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Wer war dieser Graf Altors? — Woher stammte 1 er? Welchem hochadeligen Geschlecht war er ent» sproffen?
Diese Fragen schwirrten in der Gesellschaft um« her, welche sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, den die bedeutende Persönlichkeit des Grafen hervorbrachte. Seine hohe, imposante Gestalt, das feine aristokratisch geschnittene Gesicht mit den etwas stechenden schwarzen Augen und dem dunklen Schnurrbart, die elegante Haltung, das sichere Auftreten, verbunden mit jenem Sichgehenlasfen, sprachen mehr als papierns Documente für die echte Bollblut-Vornehmheit dieses Mannes, womit die stets gefüllte Börse und das noble Aeußere vortrefflich harmomrten.
Graf Adalbert Altorf nahm bald die ihm gebührende Stellung in der Gesellschaft ein; man wußte aus sicherster Quelle, daß er einem schwedischen oder kurländischen Geschlecht entstamme, bedeutende Güter irgendwo besitze und die schöne Antonie aus Liebe heirathe. — Eine durch und durch romantische Geschichte in unserer materiellen Zeit! Da war's kein Wunder, daß die junge Wittwe im siebenten Himmel schwebte und von jedem jungen Mädchen beneidet wurde.
Wir finden sie an jenem Abend, wo der Eingangs erwähnte mysteriöse Vorfall mit der armen Frau sich zutrug, in ihrem behaglich durchwärmten, kostbar ausgestarteten Wohnzimmer nachlässig in einem Schaukelstuhl liegend und träumend in die Flammen des Kamins blickend. Frart Antonie war sehr schön; die eleganten Toiletten, MM; sie direct aus Paris bezog, hoben ihre üppige Schönheit auf die raffinirteste Weise und dem Verlobten konnte es in der That nicht schwer fallen, seine uneigennützige Liebe in den Vordergrund zu stellen. Ob derselbe die Feuerprobe einer solchen Lieb« ohne die verführerischen Mittel der Toilette und des Geldes bestanden, wäre vielleicht zu bezweifeln, da die junge Frau doch selber sich den Götzen verkauft und Liebe und Treue mit Füßen getreten hatte. Ein harter, grausamer Zug um den vollen Mund und in den braunen Augen beeinträchtigte zeitweise ihre Schönheit, obwohl dieser nur als Zeuge ihrer innersten Natur in unbewachten Augenblicken hervortrat.
Seltsamer Weise barg des Grafen Blick denselben grausamen Ausdruck, den er jedoch mit einer virtuosen Geschicklichkeit zu verschleiern verstand, während die Lippen sich nicht selten hochmüthig und im verächtlichen Spott kräuselten.
Madame Borner war im Theater, um Wagner's Tannhäuser zu hören und den Verlobten einen ungestörten Abend zu gönnen. Es war dies, wie sie lächelnd bemerkt hatte, der Welt gegenüber eine Ungeschicklichkeit, welche angesichts der nahe bevorstehenden Vermählung wohl vergeben werden dürste,
Draußen rieselte der Regen eintönig hernieder. \ während Anitonie fort und fort in die Flamme ’ starrte. Sie hatte anfangs von der glänzenden Zu- s kunft geträumt, von der gräflichen Hochzeitsreise, s von der feenhaften Pracht, welche bei ihrer zweiten ■
Vermählung entfaltet werden sollte; sie sah sich im Geiste neben dem schönen, stolzen Aristokraten vor dem Altar, sah die wogende Menge, die neidischen Blicke der Jugend, und ihr eitles Herz wallte hoch auf vor Entzücken. — Unwillkürlich mußten ihre Gedanken sie dann in die Vergangenheit zurücktragen, — es lag ja ein so kurzer Zeitraum zwischen heule und jenem Tage, der sie an den alten Mann ge- feffelt. — Urplötzlich von dem Glanz des Reichthums zur Armuth verdammt, hatte sie sich geopfert, — war es ihre Schuld, daß der Vater den Sohn verdrängt, welcher nie einen Platz in ihrem Herzen, nie ein Recht auf ihre H«nd beseffen hatte?
Ihre Augen wurden starrer, der kalte, grausame Zug um dm Mund trat jetzt deutlich hervor. Aus der Flamme des Kamins schienen phantastische Bilder aufzusteigm und sich zu greifbaren Gestalten zu formen; sie sah das blutige Haupt des ersten Gatten, welcher die Todeswunde mitten durch die Stirn erhalten, ein Factum, das zuerst Kopfschütteln und einen schlimmen Verdacht erregt hatte, bis constatirt worden, daß der alte Herr durch ein Gebüsch gekrochen sei und hierbei aus der eigenen Flinte die tödtliche Kugel empfangen haben müsse, — weil jegliche andere Deutung ausgeschloffen war.
„Er hätte am Ende nach unserer Heimkehr ein anderes Testament gemacht", flüsterte sie und ein Triumphstcahl blitzte in den starren Augen auf.
Das blutige Haupt verschwand vor ihrem geistigen Blick, — es konnte ihr kein Alpdrücken verursachen, weil sie völlig schuldlos an des Gatten Tod gewesen, obwohl ihre Gedanken sie nicht von Groll und Zorn gegen den eifersüchtigen Satten freisprechen konnten. Eine schlanke Jünglingsgestalt tauchte aus der Flamme empor, ein frisches, blühendjunges Antlitz mit freundlichen blauen Augen, aus denen ebenso viel Muth als Edelsinn leuchtete.
„Bohl" rief sie halblaut, gewaltsam die unliebsamen Erinnerungen von sich abschüttelnd und sich rasch erhebend, „mag er seinen Vater anklagen, — ich konnte nicht anders und habe für meine Jugend sehr weise gehandelt."
Ja, sie hatte recht gethan, die kluge junge Frau, als sie den Herrn de» Hauses für den Sohn eintauschte, sie handelte klug und sehr berechnend für ihre große Jugend, — die würdige Tochter eines Kaufmanns, welcher trotz alledem Schiffbruch gelitten auf dem wilden Meere der Spcculationen.
Sollte ihr letztes Facit ebenso richtig sich erweisen?
Sie hatte das Rollen eines Wagens, ja selbst die Klingel der Hausthür überhört und schrak fast zusammen, als der Diener den Grafen meldete, welcher im nächsten Augenblick das Zimmer betrat.
„Ich habe Dich doch nicht erschreckt, meine Theure?" fragte er, zärtlich ihre Hand küffend, „Du bist allein, hast geträumt im Dämmerschein der Kaminflamme, — hoffentlich von mir, wie?"
Antonie schmiegte sich in seine Arme.
„Von wem denn sonst, mein Adalbert", flüsterte


