Ausgabe 
3.4.1886
 
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Ion der Jeise Sr. Waj. Schiff Irin; KdalSert"

(Nach privaten Briefen.)

(Fortsetzung.)

Da man uns auf die deutsche Giebert'sche Fabrik besonders aufmerksam gemacht hatte und wir von Montevideo nicht abgereist sein wollten, ohne in den Betrieb dieses blühenden Industriezweiges Uruguays Einsicht genommen zu haben, so benutzten wir einen kleinen Urlaub, um der Schlachterei in Fray-Bentos einen Besuch zu machen. Was uns dort am bemerkenswerthesten erschienen ist, war in Kürze ungefähr dieses: Die Schlachthallen, welche große bedachte Räume bilden und im Wesentlichen eine von unseren Schlachthäusern nicht viel ab­weichende Einrichtung zeigten, waren von einem großen Hofraum umgürtet, der, mit starken Palli- faden abgegrenzt, eine dreimalige Theilung zeigte. Der größte dieser drei Jnnenräume nahm die zur Abschlachtung bestimmte Heerde vollzählig auf; in den zweiten kleineren wurde ein Rudel von 80 Rindern hineingetrieben und in den dritten kleinsten wurde sodann^ die zunächst zum Schlachten bestimmte Anzahl von 15 Rindern verwiesen. Der Reihe nach wurde jedem einzelnen Rinde die Schlinge eines Seiles, welches über einen Block am Schlachtplatz der Halle gespannt war, um die Hörner gelegt, worauf ein Pferd dieses Sei! anzog und das sträubende Thier sehr schnell bis an den Schlachtblock beförderte. Am Blocke wurde dem Thiere nunmehr mit einem großen Messer der Genickstoß gegeben, ein Act, der sich blitzschnell vollzog und das Opfer ebenso schnell zu Fall brachte. Mit dem zweiten Rinde wurde es ebenso gemacht u. s. w., bis eine lange Reihe von Rindern todt den Schlachtplatz bedeckte, worauf nunmehr das Avhäuten, Ausnehmen und das Zertheilen der Cadaver begann. Je 2 bis 3 Mann waren für einen Ochsen abgetheilt. Alles wurde schablonenmäßig ausgesührt und Alles in unglaublich kurzer Zeit gethan. Die Fleisch-, Knochen-, Haut-, Talg-, Horntheile gingen von Hand zu Hand und in jeder Hand vollzog sich in Secunden der Arbeitsprozeß, so daß etwa in 5 bis 10 Minuten die ganze Schlachtarbeit mit der ersten Serie Rinder beendet, das Fleisch in regelmäßige Stücke zertheilt und aufgeschichtet, alle übrigen Theile gesondert und die Gerippe beiseite geschafft waren. In den mit den Schlachthallen verbundenen Fabrikräumen, Kochereien, Siedereien, Schmelzereien, Verpackungs­und Expediiionssälen wurde die Arbeit fortgesetzt, d. h. in großen gewaltigen Keffeln, Tigeln und Pfannen wurden nun die Fleischiheile, nachdem sie gewaschen waren und gelagert hatten, gekocht, ge­preßt und entweder als Dörrfleisch, Corned bees

ober in Form von Extract (der durch Krahne aus den Tigeln abgelassen wird, nachdem die Fleischtheile noch einer Druckpresse ausgesetzt sind), Talgen und Fetten an die Expeditionssäle abgeliefert, wo die fertigen Products in Fässer, Büchsen und Schachteln verpackt, etiquettirt und zum Transport fertiggestellt werden.

Das öffentliche Leben in Montevideo hat in neuerer Zeit einen ruhigen Charakter angenommen. Die politischen Leidenschaften, deren Wogen hier oftmals hoch gegangen sind, haben ihre Kehrseite in Ruhe und Entsagung gefunden, und an die großen politischen, oft genug mit Blut getränkten Ereignisse erinnern jetzt eigentlich nur noch die Namen der Straßen, welche größtentheils nach den Daten wichtiger Ereignisse getauft sind, wie sich z. B. die HauptverkehrsstraßeCalle del 25. Mayo" (Erklä­rung der Republik in Uruguay) nennt. Erregt und leidenschaftlich geschriebene Zeitungen erinnern frei­lich ebenfalls noch an den ausgeprägt politischen Charakter der spanischen Amerikaner, aber das Ge­zänk dreht sich doch meistens nur um große wirth- schaftltche oder außerpolitische Tagesfragen, wie denn überhaupt die Consolidirung des sich kräftig und entwickelungssähig erwiesenen Wirthschastslebens des kleinen Uruguay eine Hauptsorge aller gebildeten Klaffen geworden zu sein scheint.

Montevideo hat sich in den letzten Jahren sehr erweitert. Namentlich nach Westen hat sich die Stadt mit schönen Villenstraßen ausgrbaut. Der spanische, halb maurische Baustil hat alle Häuser in den vornehmen Straßen mit Gärten auf den Dächern ausgestattet. Wirkt diese Anlage der Häuser schon inmitten der Stadt friedlich schön, so erhöht sich dieser Eindruck noch in den Villenstraßen da­durch, daß ein üppiger Baumwuchs in trunkener Laubfülle das Haus von allen Seiten umgiebt. Am Abend, wenn der Mond schwimmend durch den Aether zieht, genießt man von diesen Dachterrassen aus einen entzückenden Anblick über den funkelnden und glitzernden, tiefblau gefärbten Spiegel des Meeres, welches sich endlos bis unter den dunklen Horizont ousbreitet.

Unser Aufenthalt in Mondevieo hatte uns Dank der Liebenswürdigkeit unserer Landsleute mit Allem bekannt gemacht, was diese reiche Kaufmannsstadt an schönen Bssitzthümern birgt, und so konnten wir denn mit dem Gefühl voller Besriedigung Abschied nehmen. Es war ein schöner, prächtiger Morgen, als wir die Kuppelstadt in langsamer Fahrt durch den La Plata-Golf hinter uns allmälig aus dem Auge verloren. Unser Ziel war Capstadt, als wir uns wieder in der anspruchslosen Stille des Oceans befanden.

(Schluß folgt.)

Isrdartion: A. Scheydg. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen,