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versammeln und von der Begräbnißstätte des „liebsten Ertzhertzogs" aus, Rache an denjenigen, die ihn umgebracht haben, zu suchen."
Bald aber hatte sich, wie ßoen meldet, die öffentliche Stimmung besänftigt; Carelli, der Leibarzt, blieb in des Kaisers Gnade, die Lustbarkeiten bei Hofe nahmen wieder ihren ungetrübten Fortgang; man genoß ihrer mit eben so unbesorgtem Herzen als vorher. Schon zu jener Zeit bildeten die Schauspiele eine der vornehmsten Belustigungen des Hofes und des Adels. Wien besaß deutsche und italienische Comoedie, der Hof hielt zudem eine „prächtige Opera". Der hohe und der niedere Adel, Freunde des in Wien zu aller Zeit in hoher Gunst stehenden Komischen, begünstigten das deutsche Theater, trotzdem diese Schaubühne, welche gemeinhin „der Hanswurst" geheißen wurde, „von Unfläterepen nicht gereiniget", war. Die italienischen Künstler waren Seiltänzer; sie spielten nach „vollendeten Gaukelepen" jedesmal noch ein Lustspiel, Eine bretterne Hütte diente ihnen zum Theater, sie ward von Fremden und Standespersonen stets stark besucht, denn in Wien gab es damals wie heute, „viel müßige Leute, denen die Zeit lang wird."
Die Oper wurde vom kaiserlichen Hofe unterhalten, sie war der Sammelpunkt des hohen Adels und der erlesensten Gesellschaften. Die Schaubühne und den Glanz der Ausstattung beschreibt Loän sehr ausführlich, namentlich ward an Costümen und an ächtem Schmuck von den Darstellenden ein übertriebener Luxus entfaltet. Der Kaiser, die Kaiserin und die beiden „Jofephinischen" Prinzessinnen (die Töchter Kaiser Joseph's I., später mit den Kurprinzen von Bapern und Sachsen vermählt), sitzen gleich zur Erde hinter dem Orchester. Die heute allgemein eingeführte Verfinsterung des Zuschauerraums scheint schon 1716 bei der Wiener Oper üblich gewesen zu sein, denn bei jedem Sitz der obengenannten Herrschaften stand ein Licht, damit die Majestäten und Hoheiten lesen konnten, was gesungen wird. Die Opern waren selbstverständlich in italienischer Sprache verfaßt, die dem Texte beigedruckten „teutschen Uebersetzungen aber lauten oft gantz unerträglich." Die Kostspieligkeit des Opern- Unternehmens, sowie die Pracht der Ausstattung, mag daraus hervorgehen, daß eine einzige, zur Feier des Geburtstags der Kaiserin gegebene Oper den Kaiser über 100 000 Thaler gekostet haben soll. Die Opernsängerinnen wurden damals weit glänzender als heute bezahlt. Zwar sangen sie, nach Loän, nicht im Sold und Lohn. Dafür nahmen sie in liebenswürdiger Bescheidenheit mit „einem standsmäßigen Unterhalt und einem Geschenk vorlieb." Letzteres war freilich selten unter 2—3000 Dukaten. Dazu kamen noch die Geschenke von fürstlichen und hohen Privatpersonen, welche die Künstlerinnen für die Mitwirkung in den ersten Concerten erhielten. Selbst ein mittelmäßiger Violinist stand sich damals auf 2—3000 Gulden, war er ein Italiener und in
Virtuosenkunststückchen wohl bewandert, kannte „er ein wenig künstlich am Stege kratzen", so verdoppelte sich auch wohl sein Einkommen.
Die Opern wurden in Wien selten mehr als drei- bis viermal öffentlich ausgeführt, dagegen aber öfters probirt, wobei die Künstler in gewöhnlicher Kleidung erschienen. Der Hof wohnte solchen Proben gerne bei und sah Loän die Kaiserin Elisabeth Christine, geborene Prinzessin von Braunschweig erstmals auf einer Opernprobe. Sie erschien mit ihren Hofdamen oben auf einer vergitterten Bühne, und „sah sich so anmuthig und frei um, daß sie des Fremdlings Aufmerksamkeit erregte." Uebrigens muß die Kaiserin wirklich eine reizende Frau gewesen sein, denn Loän äußert sich an anderer Stelle, bei der Schilderung des Wiener Hofes geradezu enthusiastisch über sie. „Sie hat alle Vorzüge ihres Geschlechts. Sie ist die Schönste unter ihren Hofdamen und es fehlt wenig, wann sie den Handschuh auszieht, daß die Oesterreicher nicht ihre Hand vergöttern." Die Haut der Kaiserin sei so weiß, daß der Kaiser im vertraulichen Gespräche seine Gemahlin nicht anders als „seine weise (?!) Liesel", zu nennen pflege.
Dem Kaiser rühmt Loän ein ernsthaftes und majestätisches Wesen nach; nur in Gegenwart seiner Gemahlin sei er freundlich und selbst zum „muntersten Scherze aufgeräumt." Jagd und Mufik sind die kaiserlichen Lieblingsvergnügungen; letztere versteht er nicht nur als Kenner, sondern er ist auch ein geschickter Clavierspieler. Einer berühmten historischen Persönlichkeit, welche damals am Kaiserhofe zu Wien lebte, Oesterreichs größtem Kriegshelden, dem Prinzen Eugen von Savopen, widmet Loän gleichfalls einige Betrachtungen. Der tapfere Feldherr war schwächlich gebaut. „Er ist gleichsam wie von seinem eigenen Ruhm gebeugt." Die historische Unschein- barkeit des Aeußeren des Prinzen, schildert Loän mit wenigen, aber bezeichnenden Worten. „Ein länglich hageres Gesicht mit herunterhängenden Unterlefzen; eine große Rase, kleine Augen, deren Feuer mit Lebhaftigkeit (?) seiner Jahre zu ver- löschen scheinet, eine gelblich braune Farbe." Sehr interessant ist die friedliche Thätigkeit des kühnen Schlachtensiegers. Er sammelt kostbare Bücher, er baut und ist dem Kaiser ein treuer Berather in Friedenszeiten. Weit ungünstiger urtheilt der Frankfurter Patricier über die anderen Hofherren spanischen und italienischen Ursprungs, „sie kosten dem Hofe mehr, als sie Nutzen schaffen." Als die rühmlichste ihrer Thaten, betrachtet Loän noch deren Baulust. Sie verschönerten durch die letztere wenigstens die österreichische Hauptstadt mit prächtigen Palästen und ließen das im Lande gewonnene Geld, auch zum Mindesten in demselben.
(Fortsetzung folgt).
Aedaetion: A. Schevda. — Druck und Verlag der Brübl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


