Ausgabe 
2.11.1886
 
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präsentsten, als wären sie soeben aus der Hand eines künstlerischen Conditors hervorgegangen.

Diese Villa wurde von der jungen Witiwe eines Millionärs bewohnt, welcher seine schöne Frau so leidenschaftlich geliebt, daß er sie zur Unioersalerbin ernannt hatte, obwohl ihm das Glück ihres Besitzes nur kurze Zeit vergönnt gewesen war.

Madame Antonie Rodenburg war jetzt eine sehr jugendliche Wittwe von kaum zweiundzwanzig Jahren. Ihr Gatte, welcher durch ein Jagdunglück um's Leben gekommen, war dreißig Jahre älter als seine zweite junge Frau gewesen; man erzählte sich in höheren Kreisen eine sehr romantisch klingende Vorgeschichte dieser ungleichen Ehe.

Der verstorbene Rodenburg war zu Lebzeiten seiner ersten Gattin mit den Eltern seiner zweiten Frau eng befreundet gewesen. Es waren Geschäfis- freunbe in gleicher Stellung, von gleichem Vermögen und übereinstimmenden Anschauungen, die sozusagen ein Herz und eine Seele bildete.

Wie Antonie das einzige Kind ihrer Eltern war, so besaßen auch die Rodenburg'schen Eheleute nur einen Sohn, welcher bei ihrer Geburt ein Jahr erst zählte und später ihr unzertrennlicher Spielgefährte wurde. Der kleine Felix behütete mit eifersüchtiger Despotie die ersten Schritte der schon in den Windeln höchst eigensinnigen Antonie und litt es nicht, daß ein anderes Kind mit ihr spielte, weshalb dir Eltern sie Scherzes halber die kleinen Brautleute nannten.

So wuchsen sie heran Beide in blühender Schönheit der äußeren Gestalt und doch so ver­schieden an Character, Geist und Empfindung, da Felix, welcher das Gymnasium seiner Vaterstadt bc- sachte, an idealer Schwärmerei das Höchste zu leisten versprach, was den Vater, der ihn selbstverständlich für den Kaufmannsstand bestimmt, mit Unwillen und Sorge erfüllte. Die eitle Antonie Reinhardt, deren oberflächliches Wesen und kalte Selbstsucht mit den Jahren immer mehr zur berechnenden Koketterie wurde, nahm die schwärmerische Huldigung ihres Freundes Felix mit der Miene einer Königin entgegen und ließ sich seine despotische Liebe zur Zeit noch ge­fallen.

Sie ist keine Frau für unseren Sohn", sagte Frau Rodenburg mit großer Entschiedenheit zu ihrem Gatten, der Antonie eben so sehr vergötterte und verzog,ihr kaltes, selbstsüchtiges Wesen, ihre Herz­losigkeit würden ihn elend und unglücklich machen."

Bah, ihr Character würde gerade das rechte Gegengewicht für feine alberne Gesühlsschwärmerei bilden", versetzte Rodenburg,ich denke, daß wir durch eine rasche Verlobung die Geschichte zum festen Abschluß bringen.

Meinst Du? Ich glaube vielmehr, daß die schlaue Antonie Euch einen Strich durch die Rechnung machen wird. Sie wird sich hüten, jetzt schon Feffeln zu tragen.

Die scharfsichtige Frau hatte richtig geurtheilt, Antonis, welche jetzt siebzehn Jahre zählte, lachte spöttisch über diese Zumuthung und erklärte, damit

zu warten, bis Felix mündig und sein eigener Herr sei, bis dahin könne noch viel Wasser die Elbe hinab­fließen. , u

Und dabei blieb es, da Antonie zu oen klugen Jungfrauen gehörte und die schwärmerische Liebe ihres jugendlichen Anbeters für ein Hirngespwnst hielt. Sie lernte ganz andere Dinge, in der vor­nehmen Pension, französisch parliren und sich die Allüren der hohen Gesellschaft aneignen, was galt ihr der Kaufmannssohn?

Felix ahnte von dem Allen nichts. Er ging auf des Vaters Befehl nach London, um in einem reichen Ciiyhause die Geheimnisse des Großhandels zu studiren und alsdann der väterlichen Firma als Compagnon beizutreten. Er träumte von einem sonnigen Glück und hielt das Eden seiner Zukunft für gesichert, bis der Tod der geliebten Mutter ihm den ersten großen Schmerz bereitete.

Antonie befand sich noch in der Schweiz, aiS er dem Sarge seiner Mutter folgte. Die Herzlose hatte keine Zeile echter Theilnahme für den ver­waisten Freund ihrer Kindheit gehabt und trost.os mußte er nach London zurückkehren, wie der Vater gebot, um dort seine Lehrzeit zu vollenden. Die Trauer um die geliebte Mutter mußte selbstverständ­lich den Gedanken an Antonie zurückdrängen; er entschuldigte ihre Theilnahmlosigkeit mit der jungfräu­lichen Scheu und der Unerfahrenheit ihrer Jugend und hoffte auf die Zeit, welche ihre Liebe für den Gespielen läutern und festigen werde.

So verging wieder ein Jahr, als die nteber# schmetternbe Nachricht ihn traf, baß Antonien's Vater plötzlich aus dem Leben geschieden, und zwar, wie sein Vater im Vertrauen ihm mittheilte, durch Selbst­mord, weil er durch wahnsinnige Speculationen sem ganzes Vermögen verloren und die Seinen in unver­antwortlichster Weise zum Bettelstäbe verurtheüt habe. Als langjähriger Freund der Familie Reinhardt habe er sich entschlossen, Gattin und Tochter des Tobten in sein Haus auszunehmen, j müsse aber die Bedingung daran knüpfen, daß Feist Inur auf specielle Einladung heimkehren dürfe.

Der junge Mann segnete den hochherzigen Ent­schluß des Vaters und blieb ruhig in London, mit Eifer und Pflichttreue seine kaufmännischen Aufgaben . erfüllend. Wenn die väterlichen Zuschriften aucy viel spärlicher als sonst eintiefen, so besaß doch Felix einen zu offenen und ehrenhaften Character, um irgend welchen Argwohn zu fassen, bis ihn eines Tages wie ein Blitz aus heiterer Lust die ironische Mittheilung eines Freundes aus Hamburg traf, daß Herr Rodenburg Vater sich in aller Stille mit Fräulein Antonie Reinhardt verlobt und vermählt habe. ~ ,

Wie geistesabwesend starrte der arme H-eux aus diese verhängnißvollen Zeilen, schüttelte bann ver­ächtlich den Kopf unb lachte über ben Unstnn. Bald aber fuhr es ihm lähmend durch den Sinn, wie auffällig lange er kein Lebenszeichen aus der Heimath empfangen und daß Antonie sich niemals