meiner Ansicht nicht länger in den Diensten eines Mannes bleiben, den man offen beschuldigt, daß er es mit Ehre und Gewissen nicht genau nehme."
„Es ist wahr, man hat über den Banquier Morgenroth dieses Urtheil gefällt", sagte Hertha, leicht das Haupt wiegend; „aber können nicht Neid und Mißgunst diesem Urtheil zu Grunde liegen, und welchen Werth hätte es dann? Der Banquier ist über Nacht ein reicher Mann geworden, er soll in Aktien spekulirt und Glück gehabt haben, das fordert den Neid heraus."
„Wir können wohl Beide nicht darüber ur- theilen", nahm Ludmilla wieder das Wort; „ich stütze mich nur darauf, daß Herr Maimind selbst gesagt hat, er müsse bald eine Aenderung treffen."
„Er hegt die Absicht, selbst ein Geschäft zu gründen", sagte Madame Schirmer; „in diesem Sinne soll die Aenderung getroffen werden."
„So, ist er vermögend?" fragte Herr v. Görlitz.
„Sein Vater ist es, aber der alte Herr sträubt sich noch, das nöthige Kapital herzugeben. Und was das Urtheil über den Banquier Morgenroth betrifft, so kann ich nicht wohl annehmen, daß es begründet sein soll", fuhr die alte Dame fort; „der Landrath Ackermann schenkt ihm volles Vertrauen, und das ist in meinen Augen ein gutes Zeichen."
„Wohnt der Landrath Ackermann in dieser Stadt?" fragte der Hauptmann.
,Jm Winter ja — er muß sehr reich sein."
„Reich, aber nicht beliebt", sagte Ludmilla. „Er zählt nicht zu denen, die sich Sympathien erwerben können. Ich bin mit seiner Gemahlin öfter zu- sammengetrosfen, wir hatten schon Freundschaft mit einander geschlossen; auf Befehl des Landraths mußte dieser Bund wieder gelöst werden."
(Fortsetzung folgt.)
Am 30. Wal 1770.
Historische Skizze.
(Nachdruck verboten.)
Paris schwamm in einem Freudenmeere; all' die Hunderttausende seiner Bewohner durchwogten die Straßen, sangen und jubelten. Der Hof feierte die Vermählung des jungen Dauphins Louis, der wenige Jahre nachher den Thron besteigen sollte, mit der deutschen Kaisertochter Antoinette, und wie der Prinz sich der allgemeinen Beliebtheit des Volkes als Träger der größten Hoffnungen auf Besserung der seit Ludwig XIV. furchtbar drückend gewordenen Zustände erfreute, so versprach man sich auch von seiner reizenden und hochgebildeten jungen Gemahlin Aehnliches. Als sich das Paar auf dem Balcon des Palastes zeigte, tönte ihm ein vieltausendstimmiger Freudenruf entgegen; auf dem Platze Louis XV. waren zahllose Schaaren gedrängt, um den Gefeierten recht nahe zu sein und immer auf's Neue
ihnen zujauchzen zu können, nicht ahnend, welche furchtbare Katastrophe den Tag beschließen sollte.
* * *
„Komm, meine Freundin, kleide Dich an und laß uns das Fest ein wenig betrachten!" hatte der Baron Montaigne am Mittag des 30. Mai 1770 zu seiner jungen Gemahlin gesagt.
„Ich bitte Dich, mein Guter, erlaß mir das Fest!" war ihre Antwort. „Ich bleibe wirklich lieber zu Hause mit meinem Kopfweh; wenn ich an das Fest denke, so empfinde ich stets eine Art düsterer Ahnung, und darum laß uns lieber etwas Anderes treiben."
„Ah, Du bist melancholisch, Liebe! Das ist Dein Erbfehler; ich möchte Dich aber endlich davon heilen und Dir eine ordentliche Zerstreuung verschaffen. Du bist jung und schön und könntest das heiterste Dasein führen, statt dessen sperrst Du Dich ein wie eine Nonne."
„Es ist wahr, mein Freund, aber nicht alle Gefühle lassen sich so einfach wegweisen, und dazu bin ich heute wirklich leidend, weshalb mir das Menschengewühl schlecht bekommen würde."
Der Baron versuchte die dringensten Bitten, nahm sogar zu Vorwürfen seine Zuflucht und brachte die Gattin endlich selbst zu Thränen; kaum aber hatte er diesen Erfolg gesehen, so war er wieder im Nachtheile, machte sich in der Reue selber Vorwürfe, umschlang sein Weib mit beiden Armen und sagte begütigend:
„Nein, nein, meine liebe gute Freundin, wir wollen bleiben! Wenn es Dir so schwer fällt, so verlange ich gewiß kein Opfer; wegen dieser Kleinigkeit soll unsere fröhliche Eintracht nicht leiden. Ich wollte Dich ja nur zerstreuen, aber ich werde auch zu Hause das Mittel finden. Verzeihe meinem guten Willen!"
Nichts Unberechenbareres giebt es auf dem Erdenrund als die Weiber; so lange der Baron bat und seinen Wunsch durchzusetzen versuchte, widerstand ihm die Gemahlin; jetzt, da er selbst nachgab und in allem Ernste verzichten wollte, mochte sich die Baronin wieder nicht von ihm beschämen lassen und sagte: „Eigentlich hast Du doch Recht, mein Lieber; wir sollten doch gehen, denn ein solches Fest kehrt uns vielleicht im ganzen Leben nicht wieder; wir können ja frühzeitig wieder heimkehren, und dann wird es meiner Gesundheit nicht schaden."
Sie erhob sich lächelnd, trat vor den Spiegel, ordnete ihr reiches Haar, legte ein Kleid von dem damals bei den höheren Ständen so beliebten Lilla-Tafft an, warf einen prächtigen Shawl darüber und setzte den Hut mit Spitzenschleier auf. Dann bat sie den Gemahl noch mals um Verzeihung, daß sie ein wenig eigensinnig gewesen sei, und bot ihm den Arm.
Leichten Schrittes, ihres glücklichen, einträchtigen Daseins froh, wanderten Beide über die Boulevards, betrachteten das Gewühl der Menge, und die allge- I meine Freude und Festesftimmung ergriff auch sie.


