Ausgabe 
5.6.1886
 
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Lachen Sie immerhin, Sie gehen ja doch nur zu gern mit I"

Behaupten Sie das nicht zu fest"

Bah, den Teufel fpürt das Völkchen nie, und wenn er es am Kragen hätte!" spottete der Buch­halter.Und Du bist noch nicht der Mann, den Teufel festzuhalten! Was halten Sie von diesem Hauptmann Görlitz?"

Ich kenne ihn noch zu wenig, um über ihn ur- theilen zu können".

Kein Talent, doch ein Charakter, meinen Sie nicht auch?"

Möglich allerdings, aber ehe wir urtheilen müssen wir ernst prüfen." *

Natürlich", nickte Maiwind,hab' ich des Menschen Kern erst untersucht, so weiß ich auch sein Wollen und sein Handeln!"

Die Herren werden entschuldigen, wenn ich mir eine Frage erlaube", sagte in diesem Augenblick eine sonore Stimme; ich bin fremd in dieser Stadt und weiß mich nicht zurecht zu finden."

Die Freunde blickten aus; vor ihnen stand ein elegant gekleideter, breitschultriger Herr, dessen äußere Erscheinung im ersten Moment einen etwas seltsamen Eindruck machte.

Er trug eine Brille mit blauen Gläsern, das dunkelblonde Haar fiel langgelockt bis auf die Schultern nieder, und ein langer blonder Bart um­rahmte das wettergebräunte Antlitz.

Wohin wünschen Sie, mein Herr?" fragte der Referendar.

Ich bin gestern hier angekommen und wohne im Englischen Hof", erwiderte der Fremde.Nun habe ich mich auf einem Spaziergange durch die Stadt verirrt"

Es irrt der Mensch, so lang' er strebt!" unter­brach ihn der Buchhalter.Wir gehen denselben Weg und werden am Englischen Hofe vorbeikommen. Wollen Sie sich uns anschließen, so kann Ihnen geholfen werden."

Ich bin Ihnen sehr dankbar, meine Herren.^

Ah, bah, Dank vom Haus Oesterreich erwarte ich nicht!"

Ihre Citate sind hier übel angebracht", sagte der Referendar ärgerlich,sie könnten mißverstanden werden."

Mißverstanden?" erwiderte Maiwind, indem er stehen blieb.Da könnte ich wohl zuerst fragen: Wer ist das? Durch welchen Mißverstand hat dieser Fremdling zu Menschen sich verirrt? Darin bin ich komisch, und mag es Sie noch so sehr ärgern, ich sag's Ihnen noch einmal: Darin bin ich Dir über!"

Rommel blickte besorgt den Fremden an.

Nehmen Sie das meinem Freunde nicht übel", sagte er,ohne seinen Citatenschatz kann er nicht leben, und ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode!"

Ein feines Lächeln glitt über das Antlitz des Fremden.

Diese kleine Schwäche hat nichts Verletzendes", erwiderte er;ich bitte die Herren sich keineswegs zu geniren; mich freut's, mit heiteren Naturen zu verkehren."

(Fortsetzung folgt.)

Deutschlands Kochseestscherei.

(Nachdruck verboten.)

Nachdem seit länger als Jahresfrist in alle Kreise der Bevölkerung die Ueberzeugung gedrungen ist, daß unsere Hochseefischerei andern Völkern gegen­über ein ganz beklagenswerth brach darniederliegendes Feld deutscher Erwerbsarbeit ist, und nachdem man auch an maßgebender Stelle eingesehen hat, daß diese ungesunden, eine aufsteigende Entwickelung lähmenden Zustände nicht länger mit unserer übrigen wirth- schaftlichen Wohlfahrt vereinbart bleiben können, ist in kurzen aufeinander folgenden Zeiträumen und nachdem viel Worte gewechselt worden waren, ganz energisch zu Thaten vorgeschritten worden.

Zu den wichtigsten letzteren gehören die in vielen Küstenstädten ins Leben gerufenen Unternehmungen für den zweckdienlichsten Betrieb der Hochseefischerei, wobei die Fischereigesellschaft von Rostock, weil sie dem über 1^ Million Seelen zählende Berlin täg­lich frische und billige Fische zuführen kann, sicher eine der hervorragendsten Stellungen einnimmt.

Die vorgedachte Gesellschaft stellt 12 Smacks mit einem Ladedampfer in Betrieb, einzig und allein zu dem Zwecke, die Fischereigründe der Nordsee auf­zusuchen. Der Dampfer selbst, mit Eisfütterung ausgestattet, dient dazu, den Fang der in der Nord­see unausgesetzt fischenden Flotte jeden Mittag nach Warnemünde zu führen, von wo aus die Fische durch die neuen Bahnverbindungen Warnemünde- Rostock-Vrrlin noch am Abend desselben Tages den Markthallen des letztgenannten Ortes in vollständig frischem Zustande zugeführt werden können.

Weit mehr jedoch als Privatgesellschaften inte» ressirt sich die Regierung und speciell der Reichs­kanzler Fürst Bismark für die Zustände der Hoch­seefischerei.

So ist dem Bundesrathe zur Erläuterung des neuen Reichsetatentwurf in den 1886/87 aufgenommenen Titels:100 000 Mark zur Hebung der Hochsee­fischerei" vom Reichskanzler eine Denkschrift vorge­legt worden, welche den früheren und den gegen­wärtigen Zustand des Fischereigewerbes in der Nord- und Ostsee, Deutschlands Betheiligung an der Heringsfischerei der Nordsee, die Verhältnisse der Emdener Gesellschaft, den Werth der Fischereieinfuhr nach Deutschland, die wirthschaftliche und die mili­tärische Bedeutung der Seefischerei, die Maßnahmen