Ausgabe 
2.10.1886
 
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Corridor stürmte der Bursche an ihm vorbei, um dem Rufe seines Herrn Folge zu leisten.

Eine Flasche Wein!" befahl der Hauptmann, der seine Ruhe wieder gefunden hatte.Wenn der Herr Landrath mich noch einmal besuchen sollte, so bin ich nicht zu Hause."

Zu Befehl, Herr Hauptmann!"

Die Dame hat sich doch vorhin entfernt?"

Anton blickte verstohlen auf die Thür des Neben« zimmers ein verschmitztes Lächeln glitt über sein breite» Gesicht.

Ich hab's nicht gesehen", erwiderte er.

Bestürzung spiegelte sich in den plötzlich er­bleichenden Zügen des Hauptmanns.

War sie noch im Nebenzimmer, dessen Thür halb offen stand, dann mußte sie Alles gehört haben.

Es ist gut", sagte er;geh', Du kannst den Wein nachher bringen, wenn ich wieder schelle."

Er nahm die Lampe vom Tisch und trat in das Nebenzimmer; bleich, aber völlig gefaßt stand Vera vor ihm, und der Ausdruck ihres Gesichts verrieth ihm augenblicklich, daß sie jede» Wort vernommen hatte.

Verzeihen Sie", sagte sie leise, und nur die zitternde Stimme ließ die furchtbare Aufregung er­kennen, die in ihrem Innern tobte;es war nicht meine Absicht, hier zu bleiben und zu horchen; aber ich fand die Thür geschlossen und wagte nicht, Ge­räusch zu machen."

Sie haben Alle» gehört?" fragte er, tief auf- athmend.

Alles!"

Er führte sie in die andere Stube zum Divan und stellte die Lampe wieder hin; dann blickte er ihr voll inniger Theilnahme in das bleiche Antlitz.

Seien Sie versichert, daß ich die» von ganzem Herzen bedaure", sagte er.Sie werden nun be­greifen, daß ich Ihren Wunsch nicht erfüllen durfte."

Vera strich mit dem feinen Battisttuch über ihre feuchte Stirn und wiegte ablehnend das schöne Haupt.

Ich begreife es", erwiderte sie.Wie viel würde ich darum gegeben haben, wenn ich das Alles einige Jahre früher erfahren hätte I Viel Trübe« und Bitteres wäre mir erspart geblieben. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß alle die Vorwürfe, die Sie meinem Gatten gemacht haben, begründet sind, und wenn ich dies weiß, muß ich dann nicht Abscheu und Grauen vor dem Manne empfinden, der sich solcher Mittel bediente, um mich an sich zu ketten?"

Herr von Görlitz hatte das Haupt auf die Brust gesenkt. Was sollte er darauf erwidern? Ihm selbst graute vor diesem Manne; er begriff jetzt nicht, daß er nicht damals schon den Würfel geprüft hatte dem Freunde wäre dadurch das Leben erhalten worden. Aber wer hätte auch so Entsetzliches nur ahnen können!"

Was wollen Sie nun thun?" fragte er, wie aus einem bösen Traum erwachend, während er mit der Hand leicht über die Augen fuhr.

Ein herber, entschlossener Zug umzuckte die Lippert Vera's.

Giebt's diesen Thatsachen gegenüber noch ein Bedenken?" erwiderte sie.War schon früher, nur auf Verdachtsgründe hin, die Trennung ausge­sprochen, so ist sie nun eine Nothwendigkeit geworden."

Sie wollen Ihrem Gatten sagen"

Daß ich Alles wisse? Gewiß, er muß es erfahren, damit er weiß, daß die Kluft zwischen uns nie überbrückt werden kann! Gedenken Sie Ihrer Entdeckung weiter Folge zu geben?"

Die Beantwortung dieser Frage hängt allein davon ab, was Ihr Gatte nun thun wird", sagte er achselzuckend.Die Verhältnisse nöthigen mich, die Angelegenheit dem Ehrenrath zur Entscheidung vorzulegen und diese Entscheidung wird voraus­sichtlich Ihren Gatten zwingen, die Stadt für immer zu verlassen." (Fortsetzung folgt.)

Die Brandstifterin.

kriminal-Novelle von Andr« Hugo.

(Fortsetzung).

II.

Antettdrilsien.

Auf dem Bureau de» Herrn Amtsrichters ging es am nächsten Morgen lebhafter zu als gewöhnlich, da er als stellvertretender Landgerichtsrath die Untersuchung über das stattgehabte Schadenfeuer zu leiten hatte. Vor ihm lagen mehrere Actenstöße, unter anderen auch ein stadträthliches über den Lehrer Kirchner. Dasselbe enthielt nur dienstliche Notizen, einige Berichte über Lehrweise und Ver­halten des pp. Kirchner, sowie am Schlüsse die Correspondenz über Fräulein Alice Herming, wie Frau Kirchner als Mädchen genannt worden war.

Bedenklich wiegte der Herr Amtsrichter den Kopf, als er weiter und weiter las. Die schöne, junge Lehrersfrau stammte aus einer herunterge­kommenen Schauspielerfamilie. Der Vater, ein Trunkenbold, war nach dem Brande seines kleinen Theaters unter dem Verdachte der Brandstiftung längere Zeit gefänglich etngezogen gewesen und dannwegen mangelnder Beweise" wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Die Feuerversicherung zahlte nicht und so war denn sehr bald der voll­ständige Bankerott des Theaterunternehmens dem Schicksalsschlage gefolgt. Bettelnd hatte der Alte dann von Bühne zu Bühne die Kunstgenossen so lange gebrandschatzt, bis sie dem Landstreicher nichts mehr gaben und er seinem Leben ein Ende durch einen kühnen Sturz in's Wasser gemacht hatte. Der Bruder galt für einen gefährlichen Einbrecher in Berlin und saß zur Zeit der Verlobung seiner Schwester hinter Schloß und Riegel. Die Mutter war nach Berlin gezogen, hatte hier der Tochter das Gewerbe einer Putzmacherin erlernen lassen und war von dieser bis zu ihrem Tode ehrlich ernährt