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Der Referendar blickte Ludmilla fragend an; sie nickte zustimmend.
„Vielleicht ist es auch bester, wenn Tante Lina durch unsere Freundin auf das Vorgesallene vorbereitet wird", sagte sie, „und in jedem Falle sehen wir morgen oder übermorgen uns wieder."
„Ich will gewiß gern Ihren Wunsch erfüllen; gnädige Frau", erwiderte er; „aber ich sage Ihnen voraus, daß ich mir kein günstiges Resultat verspreche."
„Will er Ihnen auch nicht Rede stehen, so werden Sie doch erfahren, wohin er sich von hier aus zu begeben gedenkt. So lange er in Deutschland ist, dürfen wir ihn nicht aus den Augen verlieren; ich vermuthe, daß er allein uns vollen Aufschluß geben kann. Wüßte ich nicht, daß Hermann von Salberg unter dem Rasen ruht, und daß an seinem Tode nicht gezweifelt werden kann, dann —" Sie brach ab und schritt langsam zum Fenster, um einige Minuten lang hinauszuschauen.
„Das sind thörichte Gedanken", nahm sie endlich, wie aus einem Traume erwachend, wieder das Wort; „die Todten kehren nicht zurück und die Thatsachen selbst sind zu klar, zu überzeugend bewiesen."
Der Referendar blickte sie forschend an; dann wiegte er langsam das Haupt.
(Fortsetzung folgt.)
Die Ursachen der Magenleiden.
Zu dm verbreitetsten Krankheiten der Gegenwart gehören diejenigen des Magens und überhaupt der Verdauungsorgane; namentlich der Magen- kalarrh wird, neben Nervosität und Blutarmuth, schon zu den Modekrankheiten gezählt werden dürfen. Unter diesem Titel werden freilich ziemlich verschiedene, und verschiedenen Quellen entsprungene Formen von Magenleiden zusammengefaßt; doch wird unter denselben der (chronische) Magenkatarrh im engeren Sinne immerhin weitaus überwiegend sein. Eine der häusigsten Entstehungsursachen des selben ist, wie namenckich die Magen-Specialisten un. er den Aerzten bestätigen werden, im kalten Trünke, insbesondere im „Bier auf Eis" zu suchen. In vielen Fällen bleibt es freilich beim akuten Katarrh, der aber, wo irgend begünstigende Umstände vorhanden sind, nur allzu leicht in den schwer zu beseitigenden chronischen übergeht. Wir lernten erst dieser Tage wieder ein paar solcher Leute kennen, die unzweifelhaft ihrer eigenen Versicherung nach ihren hartnäckigen Magenkatarrh einem einzigen Glas Bier auf Eis verdanken, und von denen der eine, ein Wiener, schon seit ein paar Jahren leidend ist. Es sollte deshalb weit mehr, als bisher geschieht, vor dem unvorsichtigen Trinken kalten Bieres (und auch Weißweins) gewarnt werden. Die Leute wisien zwar wohl, daß man in erhitztem Zustande, nach raschem Gehen und bergt, nicht kalt
und in vollen Zügen trinken darf, da dies Lungen- katarrh und sogar Lungenschwindsucht zur Folge jaben kann (war jedoch, in Hinblick auf die zahlreichen Wände zwischen Magen und Lunge, vielfach Gestritten wird); aber sie wisien oder bedenken nicht, raß auch, wenn man gar nicht erhitzt ist, jede plötzlich stärkere Temperaturerniedrigung des Magens durch kaltes Trinken oder durch Genuß von Ers einen Katarrh zu erzeugen fähig ist. Bier auf ElS darf daher verständiger Weife anfänglich nur m ganz kleinen Schlucken getrunken werden; auch ist es rathfam, vorher ein paar Bisien Brot oder bergt m esien. Besonders stark ist die Versuchung zu un- vorsichtig raschem Trinken bei Eisenbahnreisen tn der heißen Jahreszeit, wo die Passagiere, wenn nur em paar Minuten Aufenthalt sind, an das Buffet rennen und dann das im Sturm erkämpfte Seidel m em paar Zügen hinunterstürzen. .... m
Eme andere Ursache der Häufigkeit der Magen- leiden, die wir nur noch ganz flüchtig erwähnen wollen, ist das Zuvielesten. Man darf wohl behaupten, daß namentlich die „bester situirten Klassen im Allgemeinen größere, oft erheblich größere Quantitäten Speifen consumiren, als zur Ernährung noth- wendig und für die gehörige Verdauung heilsami ist. Das muß mit der Zeit zur Magenschwäche (Dyspepsie) führen, und, wie besonders das Beispiel der Nordamerikaner zeigt, um so sicherer, je hastiger zugleich qegesten wird. (Auch durch die Nothigung, im Fluge zu essen, fördert das Eisenbahnreisen die Magenleiden.) — Umgekehrt kann aus bewahrter Erfahrung kein anderes Heilmittel als so wirksam gegen Magenkatarrh u. s. w. empfohlen roerben als knappe (und reizlose) Drät, unter Umstanden sogar Hungerdiät — unter Ausschließung nicht etwa blos der bekannten schwerverdaulichen, sondern auch aller erregenden Nahrungsmittel, zu denen mach Fleisch zu rechnen ist. Von diesem eoenso einfachen als billigen Mittel, zu beste,l Anwendung Nichts als ein wenig Entsagung gehört, wird heutzutage viel zu wenig Gebrauch gemacht. Die Patienten (u teilweise auch die Aerzte) legten ein übermäßiges Gewicht auf „kräftige Ernährung", und vergessen die unbedingte Wahrheit des Satzes: der Mensch lebt nicht von dem, was er genießt, sondern von dem, was er verdaut. In Bädern, bte hauptsächlich von Magenkranken frequentirt werden, kann man mit Erstaunen sehen, wie viele der letzteren, trotz aller ihrer Klagen und Beschwerden, ^ag für Tag reichliche Diners an der Table d’hote zu sich nehnu"' und zwar ohne daß ihnen dies von ihren Aerzten verboten wäre. Auf diese Weise muthen sie ihrem geschwächten Verdauungrvermögen sortwahrend Leistungen zu, denen es nun einmal nicht gewachsen ist, und wundern sich dann, daß der Rakoczy ober was es sonst für ein Brunnen ist, keine, oder kems durchschlagende Hilfe schaffen will. Aber, wre sollte Master, und Master allein, so große Dmge thun können!
Redaktion: A. Scheyda. - Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


