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Nr. 2. Dienstag den 5. Januar. 1886.
Gin Spiel des Zufalls.
Roman in drei Bänden von Ewald August König.
(Fortsetzung).
„Ich glaube, ihn besser zu kennen", erwiderte Dora herbe, „ich würde mich in meinem Ur- theile über ihn nicht getäuscht sehen, wenn er nun in niedriger Weise Vergeltung übte."
„Sollte er das wagen, dann würden ihm unsere Thttren für immer verschlossen werden, und er dürfte sich darauf gefaßt machen, daß Heinrich in sehr energischer Weise Rechenschaft von ihm forderte. Beunruhige Dich weiter nicht, über Deine Pläne wollen wir, wie ich bereits bemerkte, später reden. Heinrich soll jedenfalls Sorge tragen, daß Sonnenberg heute Abend nicht kommt, deshalb lasse Dich nicht abhalten, es wird Dich zerstreuen und Deinen Gedanken eine andere Richtung geben. Also auf Wiedersehen, ich erwarte Dich sicher."
Dora gab keine Antwort, und die Stadträthin wartete auch nicht darauf, sie eilte hinunter, bezeichnete dem Kutscher die Villa Menzel'S als nächstes Ziel ihrer Fahrt und stieg in den Wagen.
Das Lächeln verschwand jetzt von ihren Lippen, und die Brauen zogen sich in Unmuth zusammen, diese schroffe Ablehnung der Verlobung Sonnen- berg's ärgerte sie gewaltig.
Sie hatte gehofft, in der Wohnung Dora's ein Brautpaar zu finden, sie wußte ja, daß Sonnenberg in dieser Stunde die entscheidende Frage stellen wollte, und sie war hingeeilt, um ihrer Schwägerin mit gutem Rathe zur Seite zu stehen und etwaige Bedenken zu beseitigen.
Und nun war sie in dieser verletzenden Weise empfangen und mit beleidigenden Worten überschüttet worden.
War denn nun wirklich Alles vorbei und für Sonnenberg gar keine Hoffnung mehr?
Sie wollte das nicht glauben, ihre Mutter wußte gewiß noch Rath, und zudem unterlag es auch keinem Zweifel, daß sie Sonnenberg in der Villa finden würde.
Es war ja verabredet, daß er gleich nach seiner j Werbung hinkommen sollte, um das Resultat zu i berichten, und so sehr auch der Zorn in ihm toben '' mochte, bedurfte er doch gerade jetzt des Rathes ‘ seiner Verbündeten. ;
Sie sah sich in ihrer Erwartung nicht getäuscht, 1
Sonnenberg befand sich bereits bei ihren Eltern, er hatte bei ihrem Eintritt seinen Bericht eben beendet.
„Da wird nun wohl nichts mehr zu machen sein," sagte Reichert mit bedauernder Miene, sein kahles Haupt schüttelnd und dabei verstohlen einen forschenden Blick auf seine Frau werfend, die mit trotzig erhobenem Kopf auf dem Divan saß, „diese schroffe, geradezu beleidigende Antwort läßt uns ja nicht in Zweifel darüber, daß Dora ihren Entschluß endgültig gefaßt hat."
„So rasch gebe ich die Hoffnung nicht auf", erwiderte Madame scharf, „die Gesellschafterin wird nun —"
„Ernestine Henning ist bereits entlasten", unterbrach die Stadträthin sie. „Dora beschuldigt sie eines geheimen Bündnisses mit Herrn Sonnenberg, sie macht auch uns Vorwürfe, und mit dürren Worten erklärte sie mir, sie habe uns tiefer in die Karten geblickt, als wir glaubten."
Sonnenberg hatte ini ersten Moment die junge Frau starr und mit unverkennbarer Bestürzung angeblickt, auf die Entlastung Ernestine's war er nicht vorbereitet gewesen.
„Madame Henning hat das Haus schon verlassen?" fragte er heiser.
„Ich weiß es nicht, aber ich glaube es auch nicht. Ein so plötzlicher und so schroffer Bruch würde einen Eclat Hervorrufen, und den werden beide Damen vermeiden wollen. Aber daß unter diesen Umständen von der Gesellschafterin nichts mehr zu erwarten ist, werden wir wohl Alle ein- sehen."
„So muß Heinrich nun das ©einige thun!" sagte Madame Reichert in jenem Tone, der keinen Widerspruch duldete. „Er muß Dora ihrer eigenen Ehre wegen zwingen, eine Verlobung zu schließen, von der bereits die ganze Stadt redet, er muß —"
„Geben Sie sich keine Mühe", siel Sonnenberg ihr mit schneidigem Spott in die Rede, „das Alles habe ich ihr bereits gesagt und zwar in einer so deutlichen Weise, daß sie es nicht mißver^ehen konnte. Der Herr Stadtrath wäre überhaupt der Letzte, der diesen eigensinnigen Trotzkopf beugen könnte."
„Freilich, mein Mann hat keinen Einfluß auf seine Schwester", sagte die Stadträthin gedankenvoll vor sich hinblickend, „Dora beschuldigte uns ja, daß wir durch unsere Jntriguen ihren Verlobten in'» Unglück gebracht hätten."
, Hängt sie denn noch immer an diesem Kerl?"


