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ba§ ist es eben, was ich meine und was mir diese Welt der Messe so interessant macht, nämlich wie sich da Jeder seine aparte Geschichte zusammendenkt und so lange wiederholt, bis er sie selber glaubt. Dazwischen laufen ganz ergötzliche Charlatanfiguren mit unter, denen man in Bezug auf die schlimme Seite ihrer Thätigkeit schon ziemlich vielseitig, aber immer noch zu wenig das Handwerk gelegt hat. Solche Leute kennen ihr Publikum stets genau und tragen deutlich den Stempel der Schlauheit aus den Zügen; was dabei drollig ist, ist die Art ihres Auftretens. Ich will hier eine kleine Geschichte mittheilen, die ich bei Gelegenheit in Erfahrung brachte und die in Oberbayern passirte.
Aus einem größeren Orte dort war vor etwa 20 Jahren ein 15 jähriger Bube, nichtsnutzig und voll schlechter Streiche, seinen Eltern entlaufen, ohne daß man je wieder von ihm gehört. Jetzt kam die jährliche Frühlingsmesse; Kameeltreiber, Affen, Seiltänzer, Automaten, Zauberer, Riesendamen rc. unter anderen auch ein stattlich aufgeputzter Mann in türkischer Weste von rothem Tuche, grünem Rocke mit Goldschnüren und blanken Knöpfen, hohen Stiefeln mit Sporcngeklirre und einem weißen Federhnte, eine sehr ernste Miene zeigend. Der Fremde, den guten Städtlern wie ein hoher Kriegsmann erscheinende Herr, war — Niemand anders als der vor 20 Jahren entlaufene Jockel und die biederen Spießbürger erstaunten höchlich, was man da draußen in der Welt doch werden könne. Selbst die Tafelrunde aus dem Löwen bei der Kirche eilte auf den Markt hinaus, die Pfeife in der Hand, und Alle, sich selber klein und beklommen fühlend, vernahmen den höflichen Gruß des „Fremden", den sie linkisch so gut sie konnten auch ihrerseits grüßten, um sodann zu hören, „daß nur die Liebe zu der theueren, ewig unvergeßlich gebliebenen Heimat den Landsmann wieder hergeführt habe aus Asien und Afrika, wo Alles schwarz aussehe."
Man wurde belehrt, der ehemalige Jockel sei jetzt ein gescheidter Doktor, der mit vielen geheimen Mitteln gegen die Krankheiten der Gegend zu Felde ziehen wolle. „Kommt nur vor mein Kurhaus morgen dort hinten bei der Linde, Ihr lieben Seute; und Ihr werdet Wunder der Wissenschaft erleben", sprach er freundlich lächelnd und drückte allen die Hände.
Und siehe da, Alle kamen, Kranke und Gesunde und er redete sie an: „Seht, Freunde, ich habe die Ehre, hier unter Euch geboren zu sein; glaubt mir, das ich das nie vergessen habe und daß ich, seit ich, vor jetzt 20 Jahren von Euch ging, Tag und Nacht sann, wie ich meiner Vaterstadt zu Nutzen und Ehre sein könne. Nach mühevollem Sinnen habe ich das Mittel gefunden. Heute mache ich den Anfang, indem ich einem Jeden unter Euch zwei Gulden verehre. Ihr dürft sie nehmen, thenre Freunde, ohne Besinnen, denn sie fommen aus redlicher, guter Haud. Aber, das sage ich Euch, wer
nicht hier aus dem Orte ist, der erhält nichts, nur meine lieben Landsleute will ich glücklich machen." Da standen sie Alle verblüfft und gafften den edlen Mann an, der einer That fähig war, zu der von ihnen selbst keiner sich hätte emporschwingen mögen. Und der Uneigennützige, der Wohlthäter selber, er stand und ließ sich bewundern und Hochpreisen; einen großen seidenen Beutel hob er wiederholt empor und lächelte freundlich und liebreich milde, dann fuhr er fort: „Ich weiß sehr wohl, daß ihr nicht habsüchtig seid und auch nicht so arm, um die zwei Gulden, die ich die Ehre haben werde, Euch zu schenken, besonders sehr zu begehren, vielmehr überwiegt sicher die Freude in Euch, einen alten treuen Landsmann und uneigennützigen Freund so plötzlich wiedergefunden zu haben. Nun seht, hier diesen Beutel von blauer Seide aus dem großen Reiche der Japa- nesier. Wißt Ihr, was drinnen ist? Nein, aber ich will es Euch sagen. Es steckt was drinnen, das der ganzen Welt Heil und Rettung bringt, ein Päckchen mit Pillen und ein Päckchen mit Pulver und ein Päckchen mit Pflaster. Mein Wort darauf als redlicher und studirter Mann, weder Hahnemann noch Hippokrates, noch Aesknlapius, weder Galenus noch Theophrastus, noch alle Propheten der Erde hatten solche Mittel. In Aegypten und Syrien und Brasilien erhielt ich sie von weisen Männern und bringe sie hierher, um weise Männer zu beglücken. Wer dieses Pulver am Neujahrstage nüchtern nimmt, ist fest vor allen Kugeln und schlägt ihm ein Hieb den Kopf mitten durch, so macht das garnichts, denn das Pflaster heilt ihn sofort oder längstens binnen vierundzwanzig Stunden. Die Pillen heilen jede innere Krankheit und verlängern das Leben um volle 30 Jahre.
Seht, diese wundervollen Mittel verabfolge ich überall für 2 Gulden und 40 Kreuzer und wer mir einen Kreuzer mehr böte, den würde ich als meinen Todfeind ansehen. Ihr aber seid mir liebe Freunde und werthe Landsleute und bei Euch mache ich eine Ausnahme. Halt, noch eins: das Pulver vertilgt die Runzeln und Sommerflecke und die Mädchen bleiben davon hübsch jung, besonders wenn sie am künftigen Lichtmeßtage etwas davon einnehmen mit frischer Milch. Und nun, was sagt Ihr, wenn ich Euch die Gulden erlasse und alle diese Mittel zusammen für 40 Kreuzer und auch das nicht einmal, sondern, da ich mir selbst eine Freude machen will, für 20 Kreuzer lasse?" — Das Gedränge wurde immer ärger uud trotz des haarsträubenden Unsinns hatte der fremde Doktor am Abend seine 90 Gulden eingenommen, mit welchen er den folgenden Morgen ganz uneigennützigerweise verschwunden war, ehe seine Mittel seinem eigenen Buckel zu gute kommen konnten.
Der Ort aber erfreute sich in Folge der allgemeinen Sucht, 30 Jahre länger zu leben, einer Ungeheuern Diarrhöe zum Andenken an den theueren Landsmann.
Martiv«: A. Schezd«. - DM und Herlag der Brühl'sch«» Druckerei (Fr. Chr, Pietsch) in Eichen,


