Ausgabe 
4.12.1886
 
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könnten Sie ihr an die Hand gehen, Fräulein! denn warum? weil Sie den Rummel, ich meine das vornehme Wesen verstehen."

Fräulein Natalie that denn auch redlich das Ihrige, damit aus dem feinorganisirten Kinde kein lächerliches Zerrbild erzogen werde. Sie sorgte da­für, daß Vera in _ eine gute Schule kam, wo eine besondere Aufmerksamkeit auf ihre Sprache und Ausdrucksweise gerichtet wurde und wußte es, ohne Frau Möller's Eifersucht zu erregen, klug einzu­richten, daß das junge Heranwachsende Mädchen sich häufig in ihrer Gesellschaft befand und dadurch den besten Schutz gegen die immerhin rohen Eindrücke der häuslichen Umgebung empfing.

Natalie war ein schönes, stolzes Mädchen von energischem Character, der solide Reichthum ihres Vaters gab ihr jenen goldenen Hintergrund, welcher sie zu einer Vielumworbenen machte, aber sie auch mit dem unauslöschlichen Mißtrauen erfüllte, daß sie einzig und allein ihres Mammons halber begehrt werde, ein Mißtrauen, das stark genug war, jeden Antrag auszuschlagen und die ganze heirathslustige Männerwelt mit Spott und Ironie zu überschütten.

Was soll denn schließlich aus Dir werden?" hat der Vater sie eines Tages unwillig gefragt.

Eine alte Jungfer!" lautete Nataliens lachende Antwort.

Bah!" eine verspottete und verhöhnte Närrin! Du wirst mir und Dir selber den Schimpf nicht anthun, Kind!"

Schimpf? wenn ich es verschmähe, mit einem Meineid vor den Altar zu treten?" hatte Natalie mit blitzenden Augen geantwortet.Laß uns dieses Capitel jetzt ein für allemal beschließen, Papa! und höre mein letztes Wort. Wenn ich eine be­neidete Vielumworbene bin, so verdanke ich es einzig Deinem Gelds, weil man sich überall sagt: Der Banquier Gotthard ist ein solider, vorsichtiger Ge­schäftsmann, dessen Name Baargeld bedeutet, die Tochter seine einzige Erbin, leidlich hübsch und ge­bildet dazu, man kann bei dieser Heirath ganz sicher gehen, und sogar eine Halbwegs glaubwürdige Herzens­neigung vorgeben. O, ich kenne eine Menge solcher Ehen, die vor der Welt ein schimmerndes Glück präsentiren und inwendig den Modergrüften gleichen. Ich danke für solches Schicksal und werde das lächer­liche Vorurtheil der alten Jungfer glänzend besiegen. Mich schaudert bei dem Gedanken, ein langes ödes Dasein an der Seite eines ungeliebten Mannes ver­leben, seine Fehler, Gewohnheiten und Gemeinheiten ertragen und mir stündlich sagen zu müssen: Du bist als Ballast des Goldes geheirathet! Das ist das Loos der reichen Mädchen, während die Arme sich entweder, wenn sie schön genug ist, als Preis zu gelten, verkaufen muß, um als Frau des Neichen in der Welt zu glänzen, immerhin noch ein seltener Fall, das große Loos in der Lebens« lotterie oder als Frau des armen Mannes eine grausame Niete zu ziehen, welche Elend, Noth,

Jammer, aufreibende Lasten und Arbeit und nur zu häufig auch Mißhandlung bedeutet."

Der Banquier hatte ganz erstaunt zugehört, den Kopf geschüttelt und einUnsinn!" nach dem andern gemurmelt.

Laß mich ausreden, mich ein für allemal damit zu Ende kommen, Papa! Es ist kein Unsinn, sondern nüchterne Wahrheit. Wer das alberne Wort von der alten Jungfer erfunden hat, müßte seinen eigenen Pranger haben; vermuthlich ein alter bos­hafter Junggeselle oder eine eifersüchtige eitle Frau, da die Frauen leider am grausamsten gegen ihr eigener Geschlecht sind. Oder ist es keine schreiende Ungerechtigkeit, ein Mädchen deshalb zu verhöhnen, weil die Zeit sich nicht aushalten läßt und sie älter wird wie jeder andere Sterbliche auch? Weil sie dem Gesetz der Sitte hat gehorchen und auf den Mann hat warten müssen, der nicht gekommen, weil sie entweder nicht reich, nicht schön oder nicht kokett genug gewesen ist, um ihn heranzulocken? Ach, wie viel wird in dieser Hinsicht gesündigt, wie viele Wunden geschlagen, wie tief gekränkt. Dasselbe Alter nennt in einem Athemzuge diejunge Frau" und diealte Jungfer", mag jene auch eine schmach. volle Vergangenheit, diese ein strenges, redliches, arbeitsames Leben hinter sich haben! Das ist die schreiende Ungerechtigkeit der Welt, das moderne Steinigen, gegen welches ich, der begehrte Goldfisch, als Mitglied desAlte-Jungfern-Ordens" energisch in die Schranken treten werde."

Der Banquier hatte ein grimmiges Gesicht ge­schnitten und dann ärgerlich gelacht.

Ein weibl'cher Don-Quixote also Du wirst früh genug einsehen, wie ohnmächtig Dein Kampf mit Windmühlenflügeln ist und wie Deine eigenen Leidensjchwestern sich gegen Dich wenden. Aber meinetwegen zwingen will ich Dich nicht, bist ja schließlich Deines eigenen Glückes Schmied."

Er hoffte dabei auf den rechten Josef, der wohl einmal an ihrem Herzensschrein klopfen und Einlaß begehren werde.

(Fortsetzung folgt)

Wer war der Water?

Sine Erzählung.aus Amerika.

(Schluß.)

Einen Hausschlüssel besaß ich noch von früher her und ich kam auch wirklich fast lautlos durch den Hausflur in den Hof, von wo aus ich im nächsten Moment schon in den schmalen Durchgang zwischen den Häusern schlüpfte. Das Herz pochte mir fast hörbar, als ich unter dem erwähnten Fenster angekommen war. Im nächsten Augenblick befand ich mich auf der Fensterbank und nun begann erst der Haupt:heil meines unheilvollen Werkes; wenn ich eine Scheibe eingedrückt hätte, wäre mein Onkel ohne