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„Ich fürchte nur, daß die treulose Rothhaut uns belogen hat."'
„Unbesorgt, mein guter Felix! die Sorte kenne ich zu genau, — stehe mit den Eingeborenen auf einem Fuß, der keine Treulosigkeit mir gegenüber zuläßt. Der Bursche hätte ihn mir unbedingt überliefert, wenn er Alles gewußt, er ist mir wie ein Hund ergeben und zitterte bei Ihrem Anblick wie ein Verbrecher. — Nun, wie bemerkt, es wäre mir um Ihretwillen lieber gewesen, wenn ihn ein eng» Usches Schiff heimgeführt hätte; die Vaterstadt ist für Sie kein Friedensport."
Felix schwieg. Vor seinem inneren Blick stiegen die Thürmr der alten Hansestadt empor; — der Hafen mit seinem Mastenwald, das Getreide der Handelswslt, die Binnen-Alster mit ihren Palästen und jenseits derselben die Uhlenhorst, von Villen umrahmt. Dort das alte Vaterhaus und hier die Marzipan-Villa. — Er seufzte schwer und wandte sich im Geiste dem Kirchhof zu, wo die Mutter schlief, die Mutter, — deren Andenken der Vater entweiht, als er das junge Mädchen zur Herrin seines Hauses gemacht hatte. Ob der alte Mann glücklich geworden? Unmöglich I Eine solche Unnatur trägt ihre unerbittliche Vergeltung in sich selber. Wie hätte das junge Weib mit der eitlen, geldgierigen Seele irgend einen Menschen beglücken können? Gott hat mich gnädig vor dem Elend einer solchen Ehe bewahrt, dachte er, ich hätte im Grunde dem Vater dankbar sein muffen, anstatt ihm deshalb zu grollen.
So kreuzten feine Gedanken durcheinander, während bas Schiff pfeilschnell die Fluth durchschnitt und sich immer mehr dem alten Europa näherte.
KatLra, betrachtete ihn still, — er hatte den deutschen Gefährten mit den tiefen blauen Augen und dem braven Herzen liebgewonnen wie einen Bruder und wollte ihn so gern vor bitteren Enttäuschungen bewahren. Und doch trug auch er, der finstere Menschenfeind noch eine unbewußte Illusion im Herzen, — den Gedanken an sein Kind, welcher in all' den langen Jahren trostloser Verbannung ihn niemals verlassen und das geheime Band zwischen ihm und der Menschheit trotz alledem und alledem noch immer verknüpft hatte.
4. Capitel.
Vierzehn Jahre waren vergangen, — seitdem jener unheimliche Vorfall mit der tobten Frau in der Droschke sich zugetragen und der Gastwirth „Zur goldenen Traube" sich der armen verlassenen Weise erbarmt, — seitdem die brave Frau Möller Mutterstelle an dem fremden Kinde, das sich Vera genannt, vertreten hatte. Vierzehn Jahre! — ein langer Zeitraum, in welchem das Kind zur Jungfrau herangeblüht war und für die rechtmäßige Tochter des jetzigen Rentiers Heinrich Möller galt, welcher vor vier Jahren die Wirthfchast verkauft, sich eine kleine Villa vor dem Dammthore erbaut hatte und nun behaglich
von seinen Renten lebte. Der damalige Hausknecht Hannes war sein Nachsolger geworden, welcher noch heute für Madame und Fräulein Vera durch's Feuer ging.
„Sieh mal, Hannes!" hatte Frau Möller später zu ihm gesagt, „die Leute brauchen es nicht zu erfahren, daß wir unser Kind so zu sagen von der Straße aufgesammelt haben. Vera soll für unsere richtige Tochter gelten, weil es zu viele schlechte Menschen gievt, die das arme Göör deswegen verachten können. Verstehst DU wohl, Hannes?"
„Ja, gewiß, Madame!" hatte Hannes gesagt, „wenn nur der Name Vera nicht so pntzig wäre, unsere selige Doris —"
„Schweig still, Hanne«! — man muß die Tobten ruhen lassen, — ich kann bie kleine Vera boch nicht umtaufen?"
Hannes hatte bann nachdenklich vor sich hinge- blickt und endlich gemeint, ob die Madame es so gewiß wüßte, daß bie Kleine wirklich christlich getauft wäre, worüber bie brave Frau so h-illos erschrocken war, daß sie selber zu ihrem Pastor gegangen und diesen um Rath gefragt hatte.
Das Ende vom Liede, um ganz sicher zu gehen, war ein stiller Taufact in der Predigerwohnung ge- wesen, wo die fremde Waise den Namen Vera Dorothea Möller irhalten und als solche mit der nöthigen Bemerkung des besonderen Falles in's betreffende Kirchenbuch eingetragen worden war.
Jetzt erst schien auch der wackere Heinrich Möller das fremde, ihm so urplötzlich in's Haus geschneite Wesen als sein Eigen zu betrachten und dem lieb- lichen Kinde seins väterliche Neigung zuzuwenden, was im Grunde so sehr schwer nicht war, da Vera neben ihrer Schönheit jenes Feengeschenk der Anmuth und Liebenswürdigkeit empfangen, welches alle Herzen im Sturm erobert.
So war sie verhätschelt und von Liebe umgeben, aufgewachsen; Niemand machte ihr den Platz im Herzen der biederen Pflegeeltern streitig, und wie die Eindrücke der zarten Kindheit bald gänzlich verwischt, das Bild der tobten Mutter wie überhaupt bie Erinnerung an sie in ihrem Gebächtniß ebenso vollständig entschwunden waren, so konnte es nicht fehlen, daß sie sich als rechtmäßige Tochter des Hauses fühlte.
Die braven Leute erfüllten die übernommene Pflicht nach allen Seiten hin gewissenhaft, denn — „wir haben es ja", pflegte Herr Möller mit Selbstgefühl zu versichern, wenn der Notar Willing oder Fräulein Natalie Gotthard ihnen einen Beitrag zu den Erziehungskosten aufzwingen wollten.
„Lassen Sie meine Alte das nicht hören", setzte er jedesmal warnend hinzu, „bie ist nicht von Stroh, wissen Sie; bas Kind gehört uns allein unb hat kein Mensch was drein zu reden ober seinen Antheil baren zu verlangen. Meine Alte will was besonbers Feines aus dem Göör machen, — na, ich bin neu- ä gierig darauf, — benn warum? weil sie felbrr eine i derbe Köchin gewesen ist. Aber bei dieser Drejstrung


