Ausgabe 
5.6.1886
 
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Hichener Jamiüenblätter.

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M. 66. Samstag den 5. Juni. 1886.

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Saal und KrnLe.

Roman von Ewald August König.

(Fortsetzung.)

Davon hatte ich keine Ahnung", sagte er kopf­schüttelnd,wie ich überhaupt niemals etwas Näheres über das Ende dieses Mannes vernommen habe. Ich war zu jener Zeit auf Remonte-Kommando in Ostpreußen; erst nach meiner Rückkehr erfuhr ich, daß Hermann von Salberg sich erschossen habe."

Und wie Sie vorhin behaupteten, waren Ihnen die Gründe bekannt."

Ich bitte Sie noch einmal, gnädige Frau, auf diesen Punkt nicht zurückzukommen", erwiderte er ernst, und dunkle Schatten umwölkten plötzlich seine Stirne;ich habe damals mein Ehrenwort darauf gegeben, das Geheimniß zu bewahren, und wollte ich es h ute enthüllen, so würde dadurch an der Thatsache Nichts geändert, wohl aber neue Aufregung hervorgerufen."

Also war meine damalige Vermuthung be­gründet?" sagte sie und ihr Blick, der durchdringend auf ihm ruhte, schien seine geheimsten Gedanken er­forschen zu wollen.Als ich seinen Abschiedsbricf empfing, ahnte ich gleich, daß ein dunkles Geheim­niß dieser That zu Grunde liegen müsse. Ich habe mir Mühe gegeben, es zu erforschen, aber es gelang mir nicht, das Dunkel zu lichten; überdies nahmen auch meine eigenen Angelegenheiten mich zu sehr in Anspruch, denn an demselben Tage, an dem ich den Brief meines Bruders erhielt, empfing ich auch die Nachricht von dem Bankerott und der Flucht des Banquiers."

Und was schrieb Hermann von Salberg Ihnen?" fragte der Hauptmann.

Nichts weiter, als daß er aus Gründen, die er nicht angeben könnne, aus diesem Leben scheiden müsse. Er bat mich, seiner Schwester eine treue Freundin zu bleiben und ihr nur dann, wenn ich durch die Verhältnisse dazu genöthigt werde, Auf­schluß über das Ende ihres Bruders zu geben. Dieser Brief war in Wiesbaden zur Post gegeben, eine Adresse enthielt er nicht, und in der Stunde, in der ich ihn empfing, mußte mein Neffe seine un­selige That schon ausgeführt haben. Was in meinen Kräften lag, ihn in Wiesbaden aufzusuchen und ihn von jenem Schritt zurückzuhalten, das habe ich gethan, aber alle Bemühungen blieben fruchtlos, rote sich das roohl auch voraussehen ließ. Und roie

i gesagt, ich hatte mit- meinen eigenen Angelegenheiten | so viel zu schaffen, daß ich kaum einen klaren Ge- s danken fassen konnte. Einige Wochen später erst I empfing ich die erste Nachricht über das Schicksal l meines Neffen. Der Kommandeur seines Regiments ? schrieb mir, die Leiche des Unglücklichen sei in der I Nähe von Wiesenthal bei Wiesbaden gefunden und s auf dem dortigen Friedhof beerdigt worden. Sobald l ich abkommen konnte, bin ich nach Wiesenthal gereist, * um nähere Erkundigungen einzuziehen. An einer i selten besuchten Stelle des Waldes hatte ein Forst- - Hüter die gänzlich entstellte Leiche gefunden. Sie z mußte schon zehn oder zwölf Tage dort gelegen j haben, neben ihr fand man einen Revolver und in > den Taschen des Paletots nicht nur ein Portefeuille - mit Visitenkarten, die den Namen Hermann von Sal- s berg trugen, sondern auch andere Gegenstände, die ; ich, als sie mir vorgelegt wurden, als das Eigenthum ! meines Neffen anerkennen mußte. Aus Briefen und i anderen Papieren, die man ebenfalls in dem Porte- : feuille fand, hatte man seine Adresse gesehen und j daraufhin dem Regiment Mittheilung gemacht. Das ; Regiment erklärte sich sofort bereit, die Kosten der Beerdigung zu übernehmen, und mir blieb jetzt nur noch übrig, einen Denkstein auf das Grab fetzen zu lassen."

Und Fräulein Ludmilla?" sagte Herr von Gör- ; litz, von dessen Stirne die dunklen Schatten nicht i schwinden wollten.

Sie weiß nur, daß ihr Bruder auf einer Dienstreise verunglückt ist; aber ich fürchte, daß die ! Nachforschungen des Untersuchungsrichters mich nun zwingen werden, ihr die volle Wahrheit mitzu- theilen."

Wenn das vermieden werden könnte"

Auf die Dauer schwerlich, Herr Hauptmann! Lud­milla kann später einmal in die Kreise kommen, in - denen man das Schicksal ihres Bruders kennt, und i ein unbedachtes Wort hat schon oft Unheil gestiftet. | Wenn ich glauben könnte, daß es in der Möglich- ! kett liege, ihr die Enthüllung jenes furchtbaren Ge- ; heimnisses für ihr ganzes Leben fern zu halten, ! dann würde ich dem Referendar Alles berichten"

Verzeihen Sie, gnädige Frau; wäre es nicht rathsam, ihn vorzubereiten? Er wird ohnehin Alles \ erfahren"

Nein, nein, jetzt noch nicht; ich kann mich nicht ; entschließen, ihm aus freien Stücken diese Mittheilung ; zu machen."

Wenn Sie es wünschen, will ich das über« l nehmen."