Ausgabe 
2.11.1886
 
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Hießener Jamilienblätter

BekeMstifchss VZiöLM MW GieURer AHZigK-

Slre 129 Dienstag den 2. November. lööö<

Ms zur letzten Klippe.

Original-Roman von E. Heinrichs.

(Fortsetzung).

Der Schutzmann nickte und die gute Frau begab s sich mit dem Kinde in die nebenan befindliche Kammer, j* um es in das Bettchen des eigenen verstorbenen i Kindes weich und warm zur Ruhe niederzulegen. !

Kannst du beten, kleine Wera?" fragte Frau Möller, einen Kuß auf ihre Stirn drückend.

Das Kind faltete die Händchen und betete mit . melodischer Stimme das Vaterunser.

Mama! gute Mama!" sprach es dann plötzlich halb im Schlafe schon, beide Aermchen um den Hals der Wirthin legend.

Ja, ich will es sein", flüsterte die brave Frau, sollst es so gut bei mir haben, daß Deine Mutter im Himmel sich darüber freuen wird. Amen!"

Das Kind war mit gefalteten Händen und einem s Lächeln auf den Lippen eingeschlafen; war's doch j lange schon her, seitdem es so schön und weich ge- ; bettet worden.

Frau Möller betrachtete es gerührt und kehrte \ dann leise in die Wohnstube zurück.

Na, Mutter!" rief der Wirth,was soll denn j nun eigentlich mit dem kleinen Fremdling geschehen?" \

Ist die Frau wirklich tobt, Herr Steen?" wandte j sich die Wirthin an den Schutzmann.

Mausetodt, Frau Möller! sie liegt bereits im s Kurhause auf dem letzten Stroh."

Arme Person, ist am Ende verhungert i

Ach was, verhungert, dann fährt man nicht ; großartig in der Droschke vor", warf der Wirth \ ungeduldig hin.

, Freilich, die Geschichte ist unheimlich genug", | meinte der Schutzmann achselzuckend,wird sich ! Alles bei der Section Herausstellen. Sonst führte s sie einen regelrechten Paß bei sich, nach welchem sie ; die Frau eines polnischen Arbeiters war. -

Eines Arbeiters," wiederholte Frau Möller etwas enttäuscht,das begreife ich nicht, die Kleine hat ein so feines und vornehmes Gesicht"

Ja, das hat man wohl zuweilen", lachte der Beamte,wie steht's aber sonst damit, Frau Möller! wollen Sie das Kind behalten?"

Na, höre mal, Minna!" nahm der Wirth rasch das Wort,was sollen wir mit dem fremdländischen Balg? Da könnten wir doch lieber, wenn's partout eins sein soll, ein Hamburger Waisenkind annehmen."

So, meinst Du, Heinrich?" lächelte Frau Möller verächtlich,das thut mir leid, darin Hab­ich meine eigenen Ansichten und sage kurz und gut: das Kind ist mein! Wie heißt es denn eigentlich,

Die Frau heißt Obelinski"

Nee, Herr Steen, davon will ich nichts wissen, es soll unfern Namen haben, damit basta!"

Sind Sie damit einverstanden, Herr Möller?" wandte sich der Schutzmann mit einem verschmitzten Blick an den Wirth, der sich verdrossen hinter'« Ohr kraute.

Ja, einverstanden oder nicht", versetzte Möller unwirsch,Sie kennen meine Frau, Herr Sieen, und wenn das polnische Kind ihr wirklich unsere Doris ersetzen kann, dann meinetwegen!"

Frau Möller verschmerzte den kleinen Pfeil und schwieg mit einem vielsagenden Achselzucken.

Gut", sprach der Schutzmann, dem Wirth die Hand reichend,dann versäumen Sie nicht, morgen nach dem Stadthause zu gehen, um in keine Unge­legenheiten zu kommen. Vielleicht finden wir noch den Vater Obelinski, dessen Bekanntschaft wir au» verschiedenen Gründen gern machen möchten. Guten Abend!"

Nette Geschichte!" brummte der Wirth, die Stube verlassend,wirst Dir da was Schönes ein­gebrockt haben.

Frau Möller begnügte sich wieder mit einem Achselzucken, da ihr der Vater Obelinski doch in die Glieder gefahren war. Sie trat noch einmal mit dem Lichte in der Hand zu dem schlafenden Kinde, vorsichtig den hellen Schein der Lampe mit der Hand dämpfend.

Und wenn auch", murmelte die resolute Frau, solche Väter lassen sich mit einem Glase Brannt­wein abkaufen. Dich entreißt er mir nicht, kleine Wera!"

Sie strich leise über die Locken des süß und ruhig schlummernden Kindes und verließ dann be­hutsam die Kammer.

Die arme verlassene Waise hatte ein treues Mutterherz wiedergefunden. ,

3. Capitel.

Auf der Uhlenhorst, jenem aristokratischen Viertel Hamburg's an dem romantischen Alster-Ufer, befand sich, von einem zierlich gepflegten Garten umgeben, eine jener Marzipan-Villen, welche sich so sauber