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Wartung auf dem Antlitz des Referendars ruhte; „wie kam der Oberst zu dieser Behauptung? Und womit begründete er sie? Wie konnte er überhaupt über die Gründe dieser That unterrichtet sein, da er doch zu jener Zeit sich jenseits des Oceans befand?" „Ja, ja, von wannen kommt Dir diese Wiffen- schaft?" sagte der Referendar verlegen. ,,Da steh' ich, ein entlaubter Stamm, und weiß nicht, was ich sagen soll! Oberst Johnson will auch nach seiner Auswanderung noch mit Herrn von Salberg befreundet geblieben sein, er behauptet, einen Brief empfangen zu haben, den sein Freund kurz vor dem Tode an ihn geschrieben hat —"
„Und dieser Brief enthält die Aufklärungen, die wir suchen?" fragte Madame Schirmer.
„Wahrscheinlich, aber Oberst Johnson hat mir erklärt, er fühle sich zur Verschwiegenheit verpflichtet."
„Hinter dieselbe Erklärung zieht auch Herr von Görlitz sich zurück", erwiderte die alte Dame, rathlos das Haupt wiegend; „daraus werde klug, wer es vermag!"
„Und weshalb flieht dieser räthselhafte Oberst uns?" fragte Vera, die ihrer Erregung nicht gebieten konnte. „Weshalb muß er an demselben Tage abreisen, an dem wir ankommen?"
„Vielleicht war das nur ein Zufall —"
„Nicht doch, Herr Referendar, unsere freundliche Wirthin ließ gestern Abend einige Worte fallen, aus denen ich wohl entnehmen konnte, daß der Oberst absichtlich abgereist ist, um eine Begegnung mit uns zu vermeiden. Was konnte ihn dazu veranlasien?"
„Vielleicht fürchtet er neugierige Fragen", sagte Ludmilla, „er behauptet ja, keine Enthüllungen geben zu dürfen."
„Soll denn dieses dunkle Geheimniß niemals uns enthüllt werden?" seufzte Tante Lina.
Vera war dicht vor den Grabstein hingetreten, starr ruhte auf ihm ihr liebeglühender Blick.
„Ich werde nicht ruhen, bis ich diesem Oberst wieder begegne, und dann soll er mir Rede stehen!" sagte sie. „Was kann ihn hindern, jenes dunkle Geheimniß zu enthüllen, wenn es ihm brieflich mit- getheilt worden ist? Mein Gott — was ist das? Treten Sie einmal hieher, Herr Referendar, ich bitte darum, lesen Sie die Worte, die mit Bleistift hier geschrieben stehen!"
Rommel trat rasch hinzu.
„Vor dem höchsten Richter wird Alles klar!" las er, und auch in seinen Zügen spiegelte sich Bestürzung. Ec erinnerte sich, daß der Oberst ihn gebeten hatte, diese Worte dem Landrath in'S Ohr zu flüstern, wenn das Duell für Ackermann einen ungünstigen Ausgang nahm; er erinnerte sich ferner auch, daß er dem Oberst strenge Verschwiegenheit gelobt hatte.
„Kennen Sie diese Worte?" fragte Vera.
„Ja, ich kenne sie", erwiderte er verwirrt; „aber ich bitte Sie dringend, gnädige Frau, fragen Sie nicht weiter; ich würde Ihnen die Antwort schuldig bleiben müsien."
„Ich will nur wissen, wer sie Ihnen genannt hat", sagte Vera ungeduldig, und in ihren dunklen Augen blitzte es dabei unwillig auf.
„Auch das darf ich Ihnen nicht sagen!"
„War es nicht der Oberst Johnson?"
„Verzeihen Sie, mich bindet mein Wort!"
„Seltsam!" sagte Tante Lina. „Sie haben kaum das Ende meines Neffen erfahren, so kennen Sie auch schon das Geheimniß und gesellen sich zu denen, die —"
„Nicht doch, Ihre Vermuthungen gehen zu weit, ich kenne es nicht", unterbrach der Referendar sie; „was ich erfuhr, hat wenig oder gar keine Bedeutung, und wenn ich selbst dieses Wenige verschweigen muß, so zwingen mich eben triftige Gründe dazu."
„Triftige Gründe?" erwiderte Vera bitter. „Gilt Ihnen denn unser Seelenfrieden gar Nichts? Kann auch die Rücksicht auf uns Sie nicht bewegen —"
„Ein gegebenes Wort zu brechen? Nein, gnädige Frau! Aber wenn ich auch Alles berichten wollte, was ich weiß, so würden Sie damit keinen Schritt weiter kommen."
„Sonderbar, daß diese Worte mir wieder begegnen müssen!" sagte Vera nach einer Weile. „Vor einigen Tagen erhielt ich von unbekannter Hand einen Brief, der Nichts weiter enthielt als diese Worte. Und denselben Brief sah ich in der Hand meines Mannes, der durch ihn in fieberhafte Aufregung versetzt wurde. — Sie wissen, wer uns jene Briefe geschickt hat — Sie wissen auch, wer die Worte auf diesen Stein schrieb — weshalb wollen Sie uns den Namen nicht nennen?"
„Ich kenne ihn nicht, gnädige Frau", erwiderte er. — „Wohl könnte ich eine Ahnung aussprechen, aber —"
„Oberst Johnson?"
„Ich habe diesen Namen nicht genannt —"
„Sie denken auch, dem Menschen sei die Sprache gegeben, um seine Gedanken zu verbergen", sagte Vera in vorwurfsvollem Tone. „Aber wer auf meine Freundschaft Anspruch machen will, der muß vor allen Dingen aufrichtig sein."
Sie winkte dem Todtengräber, der langsam näher kam. Der Referendar trat zurück. — Ihn verstimmte es, daß er nicht reden durfte, und im Innersten zürnte er dem Oberst, der ihn in diese unangenehme und peinliche Lage gebracht hatte.
„Ihr habt diesen Hügel gut gepflegt", wandte Vera sich zu dem Greis, der mit der Mütze in der Hand vor ihr stand; „seid versichert, daß ich Euch dafür nach Verdienst belohnen werde."
„Im Sommer ist es hier schöner", erwiderte der alte Mann, dessen runzeliges Gesicht ein freudiges Lächeln verklärte, „wenn die dunklen Rosen und die rothen Nelken hier blühen. Die Trauerweide macht zu viel Schatten; ich werde einige Aeste abschneiden müssen, damit die Rosen mehr Sonne haben und reicher blühen können. Sie waren schon einmal hier, Madame. Damals grünte noch kein Grashalm


