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Mitten in dein Jubel der auf dem pont royal versammelten Massen ertönte plötzlich ein furchtbarer, tausendstimmiger Wehschrei; auf der Brücke dort entstand ein entsetzliches Drängen, — die Bogen vermochten die ungeheure Last nicht mehr zu tragen, die Brücke stürzte ein, und die Unglücklichen, die sich darauf befanden, versanken in die Tiefe. Die Festfreude war auf's Gräßlichste gestört; bis ins Herz der schönen Dauphine tönte der Schrei, und wie eine leise Ahnung, daß diese Katastrophe ein schlimmes Omen für ihre Zukunft deutete, durchzog es das Herz der Kaisertochter von Oesterreich.
Alle Ordnung war dahin; alle Anstrengungen der Polizei fruchteten nichs mehr; das Flüchten und Rückwärtsdrängen der Menge ging ins Sinnlose; Menschen häuften sich auf Menschen, sie erdrückten, sie erstickten sich. In der Verzweiflung stürzten sich Hunderte in die Seine, hoffend, sich durch Schwimmen zu retten und ertranken, indem Einer sich am Andern anklammerte. Auf einem mit Rosen bedeckten Abgrunde hatte Paris gejubelt, und mitten durch den Jubel schritt das unheimliche Gespenst der Vernichtung, ganz so, wie es dem heute so gefeierten Königspaare ergehen sollte. Beim pont royal verloren an 1200 Menschen in kurzer Zeit ihr Leben.
Auch der Baron Montaigne befand sich während des Unglückes in der Nähe der Brücke und sah sich mit seiner Gemahlin plötzlich von dem flüchtenden Menschenstrome unwiderstehlich fortgeriffen. Kein Halt war mehr zu finden; Jeder sorgte inmitten des gellenden Angstgeschreies für's eigene Leben; man hatte keinen Willen mehr. Der Baron dachte mehr an seine Gattin als an sich; er versuchte ihr Luft zu machen, — um ihn her sanken Erstickte ächzend zu Boden; er umschlang sein Weib mit dem linken Arme und suchte sie emporzuheben — Alles umsonst. Wie festgemauert stand die Maffe; Keiner konnte mehr eine Bewegung machen; Jeder sah im Nachbar den Todfeind, den er niedergetreten hätte, wäre es möglich gewesen. Der Baron blickte nach seiner geliebten Gattin; sie war todtenbleich wie eine Sterbende. Die Verzweiflung erfaßte ihn und gab ihm Riesenkraft. Neue Mafien fluteten heran, — er mußte sich und die Gattin retten.
Da löste sich der Knäuel etwas; ein Tosen wie die Fluth des Oceans umbrandete ihn. Schnell schrie er seiner Frau zu, indem er ihr den Rücken bot:
„Umklammere meinen Hals und halte Dich fest mit der letzten Kraft! Ich dränge mich durch, und wir retten uns Beide oder gehen Beide zu Grunde."
Da fühlte er auch schon seinen Hals umschlungen, die theuere Last auf seinem Rücken; mit Riesenkräften drängte er vorwärts; Alles wich seinem Anstürme; keuchend, ächzend drang er vor, bald mußte die Rettung nahe sein; die Hoffnung stärkte ihn wieder, wenn er ermatten wollte; Liebe und Verzweiflung mußten siegen. Hinter ihm blieb das Verderben, Andere, Unglücklichere ereilend. Er ent
rann und neu lächelte ihm das Glück. Noch wenigs Schritte! Schon wehte eine kühlere Luft in die Schwüle.
„So — gleich — gleich sind wir geborgen! Noch einen Schritt! So — Gott Lob — Du bist sicher, mein theures, liebes Weib! Ich habe Dich wiedergefunden. Nun laß Deine Arme los, daß ich mich ein wenig erhole!"
Er wendet sich, prallt zurück. O Entsetzen, sie ist es nicht! Das ist nicht sein Weib! Eine alte, runzlige Frau mit rothen Augen und eingefallenen Wangen grinst ihn an; sein Blut will gerinnen; keinen Laut kann er hervorbringen. Die Alte entfernt sich und kreischt ihm zu:
„Ich hab" sie zurückgestoßen, als sie sich auf Deinen Rücken setzen wollte. Jeder hat sein Leben lieb; ich danke für Deine Mühe!"
Verzweifelt steht Montaigne da. Verloren — Alles verloren! Was soll ihm sein Leben jetzt?
Da tönt ein neues Krachen; wieder hat die Menge gegen die Brücke hin eine Schwenkung gemacht; von hinten war eine neue Masse angerückt, und die Nächsten hofften, daß der Fluß sie rette; wieder stürzten Hunderte hinab. Montaigne sah es; dort drüben hatte er selbst seinen Platz gehabt, dort war sein Weib geblieben; jetzt war sie sicher schon niedergesunken, zu Boden getreten von den Wüthenden, die sie umringten. Aber wenn sie dennoch sich wieder aufgerafft hätte! Wenn sie doch noch dastände und auf ihn hoffte! O, daß es möglich wäre, noch einmal hinüber zu kommen; von der Brücke aus mußte es zuerst gehen; er hatte ja nichts mehr zu verlieren.
Einen Augenblick noch besann er sich; dann stürzte er sich in den Fluß, um an den emporragenden Trümmern hinaufzuklettern und mit verzweifelter Kraft sich nach allen Richtungen durchzudrängen. Dutzende versuchten sich an ihn anzu- klammern, drohten ihn ins Wafiergrab niederzuziehen, — mit fast wahnsinniger Wuth stieß er sie zurück und schwamm vorwärts.
Da, dicht bei den Resten des Pfeilers hört er seinen Namen; eine schwache Stimme rief ihn und hoch auf jubelte seine Brust, — an einem Stücke des Eisengeländers hing die mit Verzweiflung Gesuchte, schon Verlorengegebene und dennoch, dennoch Wiedergfundene. Die Menge hatte sie mit hinabge- rissen, und mit der letzten Kraft hatte sie sich instinktmäßig angeklammert. Auch dieser Theil der Trümmer schwankte bereits; hastig löste Montaigne das Kleid der Theuern von dem Eisen und warf sich mit ihr ins Wasser. Glücklich erreichte er, gegen die Griffe der Versinkenden umherkämpfend, das User; im nämlichen Augenblicke stürzten die Reste der Brücke iu die Fluthen.
Unaufhaltsam eilten die Geretteten davon, indeß sich düstere Trauer über die Hauptstadt legte, die den Abend mit einer glänzenden Beleuchtung hatte feiern wollen. Dr. F. Müller.
Siedgetwn; A. Sch-yda, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


