Hießener Jamilienbläller.
Bs^eZristisches Keiblatt fam Gießener AnrelHer.
91 ”” Donnerstag den 5. August. 1886.
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Saat und Ernte.
Roman von Ewald Augufst König.
(Fortsetzung.)
Der Wirth blickte eine Weile stnnend vor sich hin, dann nickte er zustimmend; die Erklärung seiner Frau schien ihn vollständig zu befriedigen.
„Na, ich werde ihn natürlich nicht mit Fragen deshalb belästigen", sagte er; „aber leid thut es mir, daß er den schlechten Tausch machen soll — im „Eber" kann er sich nicht wohl fühlen."
„Um so höher wird er später die Vorzüge unseres Hauses schätzen", scherzte Marie; „also hat der Tausch für uns auch eine gute Seite."
Damit verlieb sie das Zimmer, und der Wirth ging gleich darauf in seine Wohnstube, um an das Forstamt zu schreiben und seine Beschwerde über den Förster Hellmuth einzureichen.
11. Capitel. Entdeckungen.
Der Referendar hatte die Damen auf dem Bahnhofe empfangen und sie in dm „Weißen Hirsch" geführt, wo sie schon in der ersten Stunde, da für ihre Ankunft Alles vorbereitet war, sich wohl und heimisch fühlten.
Tante Lina fragte gleich nach ihrer Ankunft nach dem amerikanischen Oberst. Rommel war darauf vorbereitet, und des Versprechens eingedenk, das er dem Freunde gegeben hatte, erwiderte er, Oberst Johnson sei heute wieder abgereist.
Vera schien über diese Nachricht bestürzt zu sein; sie flüsterte der alten Dame einige Worte zu, die der Referendar nicht verstand und die Tante Lina mit einem bedauernden Achselzucken beantwortete.
Am Tage darauf gingen die Damen auf den Friedhof. Emil Rommel hatte sich ihnen ange- schlosien.
Einige Minuten lang standen sie schw igend vor dem Grabe; dann wandte Tante Lina sich zu ihrer Nichte, mit einem Blick voll herzlicher Theilnahme und voll Liebe und Güte sie anschauend:
„Hier ruht Dein unglücklicher Bruder, mein liebes Kind", sagte sie leise mit bebender Stimme. „Ich habe Dich hierhergesührt, um Dir einige Eröffnungen zu machen, die ich Dir nicht länger verheimlichen darf, so gern ich es auch gewollt hätte. Sei gefaßt, Ludmilla, Klagen und Thränen ändern Geschehenes nicht — Dir und uns Allen bleibt der
Trost, daß nicht der leiseste Mackel auf der Ehre Deines Bruders ruht. Er ist keines natürlichen Todes gestorben, wie Du bisher glaubtest — eine Kugel hat seinem hoffnungsvollen Leben ein Ende gemacht, und seine eigene Hand —"
Sie brach ab, um das leise schluchzende Mädchen zu umschlingen und an sich zu ziehen. Vera und der Referendar waren zur Seite getreten.
„Ich ahnte es, Tante", erwiderte Ludmilla nach einer Pause. „Fragen mochte ich nicht, aber mitunter vernahm ich eine Aeußerung, die meine Ahnung bestätigte. Nicht an einen Selbstmord, sondern an ein Duell dachte ich dabei, und nun Du mir dies enthüllt hast, darfst Du mir auch nicht länger die Gründe verschweigen, die ihn zu dieser That trieben."
„Uns Allen, die wir hier flehen, sind diese Gründe unbekannt", sagte die alte Dame seufzend; „sie sind uns bis zu dieser Stunde ein dunkles Räthsel geblieben, das wir nicht zu lösen vermögen.''
„Nur das Eine wissen wir, daß es keine unehrenhafte Gründe gewesen sind", fügte Vera hinzu, „das halten Sie fest, Ludmilla — und wenn Andere das Gegentheil behaupten wollen, so glauben Sie ihnen nicht."
„Nein, ich werde es nicht glauben', sagte Ludmilla entschlossen, die ihre Fassung wiedergefunden hatte. „Ich werde niemals dulden, daß man einen Mackel auf seinen Namen wirst. Kann ich mich auch des Bruders nur noch dunkel erinnern, da ich als achtjähriges Mädchen ihn zum letztenmale gesehen habe, so weiß ich doch, daß er den ritterlichen Sinn und das scharf ausgeprägte Ehrgefühl unseres Vaters besaß."
„Und dieses scharf ausgeprägte Ehrgefühl hat ihm das frühe Ende bereitet", erwiderte der Referendar.
„Vielleicht!" wiederholte Vera leise.
„Er war das Opfer seiner eigenen Ehre!"
Ueberrascht blickten die Damen den jungen Mann an, der in Sinnen versunken vor sich hinschaute.
„Wer hat Ihnen das gesagt?" fragte Ludmilla.
„Oberst Johnson."
„Er?' sagte Vera erregt. „Hat er den Todten gekannt?'
„Wie er behauptet — ja."
„Er sagte ja auch mir, daß Hermann von Sal- ’ berg sein Schulkamerad gewesen sei", versetzte Tante Lina.
! „Freundschaften, die in der Schule geschlossen werden, währen selten über die Schulzeit hinaus", erwiderte Vera, deren Blick voll fieberhafter Er-


