Ausgabe 
4.11.1886
 
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Hießener Jamilienbkätter.

VelleMsUsches BeidLE Mm Gießener

Mx 130 Donnerstag den 4. November. 1886.

Wis zur letzten Klippe.

Original-Roman von E. Heinrichs.

(Fortsetzung).

Als einziges Kind von den Eltern und ihrer ganzen Umgebung verhätschelt und gründlich verzogen, war ihre selbstsüchtige Natur dabei zur schönsten Blüthe gediehen und Eitelkeit, Gefallsucht, Oberfläch­lichkeit die Grundlinien ihres Wesens geworden, s Sie war ein Weib wie tausend andere, ohne wahre ; Herzens- und Geistesbildung, nur dazu geschaffen, \ sich huldigen zu lassen und das Leben auf die ange- \ nehmsie Weise zu genießen; daß sie dabei an eine wirkliche Uebertretung der ihr gezogenen Grenze, an eine Verletzung ihrer Pflicht dachte oder sich zu Schulden kommen ließ, war nicht denkbar, sie glaubte vielmehr dem S olz ihres Gatten durch solche harm­lose Huldigungen zu schmeicheln und fühlte sich durch sein philisterhaftes Auftreten äußerst verletzt.

Der alte Herr war noch immer ein leidenschaft­licher Jäger und von Herzen froh, im Schwarzwald pürschen zu können, um dadurch die häßlichen Ge­danken los zu werden. Wie es gekommen Nie­mand wußte es zu sagen genug, daß man ihn einige Tage nach seiner Ankunft in Wildbad er­schossen nach Hause trug. Wahrscheinlich war er mit seiner Flinte nicht behutsam genug umgegangen, da selbige keine Ladung mehr hatte.

Antonie kehrte als Wittwe mit der Leiche des Gatten nach Hamburg zurück, ließ dieselbe auf's Prächtigste neben der entschlafenen ersten Gattin be­statten und legte tiefe Trauer an, welche ihr vor­trefflich stand.

Zu ihrer Ehre dürfen wir annehmen, daß ihr Schmerz um den Verlorenen, der so jählings aus dem Leben geschieden, ein aufrichtiger war, zumal er sie zur Universalerbin seiner Millionen eingesetzt.

Ihre Mutter nahm sich den Tod des alten Herrn sehr zu Herzen; hatte die unselige Heirath sie schon dem Grabe nahe gebracht, so war dieses letzte Er- eigniß hinreichend, ihren Lebensfaden zu zerschneiden. Schon nach einem Vierteljahre ruhte sie neben dem vorangegangenen Gatten und Antonie stand allein in der Welt allein als junge reiche Wittwe, auf welche sich jetzt die Augen der gejammten heiraths- lustigen Männerwelt aus der Hamburger Geldaristo­kratie begehrend richteten, da der Goldfisch ebenso schön als reich war und somit die beiden Haupt- eigenschaften einer Frau besaß,

4. Capitel.

Achtzehn Monate waren seitdem verflossen. Frau Antonie Rodenburg hatte die Trauerkleider um ihre Tobten abgelegt, nachdem sie mit gewissenhafter Pietät die vorgezeichnete Scala der Trauer innege­halten. Das große Geschäft war mit der alten Firma in die Hände des Procuristen übergegangen, was man in den betreffenden Handelskreisen der jungen Wittwe sehr verdacht hatte, da trotz der un­gerechten Enterbung des einzigen Sohnes doch Nie­mand daran gezweifelt, daß die Firma in unver­änderter Weise dem Verschollenen erhalten bleiben, das blühende Geschäft für ihn verwaltet werden müsse.

Nun war es definitiv verkauft, da» reiche Ver­mögen der jungen Frau überwiesen und für Felix nur das Erbtheil der verstorbenen Mutter mit 59,000 Thalern, von welchem er bereits bei seinem Scheiden eine erkleckliche Summe erhalten, gesetzlich reservirt worden. Frau Antonie hatte diese letzte Saison zur Kräftigung ihrer angegriffenen Gesund­heit in einem stillen Kurort der Schweiz verlebt, und zwar in Gesellschaft einer ältlichen Dame, welche aus guter Familie, doch zu unbemittelt war, um selbstständig existiren zu können und deshalb das Loos einer Ehrendame bereitwillig auf sich nahm. Madame Borner befaß hierzu in der That bar größte Geschick, eine gewisse Gutmüthigkeit, ein hin­reichendes Repräsentationstalent und jene geschmeidige Unterwürfigkeit der Gebieterin gegenüber, welche die eigene Stellung niemals außer Acht ließ und ihren Einfluß klüglich dadurch zu erhöhen wußte.

Wie Graf Altorf ihre Anwesenheit in jenem Kurort erfahren, war der jungen Wittwe ein Räthsel gewesen, genug, daß er plötzlich im Canton Aargau erschien und ihr seinen Besuch machte, was ihr keinesfalls unangenehm sein mochte, da er bald der ständige Begleiter der beiden Damen wurde und die Kurgäste eine Verlobung als feststehendes Resultat behandelten.

Achtzehn Monate Wittwenschaft durften der Welt wohl al» genügend gelten und wenn die bösen Zungen auch den Ruf der jungen Frau arg zu be­schneiden suchten, die heirathrlustigen Goldsucher in diesen Ton entrüstet mit einstimmvn, so mußte man sich doch an der Thatsache begnügen lassen, daß Frau Antonie Rodenburg unumschränkte Herrin ihrer Hand und ihres Reichthums war und bei der Wahl de» zukünftigen Gemabls immerhin den exclusivsten Ge­schmack gezeigt hatte.