Ausgabe 
2.1.1886
 
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Familie diese Verbindung wünscht. Ihr habt Euch in Euren Berechnungen getäuscht"

Bitte, Dora, hier kann von einer Enttäuschung keine Rede sein, wir haben an solche Berechnungen nicht gedacht. Mama mag vielleicht die Verbindung gewünscht haben, Sonnenberg ist ja schon seit längerer Zeit bei meinen Eltern Hausfreund, aber sie hat sicher nicht daran gedacht, die Erfüllung dieses Wunsches durch eine Jntrigue herbeizuführen. Ich muß diesen Vorwurf, soweit er sich auf meine Familie bezieht, entschieden zurückweisen, für Deine Gesellschafterin kann ich freilich keine Bürgschaft übernehmen; ist Deine Anklage gegen sie begründet, so hast Du ja in ihrer Entlassung ein sehr ein­faches Mittel, sie für den Mißbrauch Deines Ver­trauens zu bestrafen."

Ein Mittel, von dem ich bereits Gebrauch ge­macht habe!" erwiderte Dora mit einem zürnenden Blick auf die Thür, hinter der Ernestine ver- schwunden war.Ich vermuthe, die Beiden kennen einander schon sehr lange und sehr genau, aber ich mag nicht weiter darnach forschen, ihre Pläne sind vereitelt, das genügt mir."

Wir werden darüber wohl noch ausführlicher reden, wenn Du ruhiger geworden bist", sagte die Stadträthin, sich erhebend;für jetzt mußt Du mich entschuldigen, ich habe für heute Abend noch Manches zu besorgen. Sonnenberg ist freilich ebenfalls ge­laden, aber wenn er hört, daß Du kommst, und Heinrich soll ihm das sagen"

Bitte, derangirt Euch meinetwegen nicht, Du wirst wohl begreifen, daß ich nicht in der Stimmung bin, an dem Souper theilzunehmen."

Armes Kind!" sagte ihre Schwägerin in be­dauerndem Tone, während sie ihr die Hand reichte, die gleich darauf wieder in dem kleinen Zobelmuff verschwand,Du solltest Dich nicht so sehr"

Genug davon!" fiel Dora ihr mit einer ab­lehnenden Geberde in die Rede,ich rege mich weiter nicht auf, die Angelegenheit ist nun für mich erledigt. Wenn auch meine übrigen Angelegenheiten so weit geordnet sind, werde ich die Stadt vielleicht auf Nimmerwiedersehen verlassen."

Muß ich daraus entnehmen, daß Du einen Bruch mit uns beabsichtigst?" fragte die Stadträthin vorwurfsvoll.Ich wüßte wirklich nicht, welche Ursache Du dazu haben könntest. Nach dieser Niederlage wird Sonnenberg sicherlich nicht mehr lange hier bleiben, Du brauchst also nicht zu fürchten, ihm hier noch oft zu begegnen."

(Fortsetzung folgt).

Der erste Januar von Anno Dazumal.

Von Christoph Wild.

Ja, wann das war? Das ist doch einfach", meinte der Großpapa,wir Alten sprech cn

Anns Toback, wenn wir vom alten Fritze erzählen, von Anno Dazumal, das war halt dazumal, als wir den Napoleum vertrieben. Meinetwegen war's also am 1. Januar 1814, aber nun stört mich nicht wieder, Kinder, oder laßt Euch von einem Jungen eine andere Neujahrsgeschichte erzählen"

Wir sind ja schon still, Großpapa", rief sein Enkel Meister Klaus und füllte am Sylvesterabend 1871 erst seinem jungen Weibchen und dann den Gästen nochmals die Gläser aus der dampfenden Punschbowle.Das neue Jahr haben wir schon begossen, also pros't Großpapa! Du sollst leben!"

Die Gläser klangen zusammen und der alte würdige Veteran that mit einem guten Zuge Be­scheid.

.Dabei kann man's aushalten", brummte er, stopfte sich die Pfeife und sah sich im Kreise um. Ja so, die Geschichte. Also es war 1814, ich war ein Kerl von 24 Jahren, und von der Garde als Armee-Gensd'arm zu unserm guten König Friedrich Wilhelm kommandirt. Na, Ihr wißt's ja, Anno Dazumal sind wir mit dem ersten Napoleum nicht so rasch fertig geworden, wie Ihr mit dem Dritten. Taxire, 's ist eben ein anderer Bursch gewesen der kleine Korporal; Jungen's, wir waren auch gut und gingen d'rauf wie Blücher, aber unsere Prügel hatten wir weg. Unser Prinz Wilhelm war erst 17 Jahr, und Moltke noch auf die Schule, Bis­marck noch nicht geboren. Unser jetziger Kaiser aber war schon dabei und davon will ich erzählen.

Der Sylvesterabend vor 58 Jahren war unge- müthlich. Ja offen gestanden, 's war uns egal, ob's Sylvester war oder nicht. Bei all' dem Un­glück im Lande dacht' man so wie so manchmal, Ostern und Pfingsten falle auf einen Tag. Himmel- sackerment! wenn's dem Napoleum nochmals ge­lungen wäre, über den Rhein zu kommen, da wär's mit uns Preußen Matthäi am letzten gewesen!

Früh um drei Uhr waren wir alle schon auf den Beinen, um sechs Uhr fuhr ich in demselben Nachen mit König Friedrich Wilhelm III. und und Prinz Wilhelm über den Rhein. Ja, in der trüben Dämmerung des Wintermorgens hätte man so ein Gläschen Punsch gebrauchen können"

Na, Großpapa, ohn' nen guten Tropfen werdet Ihr wohl so wenig, wie wir 1870, über den Rhein gegangen sein", bemerkte Meister Wolker der Nach­bar des Enkels.

Natürlich nicht, naseweise Jugend", erwiderte dieser,aber dicht neben seinem König, dessen Sohn und den hohen Herrn des Gefolges, da verbietet's der Respekt. Ganz in der Nähe gab's schon blaue Bohnen zum Frühstück, die Salven krachr n und die Kanonen brummten. Da vergeht einem der Appetit. Unser Boot flog förmlich über den Rhein. Ganz vorn war unser König und ließ sich die Gefechtslage von seinem General-Adjudanten erklären. Prinz Wilhelm stand an seiner linken Seite und lauschte

cow'xfrig den Worten, als sollte ihm kein's verloren