Ausgabe 
4.5.1886
 
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SÖÖ

JchMte Sie um eine kurze Unterredung unter vier Augen, folgen Sie mir", fügte sie hinzu, in das Nebenzimmer tretend, so näherte sich der Baron Lucia mit süßlichem Lächeln:

Welch' hohe Gunst, theure Lucia, daß ich hier, unbemacht durch die Blicke eines Dritten, das erste Zeichen Ihrer Liebe empfangen darf."

Wieder trat Lucia zurück und schleuderte ihm, fest in feine Augen blickend, die Worte in das Gesicht:

Baron Krotnow, Sie sind ein Lügner!"

Ohne schüchtern zu sein, mußte er doch vor dieser unerwarteten Anklage den Blick senken. Dadurch ermuthigt fuhr Lueia fort:

Wie konnten Sie es wagen, sich in meine An­gelegenheiten zu mischen, o, versuchen Sie nicht, mich von Neuem zu hintergehen, ich weiß alles, jener Brief"---, er unterbrach sie:

Theuere Lucia, erkennen Sie daran die Größe meiner Liebe, unsere Verbindung war Ihres Vaters Wunsch und letzter Wille, er selbst vermochte nicht mehr die Feder zu führen"

Und Sie verstanden es so meisterhaft, fremde Hände zu fälschen, daß ich wohl annehmen darf, sie übten diese edle Kunst schon öfter. Bis heute ahnte ich diesen Betrug noch nicht, Gott sei Dank, daß sie selbst sich verriethen."

Krotnow biß sich erbleichend in die Lippen, während Lucia fortfuhr:

Sie suchten sich zwischen mich und den Mann zu drängen, welchen ich liebte, welchem ich meine Treue verpfändet und welcher mich für treulos halten mußte. Endlich sind Sie Entlarvt. Nach zwei Jahren bittersten Kummers, schwerer Trennung, haben wir uns endlich wiedergesehen, um uns zu überzeugen, wie schändlich wir betrogen wurden, wie es Ihrer Bosheit gelungen war, unsere Herzen von einander zu reißen."

Um Ihren kranken Vater zu schonen, unternahm ich es, im Einverständniß mit Ihrer Tante, Sie vor dem Manne zu schützen, welcher es wagte, Ihre Harmlosigkeit zu seinen Zwecken auszubeuten."

Kein Wort mehr! Wenn noch ein Funken von Ehrgefühl in Ihnen glüht, dann müssen Sie sich sagen, daß Ihre Rolle hier ausgespielt ist, daß Ihnen nichts zu thun übrig bleibt, als von dem Schauplatz Ihrer Thaten zu verschwinden, so schnell als möglich, um nie, nie dahin zurückzukehren."

Noch einmal versuchte Krotnow zu sprechen, um Lucia von der Selbstlosigkeit seiner Absichten zu überzeugen, doch sie kehrte ihm verächtlich den Rücken, er mußte sich überzeugen, daß er hier nichts mehr zu hoffen hatte und zog sich zurück, um sich einen neuen Schauplatz für seine Thätigkeit zu suchen.

Als eben die Thür sich hinter ihm schloß, trat an der andern Seite die Tante herein. Erstaunt, ihre Nichte allein zu finden, fragte sie:

Wo ist der Baron?"

Auf meinen dringenden Wunsch verließ er so-

Nrdaetion: N.

eben das Haus, um nie wieder hierher zurückzu­kehren." War die im festen Tone gegebene Anwort.

Lucia, Du wagtest es, Dich gegen den Willen Deines verstorbenen Vaters aufzulehnen?"

Erinnere mich daran nicht Tante. Dag icy ihm nicht längst mein Herz eröffnete, war em schweres Unrecht, daß diese Verschwiegenheit zu meinem Nachtheil ausgebeutet ward, möge Gott Mr und dem vergeben, welcher Lug und Trug nicht scheute, mein Schicksal nach seinem Belieben zu lenken. Gott sei ewig Darik, er bewahrte mich vor dem Schicksal, Krotnows Frau zu werden, der mir stets Abneigung, ja Verachtung eingeflößt und sicher auch meinen seligen Vater hintergangen hat. Ent­schuldige mich jetzt, ich gehe meine Trauerkleidung mit einem freundlicheren Gewand zu vertauschen, würdig des heutigen Osterfestes und des Gastes, welchen ich erwarte. Doktor Frank wird m kurzer Zeit kommen, um von mir die Versicherung zu er­halten, daß ich seine Liebe erwidere, seine mm ge­botene Hand mit Freude ergreifen und sein Weib sein will."

Sprachlos stand die Tante diesen Erörterungen gegenüber, als sie ihre Gedanken zu neuem Wider­spruch gesammelt, hatte Lucia längst das Zimmer geräumt, um sich für die Ankunft des Geliebten zu schmücken.

Der Abend des ersten Ostertags nahte, die Sonne sank in einem Strahlenmeere unter und beleuchtete scheidend ein glückliches Paar, welches Arm in Arm sich der reichen Blüthenpracht erfreut, die gestern Lucia keinen freundlichen Blick abzugewinnen ver­mochte. Die geprüften Herzen, deren Glück am Ostertage wieder auferstand, hatten sich so viel zu erzählen, nach der langen schmerzlichen Trennung, sie waren so glücklich in ihren rosigen ZukunftS- trüumen, daß der Tante üble Stimmung ihrer Heiterkeit keinen Eintrag that. Da öffnete sich wieder, wie gestern zur selben Stunde, die Thur leise, und Marie trat ein. Heute aber blickten ihre Augen schüchtern wie in banger Frage auf die Freundin, die so glücklich neben einem fremden Manne stand.

Marie, liebe Freundin, holde Trösterin in schwerer Zeit, komm näher und freue Dich nun auch mit uns. Ach, Du hattest recht, Gott vermag das tiefste Leid in die höchste Freude zu verwandeln, ich bin eine glückliche Braut! -

Verlegen blickte Marie immer noch nach dem fremden Herrn und fragte leise die Freundin:

Lucia, wo ist denn der Baron, Dein Bräutigam ?" Nicht der Baron ist mein Bräutigam, rede nicht mehr von ihm! Sieh Marie, den Mann, den ich längst geliebt, Doktor Frank ist heimgekehrt, wir haben uns wiedergefunden, um uns nie wieder zu trennen. Ein ander Mal erzähl' ich Dir Alles, heute laß Dir an der Versicherung genügen, daß ich das schönste, fröhlichste Osterfest feiere!

Scheyda- Druck und Verlag d-r Brühl'scheii Druckerei (Fr. Ehr.. Pietsch) in Gießen.