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Diesen Aufschluß kann vielleicht nur Einer geben!"

Mein Gatte?"

Wie kommen Sie darauf?"

An ihn war der Brief gerichtet!"

Und was sollte er damit zu schaffen gehabt haben?" fragte die alte Dame ungläubig.Er war ja der intimste Freund meines Neffen."

Und zugleich auch sein Nebenbuhler. Verzeihen Sie mir, daß ich so weit gehe, meinen eigenen Gatten anzuklagen, aber ich kann nicht anders; die Last, die auf mir ruht, droht mich zu erdrücken, und ich nenne kein Menschenherz mein eigen, an das ich vertrauensvoll mich flüchten könnte."

Sie bedeckte die Augen mit der Hand und krampfhaftes Schluchzen entrang sich ihrer gepreßten Brust.

Tante Lina war erschüttert von diesem plötzlichen Schmerzensausbruch; leise legte sie ihre Hand auf den Arm Vera's.

Kommen Sie zu mir", sagte sie voll herzlicher Theilnahme;ich will Ihnen von ganzem Herzen eine treue aufrichtige Freundin sein. Ich habe es ja auch erfahren, wie trostlos ein solches Alleinstehen ist. Kommen Sie zu mir, ich werde Ihnen tragen Helsen, was es auch sein mag."

Unter Thränen lächelnd schlang Vera ihre Arme um die alte Dame; ein Kuß besiegelte den neuen Bund.

Ich werde Ihnen diese Worte nie vergessen, Ihnen dafür danken, so lange ich lebe", erwiderte sie.Nun fühle ich wieder den Muth in mir, Allem die Stirne zu bieten. Vielleicht könnte mein Gatte mir den dunklen Inhalt jenes Brieses erklären, aber er will es nicht; gewaltsam hat er mir das Schreiben entrissen, um es zu vernichten.

(Fortsetzung folgt.)

Deutsche Köfe und Hauptstädte zu Anfang des 18. Jahrhunderts.

1. Wien und der Kaiserhof.

Eine der anregendsten und unterhaltendsten Be­lehrungen für Geschichtsfreunde und Forscher bilden die Memoiren und Aufzeichnungen glaubwürdiger Zeitgenossen, welche unmittelbare Eindrücke festzu­halten wußten und die durch deren Niederschrift künftigen Geschlechtern werthvolles Material zur Be- urtheilung der politischen und kulturhistorischen Zu­stände längst entschwundener Epochen hinterließen. Verstand sich ein Memoiren-Schriftsteller und Sitten- schilderer volle Unabhängigkeit zu wahren, war sein eigener Nutzen oder Schaden nicht an die Geschicke des Landes oder des Hofes, welche er aus eigener

Anschauung beschrieb, gefesselt, brauchte er keine Rücksichten auf das Gefallen oder Nichtgefallen seiner Memoiren und Erzählungen zu nehmen und verfügte er endlich über den offenen, durch keinerlei Voreingenommenheit getrübten Blick, welcher alle Verhältnisse rasch überschaut und sichtet, so gewinnen seine Bemerkungen noch an Interesse. Einer dieser scharfen und unparteiischen Beobachter, welcher mit der Klarheit der Auffassung und der Gerechtigkeit der Schilderung, die seltene Kunst liebevoller, im Großen, wie im Einzelnen gleich anmuthiger Dar­stellung verband, war der Frankfurter Patricier Dr. Iah. Michael Loön. Der junge, reiche und unabhängige Bürger war von dem damals nicht so leicht zu befriedigenden Wunsche, seine Bildung durch Reisen zu vervollkommnen, beseelt, und besuchte zu Ende des Jahres 1716 und in den folgenden Jahren mehrere der größten deutschen Fürstenhöfe und Residenzen. Seine Schilderungen der letzteren sind ebenso trefflich, als feine Anmerkungen über die damaligen Regenten geistreich sind und durch das endgültige Urtheil der Weltgeschichte bestätigt wurden. Loön gab seine Reise-Erinnerungen, wie in deren Vorwort ausdrücklich bemerkt, erst einige zwanzig Jahre nach seinen Reisen heraus, und hat sich dadurch, wie er mit Recht hervorhebt,das Recht eines unparteiischen Geschichtsschreibers er­worben." Die Fürsten, deren Höfe er schildert, waren bei dem Erscheinen von Loön'sMoralischen Schilderungen" undJugendlichen Reisen" (Kleine Schriften Bd. 1 und 4 Frankfurt und Leipzig 1751 und 1752) bereits tobt, deren Nachfolger übten auf den in Frankfurt als unabhängiger Privatmann lebenden Verfasser zudem keinen Einfluß aus, was den Werth und die Glaubhaftigkeit derSchilderten" und derJugendlichen Reisen" noch steigert.

Als Loön nach Wien kam, war das Kaiserhaus und die Stadt gerade in allertiefste Trauer ver­senkt worden. Der einzige Sohn des damaligen Kaisers Karl des Sechsten, Leopold, der voraussicht­liche Erbe des großen österreichischen Reichs und der deutschen Kaiserkrone, war im zarten Alter ver­blichen. Wie verhängnißvoll das Ableben dieses Prinzen für Oesterreich und Deutschland wurde, welche heflige Kriege die Erbfolge seiner Schwester Maria Theresia, fünfundzwanzig Jahre später im Gefolge hatte, ist bekannt. In Wien, bei Hofe und in der Stadt, schrieb man den Tod des jungen Erb- Herzogs, des Prinzen Leopold von Asturien, dessen allzufrüher Entwöhnung zu, wozu die Aja und der Leibarzt Carelli gerathen haben sollten. Es regnete Schmäh- und Spottschriften gegen die wahrscheinlich völlig unschuldig Verdächtigten, und wurden die ersteren meist an den Kirchenthüren der Restdenz öffentlich angeschlagen. Drastische Stellen, wie: Mörder unseres Leopold's, Fort mit euch an Galgen und Räder, Weil ihr Oestreich nicht seyd hold; An Euch wollen wir uns kühlen, Ihr solt unsre Rache fühlen", waren von der unverblümten Aufforderung gefolgt, sicham neuen Marck" (Kapuzinerkirche) zu