Ausgabe 
5.10.1886
 
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Vera war langsam der Thür zugeschritten. Der Ausdruck ihres schönen Gesichts verrieth, daß sie den Anschauungen des Hauptmanns nicht beipflichten konnte.

Ich weiß in diesem Augenblick noch nicht, wie die Verhältnisse sich in Bezug auf meine Person gestalten werden", sagte sie leise mit zitternder Stimme,aber ich werde Sie benachrichtigen, sobald ich ein Asyl gefunden habe. Es wäre ja möglich, daß Sie mir einmal eine Mittheilung zu machen hätten "

Ja, thun Sie das", erwiderte er rasch;was auch kommen mag, gnädige Frau, seien Sie meiner herzlichen und aufrichtigen Freundschaft versichert; ich vertraue darauf, daß Sie sich meiner erinnern werden, wenn Sie eines Freundes bedürfen."

Ich danke Ihnen! LÄen Sie wohl!"

Er nahm das Licht und begleitete sie bis zur Treppe, dann kehrte er in sein Zimmer zurück.

Vera war eben int Begriff, das Haus zu ver- laffen, als die Thür hastig geöffnet wurde und der Referendar eintrat.

Er stutzte, als er sich so plötzlich der eleganten Dame gegenüber sah; beim ersten Blick in ihr bleiches, verstörtes Antlitz erkannte er, daß Unge­wöhnliches sich ereignet hatte.

Gnädige Frau, Sie sehen mich überrascht", stotterte er aber sie ließ ihn nicht weiter reden.

Es ist mir sehr lieb, daß ich Ihnen begegne", sagte sie;Herr von Görlitz erklärte mir, Sie seien noch vor Kurzem dem Oberst Johnson begegnet"

Sehr wahr, aber"

Bit e, weichen Sie mir nicht aus, Sie sind Ihrer Sache sicher?"

Ja das heißt"

Keine Ausflüchte, wenn ich bitten darf!" fuhr Vera in ernstem Tone fort.Sie sind ihm be­gegnet, und Sie wiffen auch, wo Sie ihn finden können, wenn Sie ihm eine Mittheilung machen wollen."

Das kann Herr von Görlitz Ihnen nicht gesagt haben", erwiderte er mit wachsender Verlegenheit.

Nein, ober ich weiß es. Sie sind der Freund und Vertraute Johnson's; Sie werden mit ihm in Verbindung bleiben, bis er nach Amerika zurückge­kehrt ist. Bestreiten Sie das nicht, ich würde Ihren Behauptungen keinen Glauben schenken können, denn ich bin von der Richtigkeit meiner Vermuthungen zu fest überzeugt. Darf ich Sie nun bitten, eine Mission an ihn zu übernehmen?"

Der Referendar blickte sie erstaut an.

,Jeder Dienst, den ich Ihnen erzeigen kann, wrrd mir zur Freude gereichen", sagte er mit einer leichten Verbeugung;aber ich glaube auch, Sie schon jetzt darauf aufmerksam machen zu können, daß rch von dieser Mission keinen Erfolg erwarten kann. Erinnern Sie sich, was der Oberst Jbnen in Wiesenthal gesagt hat"

D:e Sachlage ist eine andere geworden", unter­brach Vera ihn.Die Enthüllungen, um die ich I

ihn damals bat, sind mir inzwischen ohne sein Hu- thun geworden; ich weiß Alles, und das, was ich nun noch zu erfahren wünsche, das wird er mir ohne Bedenken mittheilen dürfen. Haben Sie die Güte, ihm das zu sagen. Er darf mir vollen Glauben schenken, wenn ich behaupte, genau unter­richtet zu sein, ja, ich kann nun sogar ihm eine Thatsache berichten, von der er selbst noch keine Ahnung hatte. Sagen Sie ihm, ich lasse noch ein­mal ihn um eine Unterredung bitten; nicht von ihm verlange ich Enthüllungen, sondern ich selbst werde ihm solche machen."

Wachsende Ueberraschung spiegelte sich in den Zügen des jungen Mannes.

Und darf ich fragen, von wem Sie das Alles erfahren haben?" fragte er zweifelnd.

Durch einen Zufall! Fragen Sie Herrn von Görlitz! Wollen Sie mir versprechen, meine Bitte zu erfüllen?"

Ja, ich verspreche es Ihnen", nickte er.

Bringen Sie mir die Antwort hierher; ich werde morgen Ihre Braut besuchen und dann hoffent­lich erfahren, wann und wo der Oberst Johnson mit mir zusammentreffen will."

Sie nahm mit einer raschen Verneigung Abschied und eilte hinaus, und als der Referendar nun hinter ihr die Hausthür schließen wollte, wurde er daran durch den unerwarteten Eintritt des Oberförsters gehindert.

21. Capitel.

Auf falscher Fährte.

Da bin ich!" sagte der Oberförster, mit dem Knotenstock, auf den er sich stützte, derb aufstoßend. Vor einer Stunde hier angekommen, gilt mein erster Gang Ihnen. Sie schrieben mir, Sie hätten mir vor dem Verhör Mittheilungen zu machen, die sich auf dieses bezögen; nun wohl, auch ich bringe Ihnen Mittheilungen mit, die Sie in hohem Grade interessiren werden."

Darf ich Sie bitten, mich in mein Zimmer zu begleiten?" erwiderte Rommel.Ich erwartete Sie erst morgen"

Und ich zog es vor, einen Tag früher zu kommen. Hoffentlich machen die Nachrichten, die ich Ihnen bringe, das Verhör ganz überflüssig."

Der Referendar trat rasch in sein Zimmer und zündete die Lampe an. Dann bat er den alten Herrn, Platz zu nehmen.

Lassen Sie hören!" sagte er;ich denke, es ist besser, daß Sie mit Ihren Mittheilungen be­ginnen."

Wie Sie wollen! Hat der rothe Fritz den Mordversuch eingestanden?"

Nein."

Und Sie glauben noch immer an seine Schuld?" Gewiß, sind nicht Beweise genug für seine Schuld vorhanden?"

Scheinbeweise I" erwiderte der Oberförster achsel-