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„Aber Sie werden kommen, nicht wahr?"
„Ja, ich muß wohl, um mir dieses Räthsel lösen zu lassen. Ich habe ohnehin in der Stabt zu thun, mein Schwiegersohn Menzel hat sich zu einer Thorheit entschlossen, die ich ihm ausreden muß; ich werde jedenfalls gleich nach Tisch kommen."
Sonnenberg nickte befriedigt und kehrte ins Wohnzimmer zurück.
„Ich bin bereit, gnädige Frau", sagte er, und seiner ruhigen, fast heiteren Miene sah auch ein scharf beobachtender Blick nicht die Erregung an, die in seinem Innern tobte.
Die Stadträthin erhob sich und nahm Abschied von ihren Eltern; der Blick Madame Reichert's ruhte forschend auf dem Gatten, es schien fast, als hätte sie bereits den Zweck der geheimen Unterredung errathen, denn auch in ihren Zügen spiegelte sich geheime Besorgniß.
„Verlieren Sie die Hoffnung noch nicht", sagte sie, als er ihre Hand an seine Sippen zog, „was ich mir einmal vorgenommen habe, das führe ich auch durch, und ich vertraue darauf, daß ich Sie noch vor meiner Abreise als glücklicher Bräutigam begrüßen werde."
„Ich kann leider dieses Vertrauen nicht theilen, und deshalb beharre ich bei meiner Bitte, bemühen Sie sich nicht weiter", erwiderte er sehr kühl. „Auf Wiedersehen, Herr Reichert!"
Er bot der Stadträthin den Arm und führte sie hinaus, nicht lange darauf rollte der Wagen von dannen.
„Was wollte er von Dir?" fragte Madame Reichert jetzt ihren Gatten, der in fieberhafter Erregung mit großen Schritten das Zimmer durchmaß.
Der Banquier blieb stehen, zornig stampfte er mit dem Fuß auf den Teppich. „Ich wollte, wir hätten diesen Lump nie gesehen!" sagte er, mit den Zähnen knirschend.
„Weshalb, wenn ich fragen darf?"
„Weil er an jenem Abend spionirt hat, ich ver- muthe, daß er Alles weiß!"
„Alles?" sagte sie, und ihre magere Hand umklammerte seinen Arm so fest, daß er hätte aufschreien mögen. „Sagte er das?"
„Er deutete es nur an; er erwartet mich nach Tisch in seiner Wohnung."
„Drohte er Dir?"
„Er befahl mir, zu kommen, und in diesem Befehl lag Drohung genug, ich konnte sie nicht mißverstehen."
Sie ließ seinen Arm los, aber die grauen Augen blieben mit stechendem Blick unverwandt auf ihm ruhen.
„Ich erwarte, daß Du Dich nicht einschüchtern lassen wirst, wenn Deine Vermuthung begründet sein sollte," rief sie, und auch ihre Stimme klang jetzt befehlend. „Was kann er beweisen? Nichts! Seine Aussage ist nicht schwerer wiegend als die Deine und ich glaube, er wird seiner selbst willen
teilte Anklage wagen. Weise Alles zurück und lache ihn aus, wenn er droht".
„Und Du glaubst, daß ich damit von ihm loskommen werde?" fragte er spöttisch. „Da kenne ich diesen Mann doch besser; er wird mir das Messer an die Kehle setzen und ..."
„So laß sie Dir abschneiden, wenn Du keinen Mannesmuth mehr hast!" unterbrach sie ihn höhnisch. „Finden werden sie hier nichts, und ich für meine Person lasse mich nicht um die Ernte betrügen."
„Wenn wir mit einem kleinen Opfer die Gefahr beseitigen könnten, so wäre das doch vorzuziehen," warf er kleinlaut ein.
„Und was nennst Du ein kleines Opfer? Wäre es auch noch so klein, ihm würde es eine Waffe an die Hand geben, mit der er uns bis ans Ende unseres Lebens verfolgen könnte. Nein, darauf lasse Dich nicht ein, Oskar, reichst Du ihm den kleinen Finger, so räumst Du ihm damit das Recht ein, die ganze Hand zu fordern."
Fortsetzung folgt.
Km Uneigennütziger.
Marktskfize von Dr. F. Müller.
(Nachdruck verboten.)
Immer wenn in meinem Wohnorte die Frühjahrs- oder Herbstmesse stattsand, habe ich mich damit vergnügt, die von den „Künstlern" besuchten Gasthäuser zu durchstreifen, das eigenthümliche Treiben dieses Völkchens von ewigen Wanderern zu beobachten. S'ist so eine besondere Welt, in die ich gern einmal hineinschaute, weil sie dem Blicke ihr eigenes Humoristische wie Wehmüthige zu bieten hat. Kommt man mit den guten Leuten in nähere Berührung, so erfährt man stets, daß was Außerordentliches in ihnen stecke, eine gewisse Größe, der es nur an Diesem und Jenem und meistens nur am schnöden Gelde gefehlt habe, um den Erdball in Erstaunen zu setzen — und vielleicht ist es auch wirklich ein Gefühl besonderer Begabung, das solche Köpfe gewaltsam vorwärts, aber auch ans der geraden bürgerlichen Bahn hinausdrängte und sie, statt biedere, wohlgesetzte Staatsbürger — Zauberer, Professoren der Magie und dgl. werden ließ. Noch vor wenigen Wochen lernte ich so einen reisenden Sänger und Klavierspieler kennen, der sich und seine Frau durch die bekannten Kollekten in Wirthshäusern durchzubringen suchte. Der Mann hat was Besonderes an sich, auch abgesehen von der seinem Geschäft anklebenden Entbehrung und vom „Künstler- thum." Er theilte mir mit, er sei preußischer Ulanenoffizier gewesen, habe aus Liebe geheiratet, selbstverständlich gegen den Willen der beiderseitigen Herren Eltern — Fluch, Verstoßung in die Welt hinaus ic. Geglaubt habe ich's freilich nicht, aber


