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liche Gemüther leicht einwirkende Aeußerlichkeiten, in seinen gesunden Ansichten beirren ließ, denn eine durch peinliche Sparsamkeit geforderte Einfachheit, die auffällig vom Glanze des früher von Loön besuchten tsterreichischen Kaiserhofes abstach, zeichnete die Hofhaltung Friedrich Wilhelm's I. von Preußen aus. Durch diese Tugend und seine vorliebende Fürsorge für das Heer legte der zweite König Preußens bekanntlich den Grundstein zu seines Sohnes und zu feines Vaterlands Größe. Als Loön zu längerem Aufenthalte nach Berlin kam, war der König, der einige Jahre zuvor (1713) den Thron bestiegen hatte, kaum 30 Jahre alt, welcher Umstand bei Loöns Schilderungen des Hofes und der königlichen Familie nicht außer Acht gelassen werden darf, da letztere in vielen Stücken auffällig von der landläufigen Vorstellung abweichen, welche wir uns von dem berühmten „Soldatenkönige" zu machen pflegen.
Freilich warm die militärischen Interessen zu Berlin vorwaltend und eröffnet Loön schon seine Schilderung des königlich preußischen Hofes mit den vielsagenden Worten: „Ich sehe hier einen königlichen Hof, der nichts Glänzendes und nichts Prächtiges als seine Soldaten hat." Doch gerade diese Bevorzugung des Heeres imponirt dem frei« müthigen Beobachter; er zieht dieselbe dem hohlen, pomphaft aufgeputzten Hofschranzenthum vor, er bezeichnet den Berliner Hof als „die hohe Schule der Ordnung und der Haushaltungskunst, wo Große und Kleine sich nach dem Exempel ihres Oberhaupts mustern lernen." Die Kleidung der Hofleute ist eine einfache, sie selbst sind zierlich und schmuck aussehende Leute. Den Hauptbestandtheil des männlichen Hofstaates bilden selbstverständlich höhere Officiere; „Räthe, Kammerherren, Hofjunker und dergleichen werden, wann sie auch nicht zugleich Kriegsämter haben, nicht viel geachtet und kommen wenig nach Hofe." Noch schlimmer erging es den Gelehrten, welche sich, nach Loön, bei dem König am meisten verächtlich gemacht haben, lieber die Mannszucht im preußischen Heere herrschte nur eine Stimme, sie war herrlich. Uebrigens pflichtet der Verfasser, trotzdem er selbst seine Studien auf der Universität erst einige Jahre vorher absolvirt hatte, des Königs Abneigung gegen die Gelehrten bei und billigt die Gepflogenheit des preußischen Monarchen, Soldaten mit wichtigen diplomatischen Sendungen zu betrauen, vollkommen. Mit Kriegsleuten sei mehr auszurichten, als mit „stolzen, auf ihre Gelehrsamkeit pochenden Pedanten, welche nicht zu leben wüßten."
Das berühmte Sparsystem Friedrich Wilhelm's I. war eine eiserne Nothwendigkeit. Der Vater des Monarchen, Preußens erster König, Friedrich der Erste, war bekanntlich einer der prachtliebendsten Fürsten seiner Zeit. Sein erstaunlicher Aufwand machte, wie sich Loön sehr charakteristisch ausdrückt, „seine Staats« und Hofbedienten groß und reich,
während er die königliche Schatzkammer erschöpfte." Friedrich Wilhelm I. änderte sofort nach seinem Regierungsantritt die ganze Hofhaltung, so daß schon Loön, fünf Jahre nach des Königs Thronbesteigung, von der Ansammlung großer Schätze in baarer Münze, berichten kann, und zwar von so zahlreichen Summen, „daß ganze Gewölber unter dem Schloß damit angefüllt sind."
Die Neigung des Königs für feine Soldaten erfährt in Loöns Beschreibung des Hofes einigen Tadel. Besonders sind ihm die gewaltsamen Werbungen zuwider, auch hält der unparteiische Beobachter es für rathsam, dem Volke eine gewisse Freiheit zu gewähren, „wenn auch deren Nutzen sich der Zukunft ersprießlicher als der Gegenwart erweisen sollte." Auch glaubt Loön, daß alle Anstrengungen zur Hebung der „Handlung und der Fabriken" so lange vergebens oder mindestens belanglos wären, als die gewaltsamen Werbungen in Preußen im Schwünge wären.
Höchst interessant sind Loöns Anmerkungen über den Kronprinzen, den späteren König Friedrich bett Großen, welcher zur Zeit, als Loön in Berlin anwesend war, kaum 6 Jahre zählte. Er rühmt Friedrich in diesem noch zarten Alter „eine ungemeine, ja ganz außerordentlich Fähigkeit nach. Feine, geistreiche Bildung, Leutseligkeit und gute Gemüths- art, seien des Prinzen hervorhebenswertheste Eigen- thümlichkeiten. Frau von Sacetot, welche Friedrichs erste Erziehung leitete, nannte denselben „un esprit angelique.“ Die ersten Lehrmeister Friedrichs und feiner Schwester der Kronprinzessin (?) waren Monsieur de la Croze und andere geschickte Lehrer. Um jene Zeit, 1718, ward die Erziehung Friedrichs deutschen Lehrern anvertraut; auch erhielt der Kronprinz einen besonderen Hosstaat, dem ein hoher Militär-Oberst von Kalkenstein, vorstand, ein Cavalier, welchen Loön, ,als einen der artigsten und aufgeräumtesten Köpfe bep Hof" bezeichnet. Der König und die Königin hielten übrigens den zukünftigen Thronfolger „in scharffer Zucht", „es gäbe wohl wenig Königskinder, denen so durch den Sinn gefahren und der jugendliche Wille gebeugt wird." Das eheliche Leben des Herrscherpaares erregt ob feiner Musterhaftigkeit, ebenso sehr wie der Charakter der Königin, des Schilderers Bewunderung.
Die Liebenswürdigkeit der Königin, ihr treffliches Herz und ihre gründliche Vernunft, sowie ihr geschicktes Fügen in die GemüthSart des Königs, werden besonders hervorgehoben. Das einzige Vergnügen der Monarchin an dem mehr als einfachen Hofe war die Musik. Freilich kamen wenig Virtuosen nach Berlin; denn der König hörte lieber „einen guten Waldhornisten." Auf Kutschen und Pferde hielt Friedrich Wilhelm I. nicht viel, ein paar schlechte Kutschen mit sechs alten Pferden bildeten den Marstall der Königin, eine Sparsamkeit, welche Loön wohl kaum mit Recht al» musterhaft zu entschuldigen sucht. (Fortsetzung folgt).
Reda-tion: A. Acheyda, — Dmck und Verlag bst Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


