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„Und er mußte dieses verpfändete Wort ein« lösen?" fragte sie.
„Er mußte er", nickte Herr von Görlitz.
„Sie würden also die Möglichkeit, daß er sich noch unter den Lebenden befinden könne, nicht zugeben?"
„Nein, denn er ist in der That ganz unmöglich. Er wäre ein Ehrloser, den Jeder meiden würde — ein Feigling, der nur Verachtung verdiente."
„Diesen Vorwurf wird ihm Niemand machen können", sagte Tante Lina.
„Und eben deshalb ist es auch unmöglich, daß er sich noch unter den Lebenden befinden sollte", erwiderte der Hauptmann. „Wie kann diese Frage überhaupt jetzt noch aufgeworfen werden, da wir doch mit voller Sicherheit wissen, daß das Grab sich längst über dem Tobten geschloffen hat l Nein, gnädige Frau, dar sind Vermuthungen, die nicht die mindeste Berechtigung haben."
„Und wird jenes Geheimniß niemals enthüllt werden?" fragte Vera mit zitternder Stimme.
„Nur dann, wenn die Verhältniffe sich so gestalten sollten, daß ich von meinem damals gegebenen Versprechen entbunden würde."
„Und wann oder durch welche Ereigniffe könnte die» geschehen?"
„Ich weiß es nicht; ich zweifle sogar daran, daß dieser Fall jemals eintreten könnte. Und glauben Sie mir, die Enthüllung dieses Geheimniffes kann Ihnen nicht wünschenswerth sein; sie würde für Sie selbst nur betrübende Folgen haben."
Vera hatte sich von ihrem Sitz erhoben.
„Da» ist wiederum mir unverständlich, sagte sie, tief und schwer aufathmend, „und Sie werden es begreiflich finden, daß Ihre Erklärungen und Andeutungen mir nicht genügen. Vielleicht erhalte ich auf anderm Wege Klarheit und Gewißheit; ich werde keine Ruhe finden, bis ich dieses dunkle Räthsel gelöst habe."
„Sie wollen diese Lösung suchen, trotzdem ich Ihnen die Versicherung gebe, daß sie Ihnen nicht gefallen wird?"
„Trotzdem I" erwiderte Vera entschloffen. „Ich glaube nicht, daß sie die Last, die auf mir ruht, noch schwerer und drückender machen kann. Vielleicht bringt sie mir Erlösung!"
Herr von Görlitz schüttelte mit ernster, bedenklicher Miene das Haupt.
„Es ist zu spät", sagte er warnend. „Lasten Sie die Tobten ruhen, gnädige Frau; jenes Geheimniß ist ein Gorgonenhaupt, dessen Anblick Ihnen Entsetzen einflößen und Ihr ganzes Leben vergiften würde. Geschehenes ungeschehen zu machen, liegt in keines Menschen Macht, und in Unabänderliches muß man sich zu finden wissen. Ich kann wohl begreifen, daß jener Brief, den, wie Sie sagen, ein Zufall Ihnen in die Hände gespielt hat, Ihnen böse Stunden und schlaflose Nächte verursacht. Folgen Sie meinem Rathe; vergessen Sie ihn und begnügen Sie sich damit, unserem unglücklichen
Freunde ein treues und ehrenvolles Andenken zu bewahren."
„Vergessen?" antwortete Vera, und ein herber Zug umzuckte ihre Lippen. „Das kaun ich nicht, das kann Niemand. Noch einmal tiefinnigen Dank, meine liebe Freundin, leben Sie wohl! Ich werde wiederkommen."
Herr von Görlitz gab ihr das Geleit bis zur Hausthür; er bot ihr auch für den Heimweg feine Begleitung an, sie lehnte dankend ab.
„Was sagen Sie dazu?" fragte er, als er in den Salon zurückgekehrt war. „Daß dieser unselige Brief, jetzt, nach zehn Jahren, noch einmal das betrübende Ereigniß der Vergessenheit entreißen muß I"
„Sie wird nicht ruhen, bis sie das Geheimniß enthüllt hat!" erwiderte Tante Lina.
„Und wenn es ihr gelänge, Jo würde sie ihren Gatten verachten", sagte der Hauptmann mit gedämpfter Stimme.
Die alte Dame blickte bestürzt zu i£m auf, gespannte Erwartung sprach aus ihren Zügen.
„Das unter uns", fuhr er fort; „ich vertraue darauf, daß Sie ihr gegenüber diese Aeußerung nicht wiederholen werden."
„Sie hat die Achtung vor dem Gatten längst verloren", sagte sie leise.
„Es mag sein, aber die Enthüllung dieses Geheimnisses würde augenblicklich zum Bruch führen."
„Vielleicht wäre das die Erlösung, nach der sie sich sehnt!"
„Auch diese Möglichkeit will ich zugeben", erwiderte der Hauptmann; „ich aber darf mein Schweigen nicht brechen, wenigstens jetzt noch nicht. Und nun bitte ich Sie noch einmal, verehrte Frau, dringen Sie nicht weiter in mich; es ist mir zu peinlich, die Beantwortung Ihrer Fragen ablehncn zu müssen."
Tante Lina nickte schweigend und erhob sich. Herr von Görlitz begleitete sie in das Speisezimmer, in dem sie den Buchhalter bei den jungen Damen sanden.
Der Hauptmann mußte an diesem Abend manchen Scherz über sich ergehen lassen, aber die Unterredung mit Vera hatte ihn ernst und schweigsam gestimmt; die Aufforderung Maiwind's, das Verlobungsfest noch an dem heutigen Abend zu feiern, lehnte er mit dem Bemerken ab, daß er damit noch einige Tage zu warten wünsche.
Nach dem Abendessen zog er sich zurück; er lud den Buchhalter ein, ihn zu begleiten und ein Glas Grog mit ihm zu trinken; der junge Mann war sofort bereit, die Einladung anzunehmen.
,,O, daß sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe!" seufzte Carl Maiwind, als er im Zimmer des Hauptmanns behaglich auf dem Divan saß. „Denn wo das Strenge mit dem Zarten, wo Starkes sich und Mildes paarten, da giebt es einen guten Klang!"
„Ich bin Ihnen mit einem guten Beispiel vorangegangen", sagte Herr von Görlitz lächelnd,


