Ausgabe 
2.1.1886
 
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kalten, gemessenen Weise;daß Sonnenberg um Deine Hand werben würde, konntest Du so gut wie ich voraussehen, und wenn Du gerecht sein willst, wirst Du nicht bestreiten, daß Du selbst ihn dazu ermuthigt hast. Wie hätte er in dieser Werbung ein allzu kühnes Wagniß erblicken können? Du er­schienst öffentlich nur noch in seiner Begleitung " Und heimlich suchte er durch Dich auf mich einzuwirken", fiel Dora ihr ungeduldig in die Rede. Wenn ich auch schwieg, so war ich doch von Euren heimlichen Zusammenkünften und Unterredungen unterrichtet."

Nun denn, wenn dieser Herr mich bat, ein gutes Wort für ihn einzulegen, aus welchen Gründen hätte ich so unhöflich sein sollen, ihm Gehör zu verweigern?" fragte Ernestine, nun auch in einen schärferen Ton übergehend.Alles, was ich that, geschah nur in Deinem eigenen Interesse, Du mußtest endlich Dich öffentlich von dem verurtheilten Verbrecher lossagen "

Um meine Hand einem Glücksritter zu reichen? Sieh mich nicht fo befremdet an, Du kennst diesen Mann und seine Vergangenheit, Du hattest ein Bündniß mit ihm geschlossen, von dem ich nichts wiffen durfte. Und dieses Bündniß bestand schon, als Gustav noch an meiner Seite weilte und auf unser Liebesglück noch kein Schatten gefallen mar, dieses Bündniß mit ihm und der Familie meines Bruders. Das Alles erkenne ich jetzt klar und deutlich, und wie gesagt, ich kann nur bedauern, daß diese Jntrignen nicht früher zu meiner Kennt- niß gekommen sind."

Ernestine hatte sich erhoben; so sehr auch der Haß in ihr toben mochte, gelang es ihr doch, ihre Ruhe und Fassung wenigstens äußerlich zu bewahren.

Das waren tiefverletzende und beleidigende Vorwürfe", sagte sie, das blonde Haupt trotzig zu­rückwerfend.Ich begreife nicht, daß die Werbung Sonnenberg's Dich so gewaltig erregen kann, ich begreife noch weniger Deine Ungerechtigkeit, die mich mit Vorwürfen überschüttet. Ich weiß auch nicht, welche Schuld Du mir aufbürden könntest, denn ich sehe hier überhaupt keine Schuld, auch dann nicht, wenn ich die Werbung dieses durchaus ehrenwerthen Herrn Sonnenberg protegirt hätte."

Ehrenwerth?", spottete Dora, die in dem Be- dürfniß, ihrem Groll Luft zu machen, wieder die Warnung des Criminalbeamten vergaß.Ich glaube nicht daran!"

Hast Du Beweise vom Gegentheil?" fragte Ernestine lauernd.

Noch nicht, aber "

Ah, Dir genügen also Vermuthungen, um ein verdammendes Urtheil zu sprechen? Dagegen giebt es freilich keine Vertheidigung"

Haben die Geschworenen, die meinen Verlobten verurtheilten, beffere Beweise gehabt?" fiel Dora ihr in die Rede.Genug, daß wir nach diesen Erörterungen nicht länger beisammen bleiben können, wirst Du begreifen, ich überlaß es Dir, dieses Ver-

hältniß in der Dir bequemsten Weise zu sen. Du kannst ja so lange noch unter meinem Dache bleiben, bis Du eine andere, Dir zusagende Stellung ge­funden hast, ich dränge Dich nicht, und etwaigen Wünschen werde ich gern entgegenkommen."

Ein leises Pochen an der Thür unterbrach das Gespräch, im nächsten Moment trat die Stadt- räthin ein.

Wußte sie schon, daß Sonnenberg einen Korb bekommen hatte?

Dora konnte es nicht glauben, aber sie empfing dennoch die Schwägerin kühler, als sie es sonst zu thun pflegte.

Ich will Dir nur eine Einladung für heute Abend bringen," sagte die Stadträthin, der Gesell­schafterin nachblickend, die ziemlich geräuschvoll das Zimmer verließ.Papa und Mama wollen uns nächste Woche verlaffen, um fortan ihren Wohnsitz in London zu nehmen, da werden wir sie wohl so bald nicht wieder sehen, und deshalb wünschen wir die Familie heute Abend noch einmal in unserer Wohnung zu vereinigen."

Ich muß bedauern", erwiderte Dora kalt;Du weißt ja, wie ich mit Deiner Familie stehe."

Lieber Gott, in welch' einer gereizten Stimmung Du bist! Du hast wohl mit Deiner Gesellschafterin einen Zwist gehabt?"

Sie mag sich bei ihrem guten Freunde dafür bedanken."

In den stahlgrauen Augen der Stadträthin blitzte es zornig auf.

Du sagst mir das in einem seltsamen Tone", erwiderte sie,rechnest Du mich auch zu diesen guten Freunden?"

Euch Alle, Ihr wäret ja ebenfalls mit Sonnen­berg gegen mich verbündet."

Mit Sonnenberg? Gegen Dich?" fragte die Stadträthin mit befremdeter Miene, das rothblonde Haupt schüttelnd.Du wirst mir die Bemerkung gestatten, daß mir das unverständlich ist."

Behaupten magst Du das immerhin, Marie", spottete Dora, aber an die Wahrheit dieser Behaup­tung glaube ich nicht. Ich weiß nur zu genau, daß Gustav Dornberg sein Unglück nur Euren Jntriguen verdankt, und daß dieser Herr Sonnenberg den thätigsten Antheil daran genomm n hat. Ich bin überhaupt in diese Geschichten tiefer eingeweiht, als Ihr ahnt, und diesem Wissen mag Sonnenberg es zuschreiben, wenn der Korb, den er von mir empfing, etwas derb geflochten war."

Du lieber Himmel, das Erste, was ich höre!" rief die Stadträthin überrascht.Er hat um Deine Hand geworben?"

Das solltest Du nicht gewußt haben?' fragte Dora ironisch.

Ich hatte keine Ahnung davon!"

Vielleicht davon nicht, daß es schon heute ge­schehen würde!"

Und Du hast abgelehnt?"

Jawohl, trotzdem ich wußte, wie sehr meine