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fragte Reichert höhnisch. „Wie kann sie nur so thöricht sein?"
„Sie sagte mir, daß sie auch jetzt noch an seine Unschuld glaube", erwiderte Sonnenberg, ihm einen Blick zuwerfend, der Reichert zu zwingen schien, die Augen niederzuschlagen. „Ich glaube sie gäbe willig ihr halbes Vermögen darum, wenn sie diese Unschuld beweisen könnte."
„Und wenn sie das fertig gebracht hätte, dann würde sie diesen Lump heirathen", sagte Madame Reichert, während ihre spitzen knochigen Finger auf der Tischdecke leise trommelten. „Das gäbe dann wieder Stoff zu interessanten Klatschgeschichten!"
„Aber daran ist ja gar nicht zu denken!" entgegnete ihre Tochter mit einem verächtlichen Achselzucken, „die Schuldlosigkeit Dornberg's zu beweisen, liegt ja gar nicht in der Möglichkeit. Giebt es denn gar kein Mittel mehr um Dora zu zwingen, die Verbindung einzugehen?"
„Wird sie heute Abend zu Dir kommen?" fragte Reichert.
„Rein, sie hat meine Einladung abgelehnt."
„Ich muß nun ebenfalls meine Zusage zurücknehmen", wandte Sonnenberg sich zu der Stadt- räthin. „Sie werden mir deshalb nicht grollen, gnädige Frau. Wenn Dora davon Kenntniß erhält, wird sie wohl kommen —"
„Nein auch dann nicht, sie hat es mir entschieden abgeschlagen."
„Man muß das Gerücht ihrer Verlobung mit Herrn Sonnenberg verbreiten", sagte Madame, deren Mundwinkel ein böser, tückischer Zug umzuckte, „das wäre nun wohl noch der einzigste Weg, um einen Druck auf sie zu üben."
„Und auf diesem Wege wird auch nichts erreicht werden", warf Reichert ein. „Wenn ihr das Gespräch lästig wird, reist sie ab, wir wissen ja, wie sehr sie geneigt ist, rasche Entschlüsse zu fassen."
„Ich bitte nochmals, bemühen Sie sich weiter nicht", sagte Sonnenberg, und wenn auch aus den Tiefen seiner dunklen Augen Wuth, Haß und Rachdurst leuchteten, so klang seine Stimme doch kalt und ruhig. „Ich würde die Achtung vor mir selbst verlieren, wenn ich nach dieser Niederlage an meinen Hoffnungen festhalten und durch unehrenhafte Mittel die Scharte auswetzen wollte."
„Wollen Sie denn diese Niederlage so geduldig einstecken?" fragte Madame Reichert, die grauen Augen mit einem durchdringenden Blick auf ihn heftend. „Sie sind ohne Ursache in der gröbsten Weise beleidigt worden, drängt es Sie nicht, sich Genugthuung dafür zu verschaffen?"
„Nein", erwiderte er gelassen, „mir liegt jeder Gedanke an Rache fern, ich hätte ja diese Niederlage voraussehen können. Ich will nicht leugnen, daß sie mich mit Zorn und Entrüstung erfüllt, dieses Gefühl ist ja zu natürlich, als daß ich mich von ihm freisprechen könnte, aber andererseits denke ich auch zu edel, um für die Beleidigungen, die ich
wohl selbst herausgesordert habe, Vergeltung zu üben."
Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben, er schien jetzt mit dieser Angelegenheit vollständig abgeschlossen zu haben.
„Darf ich Ihnen einen Platz in meinem Wagen anbieten?" fragte die Stadträthin.
„Sie sind sehr liebenswürdig", erwiderte er mit einer leichten Verneigung, „wenn Sie sich nur noch einige Minuten gedulden wollen, so nehme ich Ihr freundliches Anerbieten mit herzlichem Danke an."
„Gewiß, sehr gerne", nickte sie.
„Herr Reichert, darf ich um einen kurzen Augenblick bitten?"
Der Banguier zuckte unwillkürlich zusammen, als er den glühenden Btick der dunklen Augen so fest und durchdringend auf sich gerichtet sah; zögernd erhob er sich, die beiden Herren traten ins Nebenzimmer.
„Mir fehlt jetzt die Zeit, um die geschäftliche Angelegenheit, über die ich mit Ihnen reden muß, ausführlich zu besprechen", nahm Sonnenberg das Wort den Stuhl ablehnend, der ihm angeboten wurde, „darf ich Sie bitten, mich gleich nach Tisch in meiner Wohnung zu besuchen?"
Mit wachsendem Befremden blickte Reichert ihn an, ernste Besorgniß sprach aus seinem erbleichenden Gesicht.
„Welche geschäftliche Angelegenheit könnte das sein?" fragte er ausweichend. „Sie wissen, ich habe mich von allen Geschäften zurückgezogen."
„Eine Angelegenheit, über die ich nur unter vier Augen mit Ihnen reden kann," erwiderte Sonnenberg ernst.
„Hm, ich weiß nicht —"
„Ob Sie Zeit haben werden? Ich glaube das doch, Herr Reichert, ich erwarte Sie mit Sicherheit."
Die Worte klangen wie ein Befehl, der Banguier zögerte noch immer; gerade dieser kurz angebundene herrische Ton mußte feine Besorgniß erhöhen.
„Wenn ich nur wüßte?" sagte er zögernd.
„Erinnern Sie sich an den Abend, an dem das letzte Fest in Ihrem Hause gefeiert wurde", sagte Sonnenberg mit gedämpfter Stimme. „Erinnern Sie sich, daß ich in einer gewissen Stunde Nasenbluten bekam und in den Garten ging, vielleicht können Sie dann das Uebrige errathen."
Reichert war zurückgeprallt, als ob plötzlich ein Gespenst vor ihm aus dem Boden aufgestiegen sei, sein Gesicht wurde fahl, die Augen drängten sich mit starrem Blick aus ihren Höhlen.
„Ich verstehe das Alles noch nicht" sagte er, und so sehr er sich auch bezwang, konnte er doch nicht verhüten, daß seine Stimme vibrirte. „Ich weiß nicht, was Sie mit der Hindeutung auf diese Erinnerung sagen wollen."
„Sie sollten das in der That nicht wissen?" spottete Sonnenberg.
„Nein, nein, aber .. °"


