm die Thür zu zeigen; das konnte Hellmuth ihm nicht ver- geben. Daß er die That selbst lange geplant haben soll, glaube ich nicht; er würde in diesem Fall sein Ziel besier aus'r Korn genommen und nicht gefehlt haben; sie ist ohne Ueberlegung geschehen."

Der Referendar schüttelte noch immer zweifelnd das Haupt.

In dieser Behauptung allein kann ich keinen Beweis entdecken", sagte er.

Geduld, Sie werden den Beweis erhalten. Am Morgen nach der That hat ein Holzhauer, ohne es zu wollen, den Förster Hellmuth belauscht. Er sah, daß Hellmuth die Büchse aus dem hohlen Baum nahm, die einzelnen Theile zusammenfügte, die Ladung untersuchte und dann mit der Waffe sich eilig entfernte. Er folgte ihm; Hellmuth begab sich auf den Platz, auf dem am Abend vorher der Schuß gefallen war, er schoß dort die Kugel in einen Baum, dann brachte er die Büchse wieder zurück."

Oh, das ändert freilich die Sache!" erwiderte Rommel lebhaft.Weshalb aber hat der Mann das nicht sofort berichtet?"

Weil er fürchtete, daß man seiner Aussage keinen Glauben schenken werde. Sie wiffen ja, wie solche Leute sind! Sie wagen nicht, einen Vorgesetzten offen anzuklagen; sie denken stets, man schenke dem Vorgesetzten mehr Glauben als ihnen; da ziehen sie vor, hinter dem Rücken des Betreffenden Ver­dächtigungen auszustreuen. Von diesen Verdächtig, ungen erhielt mein Sohn Kenntniß; ich nahm den Mann in'ü Gebet, und nach einigem Zögern hat er gebeichtet. Nun habe ich ihn mitgebracht, damit er seine Aussagen vor dem Richter wiederholen kann."

Und der Förster?" fragte der Referendar rasch.

Ja, der Förster Hellmuth ist dem Arme der Gerech igkeit entrückt", antwortete der alte Herr leise.An demselben Tage, an dem ich ihm die Aussagen des Zeugen mittheilte und ihn aufforderte, ein offenes Geständniß abzulegen, erhielt er vom Forstamt ein Schreiben, in dem er von seiner Ver- setzung benachrichtigt wurde. Es war eine Straf­versetzung, und er hatte mit Sicherheit darauf ge­rechnet, daß er nach meinem Abgänge in meine Stelle einrücken werde. Die bittere Enttäuschung, verbunden mit der Angst vor der neuen Anklage, mag ihn zur Verzweiflung getrieben haben, am Abend deffelben Tages fand man ihn im Walde er­hängt."

Rommel hatte sich von feinem Sitz erhoben. Er wanderte mit großen Schritten auf und nieder.

Vielleicht ist es bester so", sagte er nach einer Weile,dem Gericht wird dadurch Arbeit erspart und das Zeugniß des Holzhauers genügt, den Ge­fangenen von dieser Schuld freizusprechen. Der rothe Fritz hat ebenfalls Aussagen gemacht, er be­schuldigt Sie"

Ich kenne seine unsinnigen Behauptungen", unterbrach der Oberförster ihn.Sie werden selbst zugeben müssen, daß sie keinen Anspruch auf Glaub­würdigkeit machen können."

(Fortsetzung folgt.)

Die Brandstifterin.

Criminal-Novelle von Andri Hugo.

(Fortsetzung).

Was sagen Sie hierzu?"

Einige Augenblicke dauerte es, bis Kirchner Worte finden konnte. Dann stammelte er:Ich weiß nicht, was ich sagen soll."

Ich will wissen, ob Sie diese Einzelheiten über Ihre Frau bereits kennen."

Zum größten Theile ja."

Und Sie zögerten nicht, als Lehrer der Jugend einem solchen Mädchen die Hand zu reichen?"

Das war Kirchner zu viel. Er erhob sich, richtete seine Gestalt in die Höhe und sagte dann: Herr Amtsrichter, meine Braut ist ein braves Mädchen gewesen und hat sich als tüchtige, umsichtige und aufmerksame Gattin erwiesen. Wenn ich da­mals trotz der dunklen Antecedenzien des Mädchens dennoch freudig sie zu meiner Lebensgefährtin ge­wählt, so ist das doch nur ein Beweis, wie ich mich über landläufige Vorurtheile hinweggesetzt habe. Was können Kinder für ihre Eltern und Geschwister? Haben wir es nicht oft genug schon erlebt, daß die ehrlichsten und bravsten Menschen ungerathene Kinder besaßen und umgekehrt wieder aus ganz verachteten Familien sich Charaktere aus dem Sumpfe bis zu bedeutender Höhr gehoben haben?"

Nomanideen, mein Lieber! ... In der Wirk­lichkeit sieht man die Dinge mit ganz anderen Augen an. Doch darüber uns zu unterhalten ist nicht der Ort dazu. Sie geben also zu, daß Sie die Ver­gangenheit Ihrer Frau kannten?"

Ja!"

Haben Sie mir sonst noch etwas über die An­gelegenheit zu sagen?"

Kirchner verneinte.

Dann lesen Sie das Protokoll vor!" wandte er sich an den Schreiber.

Dieser kam der Aufforderung nach, Kirchner er­hob keinen Widerspruch gegen die Fassung und unter­zeichnete dasselbe. Nachdem diese Förmlichkeiten be«