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worden. „Das Mädchen unter polizeiliche Controle zu stellen, lag keine Veranlassnng vor." Mit den letzteren Worten schloß der Bericht der Revierpolizei aus der Kaiserstadt.
Das waren also die Antecedenzien der schönen Lehrersfrau.
Der Amtsrichter klappte das Aktenstück bedächtig zu und legte es langsam auf den Haufen der übrigen Papiere, dann klingelte er.
„Der Lehrer Kirchner!" befahl er.
Der Citirte erschien.
Der Aufenthalt in einer Amtsstube war für Kirchner ohnehin schon etwas Außergewöhnliches; das ernste Gesicht des Amtsrichters that das Weitere dazu, um den jungen Mann, der in den letzten Tagen so viel durchgemacht hatte, in eine außergewöhnliche Gemüthsverfassung zu versetzen.
Der förmlichen Aufforderung, sich niederzulaffen, kam Kirchner nach.
Nachdem der Amtsrichter durch den herbeige- rufenen Schreiber die amtlichen Vorfragen hatte niederschreiben lasten, fuhr er fort:
„Sind Sie versichert gewesen?"
„Ja", entgegnete Kirchner.
„Wie hoch?'
„Mit ziemlich 5000 Mark."
„Fünftausend Mark?" fragte der Amtsrichter verwundert. „So viel ich weiß, beziehen Sie doch nur 1500 Mark Gehalt, Ihre Frau hat Ihnen in die Ehe nichts eingebracht, Sie sind erst zwei Jahre verheirathet und trotzdem wollen Sie einen Haushalt gehabt haben, der diese Summe repräsenrirt?"
„Gewiß, Herr Amtsrichter! Darf ich Ihnen das Nähere mittheilen?"
„Nun? — ich bin begierig zu hören."
„Meine Bibliothek hat sich im Laufe der Zeit bedeutend vermehrt gehabt und weist nach dem dctaillirten Versicherungsverzeichniß einen Ladenpreis- Werrh von ziemlich 1900 Mark allein auf."
Ungläubig schüttelte der Amtsrichter den Kopf. Seine Bibliothek, auf die er so stolz war, kostete ihm nicht das Drittel.
„Mein Pianino kostet mich 500 Mark —
„Auch schon bezahlt?" frug der Amtsrichter, seinen Blick über die vorgeschobenen Brillengläser nach, dem zu Jnquirirenden gerichtet.
Kirchner schoß das Blut nach dem Kopfe.
,Jch weiß uicht, Herr Amtsrichter, weshalb Sie diese Frage an mich stellen nnd möchte mir die ergebene Frage erlauben, ob Sie berechtigt sind, mich über eine Angelegenheit zu befragen, die meines Erachtens doch gar nicht vor dieses Forum gehört. Stehe ich etwa unter dem Verdacht der Brandstiftung?"
„Nur meine Pflicht habe ich zu erfüllen, nichts anderes als das, mein Herr. Ob ich zur Stellung derartiger privater Fragen berechtigt bin oder nicht, wird sich im weiteren Lauf der Untersuchung ja Herausstellen."
Der Amtsrichter, der dies alles im trockenen, geschäftsmäßig und etwas gereizt klingenden Ton gesagt, hatte keine Ahnung davon, daß jedes seiner Worte den vor ihm Stehenden wie Nadelstiche verwundeten. Vor ihm befand sich ja nur ein unter einem Verdacht stehendes Jndividium, dessen Schuld durch Indizien festgestellt werden mußte.
Kirchner schwieg. Die Vermuthung, daß man ihn im Verdacht habe, den Brand gelegt zu haben, schnürte ihm die Kehle zu.
„Ich frage Sie nochmals; war das Pianino bezahlt oder nicht?" nahm der Amtsrichter die Verhandlung wieder auf.
„Nein", klang es bewegt über die Lippen Kirchners.
„Wie viel waren Sie darauf noch schuldig?" „Etwas über hundert Mark."
Der Amtmann nickte dem Protokollanten zu und laut knarrend eilte dessen Kielfeder über den Acten- bogen.
„Wo waren Sie zur Zeit des Ausbruchs des Brandes?"
,,Jm Gesangverein Arion."
„Was thaten Sie dort?"
„Ich bin der Dirigent des Vereins."
„Wann gingen Sie dorthin?"
„Etwa um 8 Uhr."
„Das Feuer brach um 1/211 Uhr aus. In der unmittelbar an das Treppenhaus stehenden Werkstatt muß dasselbe schon längere Zeit gebrannt und das Haus selbst mit verdächtigem Geruch erfüllt haben."
„Ich habe nicht das geringste Verdächtige wahr« j genommen."
„Ihre Frau auch nicht?"
„Wie sie mir gesagt hat — nein."
„Kennen Sie die Vergangenheit Ihrer Gattin?" \ Der Amtsrichter bemerkte nicht, wie die Farbe in \ dem Gesichte Kirchners wich und dieser mit vibrirendem i Augenstarren den Bewegungen des Inquirenten i folgte, al» dieser die Schulvorstandsacten von dem - Stoße nahm und sie aufblätterte. Seine Stimme versagte ihm den Dienst.
„Ich habe gefragt, ob Sie die Vergangenheit j Ihrer Gattin kennen?"
„Ich glaube."
„Kennen Sie auch den Briefwechsel, der zwischen \ Ihrer vorgesetzten Behörde und dem Magistrat von i Berlin geführt worden ist, bevor Sie die Heiraths- i erlaubniß erhielten?"
„Nein."
„So werde ich Ihnen dieselbe vorlesen."
Amtliche Berichte haben mit den Gefühlen der f Menschen nichts zu thun; nur die Aufzählung der j Thatsachen ist ihr Inhalt.
Kirchner verließ beinahe die Besinnung, als ihm i der Amtsrichter in geschäftsmäßigen Tone die bereits l oben mitgetheilten Einzelheiten vorlas.
(Fortsetzung folgt).
Redactton: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


