302

Aber ich sage Ihnen noch einmal, gnädige Frau, diese Ahnung entbehrt jeder Begründung; ich weiß zu genau, daß Hermann von Salberg in Wiesenthal unter dem Rasen ruht. Er hat vor seiner unseligen That brieflich von mir Abschied genommen und die Sorge für seine Schwester mir übertragen, und nannte er auch die Gründe nicht, die ihn zu jener That trieben, so hege ich doch nicht den leisesten Zweifel an ihrer Ausführung. Ein ehrloser Mensch mag fähig sein, einen Selbstmord zu fingiren, um unter diesem Deckmantel dunkle Pläne zu verfolgen oder sich einer gerichtlichen Verfolgung zu entziehen; mein Neffe würde das nie gethan haben, und ich wüßte auch nicht, was ihn dazu veranlaßt haben könnte. Ueberdies war ich damals selbst in Wiesen­thal; man hatte mich von Seiten seines Regiments benachrichtigt, daß seine Leiche gefunden worden sei, und die Beweise, die mir dort vorgelegt wurden, machten jeden Zweifel unmöglich."

Welcher Art waren diese Beweise?"

Das Portefeuille, welches man bei der Leichs gefunden hatte, enthielt seine Karten und mehrere an ihn adressirte Briefe; außerdem fand man in den Taschen seines Paletots noch andere Gegenstände, die unzweifelhaft sein Eigenthum gewesen waren; so unter Anderem ein Cigarren-Etui, das seine Schwester ihm kurz vorher als Angebinde geschickt hatte. Solchen Beweisen gegenüber müssen alle Zweifel schwinden, gnädige Frau; es wäre thöricht, jetzt noch Ahnungen und Vermuthungen Raum geben zu wollen, die, ich wiederhole es nochmals, nur zur Selbstqual dienen könnten."

Ein schwerer Seufzer entrang sich den Lippen Vera's; langsam strich sie mit dem feinen Spitzen­taschentuch über ihre feuchte Stirn.

Sie mögen Recht haben", sagte sie mit zitternder Stimme;es ist Thorheit, solchen Gedanken nach­zuhängen. Eine Aehnlichkeit, die vielleicht auch nur aus Oberflächlichkeiten sich stützt, kann mich irre ge­führt haben. Und man glaubt ja so gern, was man hofft!" fügte sie mit schmerzlicher Wehmuth hinzu.Theilte er Ihnen in feinem letzten Brief an Sie keine Gründe mit?"

Nein, gar Nichts", erwiderte Madame Schirmer, leicht das ergraute Haupt wiegend;ich habe trotz allen Grübelns die Lösung dieses dunklen Räthsels nicht finden können."

Eine der beiden jungen Damen nebenan ist wohl seine Schwester?"

Tante Lina nickte bejahend.

Ludmilla weiß bis zu dieser Stunde noch nicht, wie ihr Bruder geendet hat", sagte sie;ich konnte mich nicht überwinden, ihr die Wahrheit zu sagen; nun aber scheinen die Verhältniffe mich zwingen zu wollen, ihr das Geheimniß zu enthüllen, und ich werde zu diesem Zweck vielleicht mit ihr nach Wiesen­thal reisen. Ich habe das längst gewollt, um mich zu überzeugen, ob das Grab noch in Ordnung ge­halten wird, und die Reise ist ja so sehr weit nicht."

Würden Sie mir erlauben, daß ich mich Ihnen anschließe?" fragte Vera rasch.

Herzlich gern, gnädige Frau; aber Ihr Herr Gemahl"

Ich werde ihm kein Geheimniß aus dieser Reise machen, die ich unternehmen muß, um meine innere Ruhe wieder zu finden. Durch niedrige Ränke bin ich um mein Lebensglück betrogen worden; meine Schuld war es, daß ich mich betrügen ließ; nun muß ich die Folgen tragen, so gut ich es ver­mag. Können Sie glauben, daß Hermann von Salberg ein Spieler gewesen sei?"

Niemals 1"

Man hat behauptet, er habe sein ganzes Ver­mögen an der Spielbank in Wiesbaden verloren."

Wer das behaupten will, dem sage ich ins Gesicht, daß er lügt", erwiderte die alte Dame. Verzeihen Sie mir dieses harte Wort; aber mich empört es zu tief, wenn man Lügen ersinnt, um das ehrenvolle Andenken eines Tobten zu verun­glimpfen. Nach dem Tode meines Neffen fiel mir die Aufgabe zu, seinen Nachlaß zu ordnen, und ich fand Alles in bester Ordnung; es kam sogar eine namhafte Summe heraus, die seine Schwester erbte."

Ich wußte, daß es Verleumdung war", sagte Vera in demselben entrüsteten Tone;ich wußte es damals schon, und doch kamen Augenblicke, in denen ich zweifeln konnte, da er gerade in der Nähe einer Spielbank seinen unseligen Entschluß ausgeführt hatte, und da kein Geld bei ihm gefunden wurde."

Man hat auch seine Uhr und seinen Siegel­ring nicht gefunden, gnädige Frau; die Vermuthung liegt sehr nahe, daß seine Leiche beraubt worden ist. Ich habe damals nicht nachgeforscht, um einen braven Familienvater, der zuerst die Leiche entdeckte, nicht zu verdächtigen."

In Nachdenken versunken blickte Vera schweigend vor sich hin, und Tante Lina betrachtete mit inniger Theilnahme das bleiche schöne Antlitz, in dessen Zügen gerade jetzt ein tiefes Seelenleiden spiegelte.

Sie haben also keine Ahnung von den Gründen, die ihn zu diesem verzweifelten Schritt trieben?" fragte Vera nach einer Pause.

Nein."

Und doch muffen es zwingende Gründe gewesen sein. Ich habe einen Brief gefunden, den Hermann von Salberg kurz vor seinem Tode geschrieben hat; in diesem Schreiben beruft er sich darauf, daß er ein verpfändetes Ehrenwort einlösen müsse, binnen vierundzwanzig Stunden werde er diese Pflicht er­füllt haben."

Betroffen blickte Tante Lina sie an.

Das verstehe ich nicht", sagte sie kopfschüttelnd, während sie den Docht der Lampe höher schraubte.

Auch mir ist es unverständlich", erwiderte Vera;ich kann daraus nur entnehmen, daß er, Gott weiß durch welche Verhältniffe oder Jntriguen, zu jenem unseligen Schritt gezwungen worden ist. Ich hoffte, Sie würden mir Aufschluß darüber geben können."