260
ihm lieb gewordenen Berus wiederzugeben oder doch diejenige Beschäftigung, welche seinen Kräften ent- spricht; daher bedarf eine solche Kolonie einer vielfachen Gliederung nach Geschlecht, Alter, Lebensstellung, Beruf und Krankheitsgrad, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Auch die Vermischung von blödsinnigen und noch vollsinnigen Epileptischen ist zu vermeiden-
So sind jetzt um die Anstaltskirche her, welche auf der kleinen Höhe des Waldrückens liegt, der die zwei der Kolonie gehörigen sehr anmuthigen Thäler des Teutoburger Waldes von einander scheidet, und deren Glocken ja nun ohne Ausnahme alle diese armen Kranken einladen, welche sonst wegen ihres Leidens vom öffentlichen Gottesdienste ausgeschlossen waren, gegen 800 fallsüchtige Kranke in mehr als 40 größeren oder kleineren Familienhäusern versammelt. Das breitere der beiden Thäler gehört vorzugsweise den geistesfrischen Kranken, das schmalere vorzugsweise den sich bereits zum Blödsinn neigenden an.
Hebron, Mamon, Elim find Ackerbaustationen für die epileptischen Aäerbauer; Bethsaida und Saron für die Gärtner; Klein-Nazareth für die Tischler; Smyrna und Gilgal für die Schneider und Schuhmacher; Thyatira für die Anstreicher; Saume für die Buchbinder; Bethlehem für die Bäcker; Bethphage für Schreiber und Buchhändler. Außerdem ist auch noch für Sattler, Klempner, Schlosser und Zeichner in besonderen Arbeitsstätten gesorgt.
Auch sind verschiedene Bureaux für mancherlei epileptische Schreiber eingerichtet, und für die Winterzeit bietet das Sortiren, Abwägen und Verpacken der Sämereien in der Samenhandlung freundliche Beschäftigung. In Nazareth sind die vollsinnigen Schulknaben untergebracht; in Zoar und Klein- Bethsaida die blödsinnigen Schulknaben; in Bethel sämmtliche vollsinnige Schulmädchen, außerdem die Schneiderinnen, Strickerinnen, Flickerinnen und Köchinnen für die sämmtlichen umliegenden Stationen der epilepischen Knaben und Handwerker. Für die Wäscherei und Plätterei sammt Waschküche ist soeben ein neues Haus eingerichtet worden. In Siloah wohnen die schon ganz in Blödsinn versunkenen Mädchen; in Emmaus die minder schwachen; in Karmel die genesenden Mädchen, die der ärztlichen Pflege wenig mehr bedürfen, aber noch keine auswärtige Stellung erhalten können. In Sarepta werden alle bettlägerigen epileptischen Kranken verpflegt, die außer der Epilepsie noch andere schwere Krankheiten haben, namentlich auch die schwindsüchtigen; ins Kinderheim kommen kleine Kinderchen bis zu 7 Jahren. In Eben-Ezer, Nain und Tabor wohnen blödsinnige epileptische Männer und Jünglinge, und zwar in den beiden letzteren Stationen solche, die noch arbeitsfähig sind und vorzugsweise mit Schippe und Spaten arbeiten können. Hermon Berfaba und die beiden Häuser von Bethanien sind für epileptische
Pensionäre aus bevorzugten Ständen eingerichtet und auch so gegliedert, daß die vollsinnigen von oen blödsinnigen geschieden sind. Bethesda nimmt auch solche weibliche Nervenleidenden aus bevorzugten Ständen auf, die nicht grade epileptisch find und doch in eine Jrrenheilanstalt nicht passen. —
Nur in den vier letzten Stationen wird ein volles Pflegegeld bezahlt, so daß diese Häuser keine Zuschüsse bedürfen. Für alle anderen gilt der Grundsatz, daß Armuth nicht von der Aufnahme in die Anstalt ausschließt, sondern dieselbe erleichtert, weil die Aermsten, ohne Aufsicht zu Hause gelassen, am meisten leiden, ja an Leib und Seele verschmachten müssen. Etwa 148 Kranke wurden ganz umsonst verpflegt. Es sind circa 22u bereits blöde Epileptiker und 140 Schulkinder vorhanden, welch letztere in 6 verschiedenen Klassen unterrichtet werden.
Ausgenommen wurden im ganzen bisher 1977 Epileptische, davon wieder entlassen: als geheilt 145, gebessert 453, nicht genesen 341, gestorben 259.
Die Schuldenlast der Kolonie ist leider noch eine sehr bedeutende und dieselbe bedarf eines jährlichen Zuschusses von circa 150000 Mark.
Die Kranken werden aus allen Theilen Deutschlands, in denen noch keine eigenen Kolonien entstanden sind, ausgenommen.
Man erweiset der bedürftigen Anstalt nicht nur eine Liebe durch directe Zuwendung von Liebesgaben, sondern auch durch Benutzung ihrer verschiedenen, kleinen, industriellen Unternehmungen:
1) Der Schriftenniederlage, welche bereit ist, für die ganze christliche Literatur Bestellungen anzunehmen, sich aber namentlich mit Beschaffung christlicher Volksbibliotheken beschäftigt, die auf Wunsch auch gleich gebunden geliefert werden. (Adresse: Schriftenniederlage ber Anstalt Bethel bei Bielefeld.)
2) Die Spruchmalerei, welche auf Bestellung namentlich für Krankenhäuser und Anstalten, aber auch für Familienfeste rc. schöne Sprüche in geschmackvoller Weise anfertigt. (Adresse: Spruchmalerei der Anstalt Bethel bei Bielefeld).
3) Der Samenhandlung für alle Sämereien. (Adresse: Samenhandlung der Anstalt Bethel bei Bielefeld.)
Anmerkung. Ausschließlich für Epileptische bestimmte evangelische Kolonien bestehen bis jetzt außer Bethel zu Tabor bei Stettin, Thale bei Neinstedt, Karlshof bei Rastenburg, Potsdam und zu Rothenberg in Hannover, welch letztere Kolonie gemeinsam mit Bethel arbeitet.
Katholische Kolonien bestehen in Rheinland zu Aachen und Rath bei Düsseldorf, in Westphalen zu Mariahilf bei Münster und zu Olpe.
Außerdem aber nehmen eine größere Anzahl von Blödenanstalten auch Epileptische auf, vor allen Dingen Stetten in Würtemberg, Kraschnitz in Schlesien, Reu-Dettelsau und Polsingen in Baiern und Hubertusburg im Königreich Sachsen.
Doch besteht eine große Abneigung vollsinniger Epileptischer dagegen, in eine Blödenanstalt einzutreten, weswegen gerade aus diesen Ländern sehr viele Kranke um Aufnahme in Bethel bitten.
Redaition: B. Schevda. — Druck und Verlag der Brübl'schen Druckerei (Fr. Cbr. Pietsch) in Gießen.


