859
freilich dadurch herausgefordert haben, aber die Ehre meines Hauses mußte ich wahren. Ein neuer Gast ist heute Mittag angekommen, Herr Oberst, er erkundigte sich nach Ihnen?'
„Ich habe bereits mit ihm gesprochen und dabei eine Nachricht erhalten, die mir unangenehm ist. Ich verkehre nicht gerne mit Damen, und um den Unannehmlichkeiten, die aus solchem Verkehr mir erwachsen, aus dem Wege zu gehen, werde ich mich leider genöthigt sehen, mir für die wenigen Tage ein anderes Quartier zu suchen."
„Sie wollen uns verlassen?" fragte Marie bestürzt. „Die Damen sollen Sie in keiner Weise geniren, Sie können in Ihrem Zimmer speisen."
„Nein, nein, ich weiß, Sie können es beim besten Willen nicht verhindern, daß ich genirt werde. Die Damen werden den Gast, der absichtlich ihnen fern bleibt, beobachten, ihm zufällig zu begegnen suchen, und irgend einen Vorwand ersinnen, um ihn anzureden; ich habe in diesem Punkte so viele Er« sahrungen gemacht, daß mich nicht danach verlangen kann, sie zu vermehren. Ueberdies habe ich mich auch schon nach einem anderen Quartier umgesehen", fuhr der Oberst mit jener ruhigen Entschlossenheit fort, die keinen Widerspruch duldet; „jenseits des Waldes, eine kleine halbe Stunde von hier, liegt ein Gasthaus, in dem ich so lange wohnen werde, bis die Damen wieder abgereist sind."
„Im Eber?" fragte der Wirth kopfschüttelnd. „Ich weiß doch nicht, ob es Ihnen da behagen wird. Nahrungsneid ist es sicher nicht, wenn ich einiges Bedenken ausspreche —"
„Ich weiß, was Sie sagen wollen: es ist in jenem Hause nicht so ordentlich und blitzblank, wie hier, das habe ich gleich erkannt; aber für die wenigen Tagen finde ich mich schon darein; sobald die Damen wieder fort sind, kehre ich zu Ihnen zurück."
„Ja, wenn Sie nicht anders wollen!" erwiderte der Wirth achselzuckend. „Ich kann auch die Damen nicht wohl abweisen, denn es gicbt kein anderes Haus hier, In dem sie einkehren könnten."
„Ich verlange und wünsche das auch nicht", fiel ihm der Oberst noch einmal in die Rede. „Wie gesagt, ich kehre nach der Abreise der Damen sofort zu Ihnen zurück.
„Sie werden erst übermorgen ankommen."
„So ziehe ich übermorgen Mittag gleich nach Tisch aus, und damit abgemacht."
„Verstehst Du das? ' wandte der Wirth sich zu seiner Frau, als der Oberst sich entfernt hatte.
„Warum nicht!" erwiderte sie ruhig. „Er sagte ja selbst, er habe bittere Erfahrungen gemacht — vielleicht hat ihn eine Geliebte betrogen; Gründe giebt's für solchen Frauenhaß genug — aber es wäre unzart, sich nach ihnen erkundigen zu wollen."
(Fortsetzung folgt.)
Betrogene Betrüger.
Novellette von M. Heim.
(Schluß).
Ferdinand riß eine Thür auf, die nach der gefährdeten Richtung zu führen schien, kaum aber wär er über die Schwelle in eine Art Kammer getreten, als die Thür hinter ihm zugeschlagen und von Felix eigenhändig eingeriegelt wurde.
Daß Fanny nicht dort war, hatte diesem ein schneller Blick gezeigt, und wenn der Freund da in Feuersgefahr kommen sollte, konnte ihm ein Sprung durch die Dachluke nicht schaden; er selbst aber stürmte weiter über Heuberge und -Thäler.
Wie ein Rasender war Ferdinand in den abgeschloffenen Raum gestürzt und umfing eine weibliche Gestalt, die sich ihm entgegenwarf, fest mit seinen Armen.
„Herr Du mein Gott!" rief eine Stimme, die zwar nicht Fanny, wohl aber dem Jungmädchen Mine angehörte, „drücken Sie Einen doch nicht gleich so — ist es denn wahr mit dem Feuer?"
„Verdammt!" fluchte Ferdinand und wandte sich wieder zurück, „Hollah, was heißt das! Die Thür verriegelt? Auf damit! Felix! Bist Du von Sinnen?"
„Zu Hilfe! Zu Hilfe!" klang Fanny'» Stimme aus der Entfernung. „Ferdinand, hierher!" rief auch Felix.
Der Eingekrrkerte riß mit den Kräften der Verzweiflung an der Thür, allein Mine hemmte seine Bestrebungen, indem sie sich gar zärtlich an ihn schmiegte und versicherte, er dürfe nicht gleich davonlaufen, sie sei nicht böse, daß er sie hier aufgesucht.
In diesem Moment donnerte es auch von außen an die Thür, und die zornige Stimme des Groß« knecht» rief: „Hier herein hat er sich geschlichen, der infame Kerl, ich hab' es längst bemerkt, daß ihm die Dirne nicht gram war, aber ich schlag' ihm alle Knochen im Leibe entzwei, und ihr auch! — Will Er aufmachen, Er vermaledeiter Kerl!"
„Mach' Er nur auf, die Thür ist von außen verriegelt", schrie Ferdinand, aber Mine, die vor der Rache ihre» Geliebten bebte, übcrzeterte ihn mit Jammergeschrei und hing sich fester an seinen Arm.
Ferdinand schleuderte sie wild von sich, und während der Großknecht ihn mit weiteren Versprechungen, daß er ihm die Knochen zerschlagen wollte, hervorzulocken suchte, lief er Sturm gegen die Thür, daß die eichenen Bohlen vom Anprall seiner Glieder krachten. —
Felix war endlich durch die ganzen Tiefen de» Heubodens gedrungen, bis er dicht vor den Hilferufenden stand, die sich ihm wohlbehalten gegenüber befanden und großes Vergnügen an dem durch sie in Scene gesetzten Lärm zu finden schienen.
Die Knaben verstummten bei Felix Anblick, und Fanny sagte athemschöpfend:
„Willkommen, mein Herr — also endlich! Und Ihr Freund, vermochte er es nicht über sich, sich


