264

fremder Staaten zur Hebung derselben und,die einzelnen Verwendungszwecke der verlangten 100 000 Mark des näheren schildert. Das Reich, wird in dieser Denkschrift gesagt, sei unbedingt in Anspruch zu nehmen, da die volkswirthschaftliche Bedeutung der Frage über die Grenzen der See-Uferstaaten hinausreiche und die Interessen der Kriegsmarine hervorragend betheiligt seien. Als Verwendungs­zwecke sind bezeichnet: Gewährung von Unterstützungen und Darlehen zur Anschaffung guter Fahrzeuge und Fanggeräthe, sowie zur Errichtung von Eishäusern und Thrankochereien, Unterstützung von Fischerei- Genossenschaften bei Anschaffung von Dampfern, Anlegung von Häfen und Sturmsignalstationen re. 2t.

Auch der Emdener Fischereigesellschaft, welche vom preußischen Staate mit einem Darlehen von 150 000 Mark unterstützt worden war, ist der Be­ginn der Verzinsung um weitere fünf Jahre hinaus verlegt worden.

Um aber ein Bild von der Größe der Hochsee­fischerei überhaupt zu erlangen, mögen folgende statistischen Zahlen und Schätzungen dienen.

In Europa werden durch die Seefischerei etwa 500 000 Arbeiter, die mit ihren Familien zwei bis drei Millionen Seelen repräsentiren, beschäftigt, und zwar gewinnen dieselben jährlich denr Meere für 250300 Millionen Mark Werth an Fischen ab.

Das wichtigste Objekt ist zunächst der Kabeljau oder Dorsch mit seiner Verwandtschaft, ferner der Schellfisch u. a., die, zu Klippfisch, Stockfisch, Laber­dan, Leberihran (aus Dorschleber) und Fischguano verarbeitet, einen großartigen Handelsartikel bilden. Auf der Bank von Neufundland und den an­grenzenden Gebieten, wo von Anfang Juni bis Mitte September über 20 000 Fahrzeuge mit je 78 Mann Besatzung von den britischen Kolonien, Nordamerika und Frankreich aus fischen, beträgt der Werth des jährlichen Fanges über 30 Millionen Mark. Norwegen beschäftigt mit dem Fange des großen Bankdorsch oder Skrei westlich von den Sofoben in der Zeit vom Januar bis Ende April mehr als 16000 Fahrzeuge mit gegen 70 000 Menschen, die ihre Beute fast ausschließlich nach dem Hauptstapelplatz Bergen bringen.

Nächst den dorschartigen Fischen sind die herings­artigen Fische (der Hering und Breitling oder Sprott im Norden Europas, Pilchard oder Sardine und Anchovis oder Sardelle im Süden, Menhadeu oder Bunker an der Nordostküste der Vereinigten Staaten) die wichtigsten Objekte der Seefischerei. Am großartigsten ist der Fang an der Ostküste Großbritanniens, wo Schotten, Engländer und Hol­länder vom Juli bis September auf Heringe Hoch­seefischerei betreiben. Schottland allein besitzt über 7000 Heringsfahrzeuge, mittelst welchen jährlich über 1000 Millionen Heringe gefangen werden. Der Werth des gejammten norwegischen Herings- und Sprottfangs beträgt jährlich über 10 Millionen

Mark. Der Fang des Pilchard (Sardine) und des Anchovis im Mittelmeere dürfte eine gleiche Werth­summe wie die des Herings im Norden repräsentiren.

Der Gesammtertrag, den die einzelnen Staaten jährlich aus der Seefischerei gewinnen, läßt sich für Großbritannien auf ca. 100 Millionen Mark, für Frankreich auf ca. 70 Millionen Mark und für Norwegen auf ca. 30 Millionen Mark veranschlagen.

So bedeutend nun diese Zahlen der genannten Staaten und so werthvoll die Erträgnisse für die gesammte Volkswirthschaft und den Nationalwohlstand sind, um so mißstimmender ist es, die Zahlen zu nennen, welche Deutschland jenen entgegenzustellen im Stande ist.

Deutschland, welches jetzt mit ca. 1750 km dem Meere geöffnet ist, consumirt jährlich für ca. 40 Millionen Mark gesalzene Fische, die es vom Aus­lande bezieht, während der Consum frischer See­fische ein so unbedeutender ist, daß nur 1 1 */2 k auf den Kopf der Bevölkerung entfallen. Bei der Bedeutung des Fisches als Nahrungsmittel und im Hinblick auf die unermeßlichsten Fischereigründe in der Nordsee, war es daher die höchste Zeit, dieselben mehr und mehr aufzuschließen und die Produkte der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Durch einen rationelleren Betrieb der Hochseefischerei aber und durch Verbesserung der Transportwege und das dadurch entstehende billigere Angebot läßt sich der Konsum erheblich steigern, und dadurch, und das ist die Hauptsache, bleibt das Geld dem eigenen Vater­lande erhalten. In London werden an Seefischen, Austern, Hummern, Krabben rc. jährlich pro Kopf ca. 30 k verzehrt, das ist mehr als in Deutschland für die gesammte Fleischkost pro Kopf zu rechnen ist. Von den ca. 4000 Millionen Heringen, die jährlich gefangen werden, kommen auf deutsche Häfen kaum 30 Millionen, ein Fingerzeig, welche Ausdehnung die Heringsfischerei noch gewinnen muß, um darin die anderen Staaten zu erreichen.

Die Hochseefischerei bietet aber noch eine andere beachtenswerthe und nicht hoch genug zu schätzende Seite. Der Seefischer ist immer auch ein ausge­zeichneter Seemann, und daher kommt es, daß die englische Flotte, deren Matrosen vorzugsweise aus der Fischerbevölkerung rckrutirt werden, zu den besten aller Flotten zu zählen ist. Nur mit Hilfe seiner Seefischer durch Ausrüstung von Kaperschiffen war Nordamerika seinerzeit im Stande, England, die Spitze zu bieten, und besonders haben die Grön­landfahrer durch ihre Unerschrockenheit und ihr Ver­trautsein mit den mannigfaltigen Gefahren, die die See tagtäglich bietet, die Vortrefflichkeit ihrer Schule bewiesen. Eine achtenswerthe deutsche Seefischerflotts wird auch für die deutsche Marine eine nicht zu unterschätzende Nekrutirungsbasis liefern, und ganz besonders dadurch hat der deutsche Staat ein sehr hohes Interesse an der Enwickelung und Empor­hebung der Hochseefischerei. Egon W.

Aedsctionr A- Acheyd«, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.