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Ärigen Herren, die an meinem Tische speisen, wohnen nicht in diesem Hause."
„Und Sie stehen ganz allein?" fragte der Hauptmann.
„Nicht doch, ich habe eine erwachsene Tochter, außerdem wohnt meine Nichte, eine Schwester jenes unglücklichen Neffen bei mir."
„Hatte Hermann von Salberg noch eine Schwester ?"
„Ich leitete schon damals ihre Erziehung; ihr Vater, mein Bruder, ist früh gestorben. Er hinterließ den beiden Kindern ein hübsches Vermögen, das nach dem Tode Hermanns ganz auf dessen Schwester überging. Sie zählte damals, als das schreckliche Ereigniß eintrat, zwölf Jahre; seitdem sind nun schon zehn Jahre verstrichen."
„Zehn Jahre, Sie haben Recht", erwiderte er gedankenvoll. „Wie Vieles hat in diesem Zeiträume sich ereignet, und welchen herzlichen Antheil würde Hermann von Salberg an diesen großen politischen Ereignissen genommen haben!"
„Und ich begreife noch immer nicht, was ihn zu jenem verzweifelten Schritt getrieben hat", sagte die alte Dame. '„@r war wohlhabend, jung und rüstig, im Kreise seiner Kameraden hochgeachtet und beliebt, und wenn man damals behaupten wollte, er habe am Spieltisch in Wiesbaden sein Vermögen vergeudet, so war diese Behauptung durchaus unbegründet. Sind Ihnen andere und bessere Gründe bekannt?"
Sie blickte ihn erwartungsvoll an. Es lag ein ernster, finsterer Ausdruck in seinem Antlitz; die Frage schien ihn peinlich berührt zu haben.
„Gründe?" erwiderte er mit einer abwehrenden Handbewegung. „Fragen Sie nicht, ich darf sie nicht nennen."
„Sie dürfen es nicht? Das klingt seltsam, Herr Hauptmann. Man hat damals auch von einer unglücklichen Liebe gesprochen. Vera von Löwenfels heirathete später den intimsten Freund Hermann's, den Landrath Ackermann —"
„Und ich glaube, sie hat diese Heirath schon oft bereut!"
„Die Reue kam zu spät; sie hat sich Zeit genug genommen, den Schritt zu überlegen. Zuerst gab sie dem Landrath einen Korb, zwei Jahre später — aber Sie entschuldigen mich wohl für jetzt, ich werde an meine Pflicht erinnert. Meine Nichte, Fräulein Ludmilla von Salberg — meine Tochter Hertha — Herr Hauptmann von Görlitz, unser neuer Hausgenoffe!"
Der Blick des Hauptmanns ruhte mit sichtbarem Wohlgefallen auf den frischen, anmuthigen Erscheinungen, die rn geschmackvoller Toilette vor ihm standen; aber er fand keine Zeit, eine Unterhaltung mit ihnen anzuknüpfen, denn die Thür zum Speisesaal wurde bereits geöffnet, und Madame Schirmer lud ihn ein, an der Tafel Platz zu nehmen.
Eine zahlreiche Gesellschaft war versammelt, junge und ältere Herren, die lebhaft miteinander plauderteir und lachten.
, Au der Spitze der Tafel saß Madame Schirmer mtt den beiden jungen Damen; hier war auch dem neuen Gast der Ehrenplatz angewiesen.
„Sprechen Sie jetzt mit Ludmilla nicht über ihren Bruder", hatte Madame Schirmer dem Hauptmann noch zugeflüstert, und sein Blick ruhte nun sinnend auf dem goldblonden Haupte des schönen Mädchens, das ihm gegenüber saß. Aber das heitere Temperament Herthas, die seine Nachbarin war, ließ ihm keine Zeit, seinen Gedanken lange nachzuhängen.
„Sie haben also die Zimmer da oben gemiethet?" fragte sie, und über ihr frisches, blühendes Antlitz glitt ein schelmisches Lächeln. „Ich hoffe, Sie werden sich recht wohl in ihnen fühlen; was wir dazu beitragen können, Ihnen den Aufenthalt in unferm Hause angenehm zu machen, das wird gewiß geschehen!"
„Ich danke Ihnen", erwiderte er, dem wohl- thuenden Eindruck nachgebend, den diese Worte auf ihn machten; „begegne ich hier schon in der ersten Stunde so guten und liebenswürdigen Vorsätzen, dann bin ich sicher gut aufgehoben unter diesen Dache. Ihre Frau Mama sagte mir, es wohnten außer mir noch zwei Herren hier."
„Sie werden sie nach Tisch kennen lernen, wenn die übrigen Gäste , sich entfernt haben. Sehen Sie dort unten am Tisch den schwarzen Herrn mit der goldenen Brille?"
„Und dem schwarzen Vollbart?"
„Ganz recht, er ist einer der Beiden, Herr Referendar Emil Rommel; der Andere sitzt ihm gegenüber.
„Der kleine Herr mit dem kurzgeschorenen Haar und dem blonden Knebelbart."
„Jawohl, Herr Karl Maiwind — nicht wahr, ein drolliger Name?"
„Der gewiß schon oft Anlaß zu scherzhaften Bemerkungen geboten hat!"
„O, sehr oft", erwiderte Hertha heiter, und auch die Lippen Ludmillas umzuckte ein flüchtiges Lächeln. „Er behauptet zwar, Name sei Schall und Rauch, aber der Herr Referendar läßt sich dadurch nicht abhalten, seine Glossen darüber zu machen. Und im Grunde genommen kann Herr Maiwind sich nicht darüber beklagen, er hat den Referendar so lange mit seinen Citaten geärgert, bis dieser sich gezwungen sah, den ganzen Citatenschatz des deutschen Volkes auswendig zu lernen, um den steten Angriffen mit derselben Waffe begegnen zu können. Sie können sich denken, wie heiter diese Wortgefechte sind. Aber Scherz bei Seite, Herr Hauptmann, Sie werden die beiden Herren achten lernen und gewiß auch mit ihnen sich befreunden; ernstes Streben beseelt Beide, und über ihre Lebensweise, wie ihre Anschauungen kann man nur anerkennend urtheilen."
„Pflichten Sie diesem Urtheil bei, gnädiges Fräulein?" wandte der Hauptmann sich zu Ludmilla.
„Nicht so ganz bedingungslos", erwiderte sie in scherzendem Tone. „Herr Maiwind dürfte nach


