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gehen. Die übrigen Herren Unterwelten sich baft über das Gefecht, nur der Oberstallineister von Jagom sah ruhig hinter sich, wo auf einem Floß bie Pferde folgten. Wie ich hörte, erstürmten gerade während unserer Ueberfahrt russische Truppen vom Sacken'schen Corps eine Schanze auf dem linken Rheinufer.
Als ich meinen Blick von den Pulverdampf- Wölkchen abwandte, fiel er gerade auf das Profil unseres jetzigen Kaisers. Er war damals ein schmächtiger Jüngling und sah etwas leidend aus, blaß kann man sagen und doch strahlte sein Auge,' als glühe sein Innerstes vor Erregung. Sein Blick suchte das Halbdunkel zu durchdringen, seine ganze Haltung schien die Spannung auszudrücken, nun endlich praktisch im Kriege erproben zu können' was er Alles im Frieden gelernt hatte.
Weiß Gott Kinder, damals schon dachte ich: ,,Das Häkchen, das ein Haken werden will, krümmt sich bei Zeiten." So, damit wär' ich eigentlich fertig mit dem Neujahrsmorgen von 1814, und wie mir, wird wohl auch unserem Kaiser die Fahrt über den Rhein noch im Gedächtniß sein. Ging's doch zum ersten Gefecht, das er in seinem Leben mitqe- macht hat."
„Du warst aber auch bei Bar sur Aube, Großpapa, wo der russische Kaiser dem Prinzen Wilhelm das Kaluga'sche Regiment verlieh?"
„Gewiß — und wenn's Euch recht ist, erzähl' ich noch, wie's da zuging."
„Bitte, bitte, Großpapa", erscholl es in der kleinen Runde und Großpapa fuhr, nachdem er sich mit einem Schlucke gestärkt hatte, fort:
„So rasch, Kinder, wie man's erzählt, ging's Anno Dazumal nicht vorwärts. Der siebentägige Krieg lag ebensoweit vor uns, als der siebenjährige hinter uns. Aber rasch genug folgten sich die Ge- fechte, in denen Prinz Wilhelm in's Feuer kam. - Am 1. Februar war die Schlacht bei Brienne und ! am 2. Februar machten wir das Gefecht bei Rosnay 1 mit, erst am 27. Februar erreichten wir Bar sur ‘ Aube.
Da hörte ich denn, wie der König zu den beiden Prinzen, — denn auch Prinz Friedrich Wilhelm - unser nachmaliger König von Preußen, der Vierte, war dabei, — sagte:
„Heute kommt's zur Schlacht. Reitet voraus, ich komme bald nach. Setzt Euch nicht unöthig der Gefahr aus! Verstanden?"
Ra, aber die Prinzen jagten doch los, daß Herr > non Jagow und der Oberst von Luck sie mahnen mußten, nicht zu sehr zu eilen. Die kleine Kavalkade hatte sich beim Fürsten Wittgenstein, dem russischen kommandirenden General zu melden. Der König stieg in eine Felddroschke und erst in der Nähe des Gefechts zu Pferde. Die russische Reiterei war vor den Weinbergen, die stark von den Franzosen besetzt waren, zurückgeschlagen worden, jetzt ging die russische
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Infanterie vor; 's war ein hartes Ringen. Ein Regiment stürmte voran, schien aber schwere Verluste zu haben.
Da sagte der König zum Prinzen Wilhelm:
„Reit' mal hinüber und frage, was dort für ein braves Regiment an der Täte kämpft."
Heidi; Der Prinz sprengt im (Saniere davon, auf die Weinberge zu. Ruhig wie beim Manöver hält er im dichten Kugelregen an und fragt nicht nur nach dem Namen des Regiments, sondern notirt ungefähr die Zahl der Verluste, um seinem Vater einen genauen Rapport zu überbringen.
Das kaiserlich russische Kaluga'sche Jnfanterie- i Regmient war's — unser Kaiser ist noch heute sein i und hat im vorigen Jahre eine Deputation ; desselben in Berlin empfangen! — Na, Anno dazu- i mal ritt der junge Prinz ruhig zurück und brachte ! die Meldung dem König.
> Das war die Feuertaufe nuferes Kaisers. Er war damals so unbefangen, daß er gar nicht merkte, daß sie als etwas Außerordentliches galt; auch Friedrich Wilhelm III. erwähnte kein Wort davon, und doch war er gewiß hoch erfreut, daß Prinz Wilhelm sich so ruhig benommen hatte.
Seht, Ihr Äinber. darin zeigt sich das echte Soldatenblut! Ja, der Prinz Wilhelm verstand nicht । einmal, warum ihm der Oberstallmeister v. Jagow I und der Oberst v. Luck bewegt die Hand drückten.
Er erinnerte sich dieser seltsamen Bewegung der alten Herren erst, als ihm für seinen Rapport aus dem Kugelregen am nächsten 10. März, am Geburtstage der Königin Luise, das eiserne Kreuz verliehen wurde. Den Gcorgsorden erhielt er schon fünf Tage eher, und zwar die vierte Klasse.
„Warum blos die vierte Klasse, Großpapa?"
„Weil diese Klasse für eine That persönlicher Tapferkeit gestiftet ist, — die 3. Klasse wird für ein siegreiches Gefecht, die 2. Klasse für eine gewonnene Schlacht und die 1. Klaffe für einen gewonnenen Feldzug verliehen. Heute freilich hat unser Kaiser die 1. Klasse und Anspruch auf alle Klassen des Ordens."
„Er soll aber daneben auch noch die 4. Klasse desselben tragen", bemerkte Meister Wolter.
„Gewiß. Unter allen seinen zahlreichen militärischen Ehrenzeichen prangen noch die beiden Kreuze von Bar sur Aube. Sie tragen die Spuren der Zeit, aber Se. Majestät hat nie geduldet, daß sie durch Duplikate ersetzt wurden.
Nun aber, Kinder, habe ich genug erzählt. Vom Einzug in Paris ein andermal. Ich meine aber, das neue Jahr beginnen mir nicht besser, als mit einem Hoch aus unseren verehrten Kaiser, dem Gott noch lange Gesundheit und Leben erhalten möge!" „Hoch, hoch, hoch!" ertönte es jubelnd und „die junge Frau" eilte rasch an das klangvolle Pianino, dem Nachts um Eins die Melodie entquoll: „Heil Dir im Siegerkranz!"
Redactum: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


