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„Sie sind sehr freundlich, und ich danke Ihnen dafür; aber wir wollen die kommenden Dinge abwarten, vielleicht sind meine Befürchtungen auch grundlos. Es ist ja möglich, daß man damals auch die Leiche eines Unbekannten gefunden, und daß der Gefangene wirklich den Banquier ermordet hat, der ja zu derselben Zeit ebenfalls in Wiesbaden gesehen wurde."
„Nun, wie Sie wollen, gnädige Frau", sagte der Hauptmann, an den Spitzen seines Schnurrbarts drehend; „erscheinen Ihnen meine Dienste in dieser Angelegenheit wünfchenswerth, so stehe ich gern zur Verfügung."
Madame Schirmer verneigte sich dankend und warf einen raschen, forschenden Blick auf die Thür, durch welche die beiden Mädchen sich entfernt hatten.
„Es wäre mir gewiß sehr fatal, wenn jenes Ereigniß noch einmal besprochen und die öffentliche Meinung mit ihm beschäftigt würde", nahm sie wieder das Wort, „und doch stände das zu erwarten, wenn die Zeitungen sich dieses Stoffes bemächtigten und Sensationsberichte daraus schmiedeten. Es sind schon damals unliebsame Gerüchte laut geworden, die mich empörten, denen ich aber leider nicht entgegentreten konnte."
„Gerüchte? Welcher Art?"
„Man wollte behaupten, Hermann habe am grünen Tisch in Wiesbaden hoch gespielt und Alles verloren; das allein sei der Grund, der ihn zum Selbstmord getrieben habe. Dadurch, daß man bei der Leiche weder Geld, noch Uhr und Ringe gefunden hatte, wurde diese Behauptung scheinbar bestätigt und dennoch war sie nach meiner Ueberzeugung vollständig aus der Luft gegriffen. Erstens befand Hermann sich nicht auf einer Erholungs- oder Vergnügungsreise; wäre dies der Fall gewesen, so würde er sicher zum Besuch hierher gekommen sein, denn er hatte seine Schwester seit vier Jahren nicht gesehen und hing mit inniger Liebe an dem Kinde. Zweitens hätte ein kleiner Verlust an der Spielbank ihm keine großen Sorgen gemacht; er war reich genug, um ihn verschmerzen zu können. Und drittens war er auch nicht der Mann, der wegen einer solchen Kleinigkeit Hand an sein Leben legte. Sie haben ihn ja gekannt. Sie kennen auch die Gründe, welche ihn zu der unseligen That bewogen haben, und ich glaube, Sie werden mir Recht geben."
„Ganz gewiß", erwiderte der Hauptmann, indem er sich von seinem Sitz erhob; „ich glaube auch nicht, daß er so kurz vor seinem Tode in Wiesbaden gespielt haben soll, und deshalb befremdet es mich, daß man seine Uhr, seine Ringe und seine Börse nicht bei der Leiche gefunden hat. Indessen, wer kann heute noch erforschen, wo jene Gegenstände geblieben, und im Großen und Ganzen wäre es auch zwecklos, sich den Kopf darüber zu zerbrechen; man hätte diese Nachforschungen damals anstellen müssen."
„Ich äußerte mein Befremden schon derzeit, aber man entgegnete mir, es sei nicht die erste Leiche, die
man ohne Baarschaft und ohne Werthsachen im Wiesenthaler Walde gefunden habe; die Wiesbadener Spielbank fordere jährlich ihre Opfer. Ich habe auch dagegen protestirt, und nun fragte man mich, ob ich auf den Forsthüter einen entehrenden Verdacht werfen wolle? Der Mann sei ehrlich und ich könne durch diesen Verdacht ihn und seine ganze Familie ins Unglück bringen. Da ließ ich's denn laufen; ich konnte ja nicht einmal beweisen, daß mein Neffe zur Zeit seines Todes die Werthgegenstände noch besessen hatte."
Herr von Görlitz wiegte gedankenvoll das Haupt und blickte eine geraume Weile schweigend vor sich hin.
„Möglich wäre es, daß der Vagabund, von dem der Referendar sprach, damals die Leiche beraubt hat", sagte er; „aber gesteht er das nicht selbst ein, dann ist es wohl besser, daß wir uns ebenfalls nicht hineinmichen und das Gericht auf diese Möglichkeit nicht aufmerksam machen. Und nun nochmals meinen Dank für die herzliche Aufnahme, die ich in diesem Hause gefunden habe! Ich werde meinen Burschen unverzüglich die nöthigen Befehle geben, damit ich heute Abend noch einziehen kann."
Er bot der alten Dame die Hand, und ihr sinnender Blick ruhte noch lang auf der Thür, durch die er hinausgeschritten war.
„Er kennt das Geheimniß und darf es nicht enthüllen!" sagte sie leise. „Sollte er absichtlich eine Wohnung in diesem Hause gesucht haben? Sollte er — aber weshalb quäle ich mich mit Sorgen und Befürchtungen! Warten wir die kommenden Dinge ab; ich kann'S um so ruhiger, weil er den Eindruck eines ehrenwerthen Mannes aus mich gemacht hat. Und vielleicht erforsche ich jenes Geheimniß doch noch im Laufe der Zeit!"
Sie schell e der Magd und befahl ihr, den Speisesaal in Ordnung zu bringen; dann ging sie mit ernster, gedankenvoller Miene in das Wohnzimmer.
2. Kapitel.
Eine interessante Bekanntschaft.
„Welche Richtung wählen wir?" fragte Ser Referendar, als er mit seinem Freunde das^Haus der Madame Schirmer verlassen hatte.
„Gehen wir rechts", erwiderte Maiwind nach kurzem Besinnen, während er seinen Paletot zuknöpfte und die Hände in die Seitentaschen schob.
„Sie wollten ja einen Spaziergang machen, auf diesem Wege aber gelangen wir mitten in die Stadt hinein."
„Was schadet das? Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt. Zweifeln Sie daran?"
„Keineswegs", sagte der Referendar achselzuckend. „Das also war des Pudels Kern? Jn's Wirthshaus wollen Sie? Der Casus macht mich lachen.".


