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während er an der Glockenschnur zog, „nun gehe hin und thue desgleichen!"
Der Buchhalter wiegte mit wehmüthiger Miene das Haupt. „Vom sichern Port läßt sich's gemächlich rathen!" erwiderte er. „Ich habe noch manche Schwierigkeiten zu überwinden, ehe ich in den sichern Hafen eintaufen kann."
Der Bursche des Hauptmanns war eingetreten, ein Flachskopf mit großen, wasserblauen Augen.
„Zünde die Spirituslampe an, Anton!" befahl Herr von Görlitz. „Die Rumflasche, Zucker und zwei Gläser!"
„Zu befehlen, Herr Hauptmann!" lautete die Antwort. „Wenn ich mir die Erlaubniß nehmen dürfte, dem Herrn Hauptmann zu gratuliren —"
„Schon gut, ich danke Dir!"
„Ja — und dann, Herr Hauptmann, es ist einmal so Sitte bei uns zu Hause —"
„Was?"
„Auf das Wohl des hochverehrten Brautpaares zu trinken!"
„Früh übt sich, was ein Meister werden nftiT, und hoher Sinn liegt oft im kindischen Spiel!" schaltete Maiwind ein.
(Fortsetzung folgt.)
Deutsche Köfe und Kauptstädte zu Anfang des 18. Iahrfiunderts.
(Fortsetzung).
Gleich werthvolle Anmerkungen, wie jene über den Kaiserhof sind, widmen Loöns Aufzeichnungen dem Leben in der Kaiserstadt und dem Charakter der Oesterreicher. Er bezeichnet dieselben als „int Grund ehrliche, gute und treue Leute." Er rühmt ihre Anhänglichkeit an ihren Kaiser und hebt ihren natürlichen Haß gegen die Franzosen hervor, der nicht nur in der langjährigen Feindseligkeit zwischen beiden Völkern wurzele, sondern sich auch darauf begründe, weil ihre (beider Nationen) Gemüthsart einander zuwider sei." Die Lebensart in Wien war damals der heutigen ziemlich ähnlich, „lustig, frei), rauschend und schwelgerisch, dabei andächtig, ernsthaft und natürlich." Daß die große Masse der Bevölkerung, welche nahe bei einander wohnt, die Bekanntschaften und das Bekanntwerden dem Fremden erleichtert, betont Loön noch ganz besonders. „Eine kleine Freiheit wird selten übelgedeutet, man wagt sie und man kann mit einem Spaß wieder viel gut machen." Kurz mit etwas Witz und einer gewissen Kunst angenehm zu erzählen, ließ sich schon damals, nach unseres Gewährsmannes Meinung, die Gunst der Wiener leicht erwerben.
Ein treues Bild des Wiener Straßenlebens
wird durch Loöns Schilderung entrollt. Das Ge- wühl ist dort noch stärker als in dem weit größeren Paris, so daß die Fußgänger durch die Kutschen und Pferde arg bedrängt, ost in Lebensgefahr ge- rathen. Kutscher und Sesselträger suchen durch den lauten Warnungsschrei „Schaut's aus! Schaut'S auf" die harmlosen Spaziergänger aufmerksam zu machen und zum Ausweichen aufzusordern. Gleichwie Wiens Straßen noch heute ein buntes Abbild der verschiedenartigen Bevölkerungen der österreichisch-ungarischen Monarchie gewähren, so sah schon Loön vor nahezu 170 Jahren daselbst „Leute aus allen Orten und Enden der Welt: Ungarn, Husaren, Heydncken, Polacken, Moscoviter, Persianer, Türken, Mohren, Spanier, Italiener, Tyroler, Schweitzer, kurz von allen europäischen Völkerschaften." Fast Alle tragen ihre Nationaltrachten. An Hof- und Festtagen gibt der Kaiser Audienz und drängen sich dann in seinen Vorzimmern große Herren und Gesandten, sowie geringere Edelleute, Ofstciere, Schreiber und „allerhand Menschen". Doch scheinen vor der Majestät die verschiedenen Stände alle gleich zu sein, denn sobald der Kaiser erscheint, „beugt sich Alles mit gleicher Unterthänigkeit vor dessen Majestät."
Loön verdankte den Zutritt bei Hofe der Bekanntschaft mit dem englischen Botschafter, Lord Worsley Montagu, welcher damals nach Konstantinopel zur Vermittelung des Friedens zwischen dem Kaiser und der ottomanischen Pforte abreisen sollte. Loön wollte in seinem Gefolge die Türkei besuchen, doch nöthigte ihn Krankheit von diesem Plane abzustehen und sogar Wien zu verlassen, um nach Frankfurt zurückzukehren. Der Verkehr mit dem englischen Gesandten schützte übrigens den jungen Patricier einmal vor thätlichen Mißhandlungen des damals überaus fanatischen Wiener Pöbels. Da Loön bei dem Vorübertragen der Monstranz nicht au» der Kutsche stieg, wollte man ihn aus derselben reißen und zum Niederkniecn zwingen. Aehnlich erging es ihm in der St. Stephanskirche, woselbst er von Glaubenseiferern durch Stiche in die Beine zum Knieen ge- nöthigt werden sollte. Heute sind die frommen Wiener auch in dieser Hinsicht weit duldsamer.
2. Der preußische Königshos in Berlin.
Nach einer längeren Reise durch die Rheinlands, die Generalstaaten von Holland und durch Nieder- deutfchland kam Loön im Dezember 1717 zu längerem Aufenthalte nach Berlin, der damaligen jüngsten Königshauptstadt. Der Frankfurter Reisende brachte daselbst den ganzen Winter zu und äußert sich an mehreren Stellen feiner „Kleinen Schriften" mit rühmlichem Freimuthe über die Zustünde des Hofe«, die Verhältnisse des Landes und über mehrere der bedeutendsten historischen Personen, die damals zu Berlin lebten. Das hohe Lob, welches Loön den preußischen Staatseinrichtungen zollt, beweist uns, wie wenig sich der Verfasser durch sonst auf fügend«


