Ausgabe 
3.6.1886
 
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Referendar, während er die Brille dichter vor die Augen rückte.Der Starke weicht einen Schritt zurück, denn mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens!"

Gilt dieses Kompliment auch mir?" fragte Ludmilla scherzend.

Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich würde un­tröstlich sein, wenn Sie diese Vermuthung hegen könnten."

Dennoch halte ich es für rathsam, daß wir uns diesem Gefecht entziehen", sagte Hertha, sich erhebend.

Betroffen blickte der Referendar den beiden Mädchen nach, die nach kurzem Gruß das Zimmer verließen.

Schäme Dich, Camill!" nahm der Buchhalter nach einer Pause das Wort.Da hat wieder Je­mand einen dummen Streich gemacht! Was kümmern denn im Grunde genommen uns Ihre Lorbeeren auf dem Felde der Rechtspflege? Besser wäre es, Sie ließen den Vagabund laufen."

Sie haben seltsame Begriffe von den Amts­pflichten eines Untersuchungsrichters," erwiderte Rommel ärgerlich.Ich werde Ihnen noch den überzeugenden Beweis liefern, daß dieser Bursche wirklich ein Räuber und Mörder ist. Wir werden binnen Kurzem Näheres über die Leiche erfahren, die damals im Wiesenthaler Walde geHnden wurde"

Genau vor zehn Jahren?" unterbrach Frau Schirmer ihn, deren Züge einen ungewöhnlich ernsten und nachdenklichen Ausdruck zeigten.

Jawohl."

Und in welchem Monat?"

Im Juni."

Die alte Dame nickte, als ob sie sagen wolle, das stimme mit ihren Vermuthungen überein.

Laß', Vater, genug sein des grausamen Spiels I" sagte der Buchhalter achselzuckend, der inzwischen seine Tasse ausgetrunken hatte;ich liebe eine ge­sinnungsvolle Opposition, aber nun will ich wieder Frieden haben mit meinem Volke. Ich gedenke einen Spaziergang zu machen; werden Sie mich begleiten, Verehrtester?"

Nur unter der Bedingung, daß Sie auf be­sagten Hammel nicht mehr zurückkommen", erwiderte der Referendar.

Es sei; ich habe schon so viel für Dich gethan, daß mir zu thun fast nichts mehr übrig bleibt."

Was sagen Sie zu den Beiden?" fragte die alte Dame lächelnd, als sie sich mit dem Hauptmann allein befand.

Es muß auch solche Käuze geben!" antwortete er in demselben scherzenden Tone.

Ei, ei, Sie benutzen auch schon den Citaten- schatz? Laffen Sie sich nicht verführen, Herr Haupt­mann! Ich weiß, wie viel schlaflose Nächte es unserm Referendar gekostet hat, bis er seinem Gegner Schach bieten konnte."

Seien Sie unbesorgt, ich werde mich nicht auf dieses Feld verirren. Die Mittheilungen des Referendars scheinen aus Sie einen tiefen Eindruck gemacht zu haben "

Aus sehr triftigen Gründen", fiel sie mit un­verkennbarer Erregung in's Wort.Wiffen Sie denn nicht, wer jener Todte war, der damals im Wiesenthaler Walde gefunden wurde?"

Der entflohene Banquier?"

Nicht doch, mein Neffe!"

Der Hauptmann blickte sie betroffen an.

(Fortsetzung folgt.)

Die Kolonie für Epileptische im Teutoburger Walde bei Bielefeld ist allmälig unter Gottes Leitung das geworden, was sie für diese unglücklichen Kranken sein muß, um ihnen in rechter Weise zu dienen: Eine neue H e i m a t h.

Der ursprüngliche Gedanke, daß eine solche An­stalt in erster Linie H e i lanstalt sein müffe, hat sich nicht als richtig erwiesen. Es ist wahr, daß unter sorgfältiger ärztlicher Leitung und rechtzeitiger An­wendung geeigneter Mittel in einer überwiegend großen Zahl von Fällen eine Milderung des Leidens, und in nicht ganz wenigen auch dauernde Genesung eintritt.

Man ist aber nicht der Meinung, daß alle epilep­tischen Kranken eine Heilanstalt aufzusuchen hätten. In den meisten Fällen ist es wohl möglich, die sicherste Heilmethode, welche es gegenwärtig gegen dieses schreckliche Leiden giebt, auch zu Hause anzu- wenden. Der Vorstand von Bethel versendet an sämmtliche Kranke, die sich an denselben wenden, nicht nur die von den Anstaltsärzten gegebene An­weisung richtiger Behandlung dieser Krankheit, sondern auch die Heilmittel selbst in reinster Qualität, und zwar an hülfsbedürftige Kranke umsonst oder doch zu so geringem Preise, daß eine nachhaltige Kur ohne Überlastung möglich ist.

Es bedarf hierzu nur einer Anfrage unter der Adresse des Vorstandes der Kolonie Bethel bei Biele­feld. Es sind in den letzten drei Jahren nicht weniger als 1387 Kgr. des betreffenden Medikamentes in 69350 Pulvern ganz unentgeltlich ver­sandt.

Die Aufnahme in eine Kolonie wird aber dann nöthig, wenn trotz verständiger Anwendung der Mittel die Krankheit so weit sortschreitet, daß der Kranke gezwungen ist, seinen Beruf zu verlaffen und zur Unthätigkeit verurtheilt wird; denn Un- thätigkeit ist das schlimmste Förderungsmittel dieses schrecklichen Leidens, weil dadurch auch das Gemüth schwer belastet wird. Da ist es aber wiederum nöthig, womöglich jedem einzelnen Kranken auch den