Gießen an der Jahreswende 1925/26.
Rückblick und Ausblick.
Der letzte Lag des Jahres 1925 ifl gekommen. She bevorstehende Mitternacht wird den Schluß- strich ziehen unter ein Jahr, das als ein schweres in der Geschichte unseres Bolles fortleben wird. Eine Wirtschaftskrise von ungeheurem Ausmaße brach in diesem Jahre über unser Reich herein, allenthalben war das Ringen um die Existenz in den verflossenen zwölf Monaten sehr hart, die Enttäuschungen wurden für viele immer häufiger und schwerer, und die Zahl der Opfer dieser Krise schwoll ständig an. Für viele Volksgenossen wurde aus dem Jahre des harten Ringens ein Fahr der Rot. Man denke nur an die Landwirtschaft, die noch vor ein paar Fahren guter Verhältnisse sich erfreuen konnte, man betrachte die drückende Lage von Gewerbe, Handel und Fnduftrie, und man versehe sich verständnisvoll in das erschütternde Elend der Erwerbslosen. Düster wie der Regenhimmel dieser letzten Dezembertage, liegt heute vor unserem rückschauenden Biic! auf das große Ganze das Fahr 1925 da, und nur spärlich sind die Lichtpunkte, die wir aus diesem Krisen- jahr mit hinübernehmen in das neue Fahr 1926.
Diese ungünstige Ge'amtentwicklung im Reiche fand ihr Spiegelbild natürlich, auch in unserer Stadt, Das wirtschaftliche Leben spürt die vielen drückenden Fesseln gar sehr. Der Fndu- serielle und der Kaufmann, der Handwercker und auch die Konsumenten haben unter der allge-- metnen Kapitalnot schwer zu leiden. Zu der Geldknappheit kommt der schwere Steuerdruck, der trotz mancher Milderungen in der letzten Zeit noch immer eine außerordentlich starke Belastung dar- stellt. Welche tiefgreifenden ungünstigen wirtschaftlichen Folgen diete Mühlsteine am Halse unseres deutschen Wirtschaftskörpers auch in unterer Stadt zeitigen, hat der Verlauf des dies- jährigen Weihnachtsgeschäftes wieder gezeigt. Durchschnittlich ist. wie wir in unserer Weih- nachtsausgabe berichteten, das diesjährige Geschäft m den Weihnachtswochen um 30 bis 40 Prozent hinter dein vorjährigen zurückgeblieben, wobei aber noch zu beachten ist, daß diesmal nur Waren der billigen und mittleren Preislagen begehrt wurden, während di» höher preisenden Gegenstände nicht mehr gekauft werden konnten. Ein weiteres bezeichnendes Merkmal für den Rückgang der heimischen Wirtschaft ist die Tatsache, daß Ende 1924 bei dem hieägen Arbeitsamt 140 Erwerbslose gezählt wurden, während das Amt Ende 1925 deren, rund 300 verzeichnet, lind endlich ist sehr beachtenswert, daß im Fahre 1924 hier drei Konkurse eröffnet wurden, denen am Ende dieses Fahres neun gegenüberftehen. wobei wir ziffernmäßig leider nicht ermitteln tonnten, wieviel kleinere Unternehmungen sang- und ilang- los dahinges'.mten sind. An Hand dieier kurzen Stichproben und auf Grund eigener aufmerksamer Beobachtungen wird jeder gerecht und einsichtig urteilenbe Mitbürger gugeben, daß von dem früheren guten Fundament unserer heimischen Unternehmungen aller Troßen und Branchen große Teile verfallen und infolgedessen auch die Bauwerte selbst in Mitleidenschaft gezogen, ja hier und da sogar in schwerste Rot geraten sind. Die weitere Auswirkung dieses Zustandes hat " natürlich auch die Kreise der Arbeitnehmerschaft aller Grade ersaßt und so schließlich zu dem Rie- devgcmg der allgemeinen Kaufkraft geführt, den heute Produzent und Konsument in gleicher Weise t beklagen.
Trotz dieser schweren Rot der Zeit hat die ^kommunalwirtschaftliche Entwicklung unteres Gemeinwesens im abgelaufenen * Fahre eine Anzahl recht erfreulicher Fortschritte gemacht. Daß diese Pluspunkte in der Kommunalbilanz von 1925 nur durch Opfer der Bürgerschaft zu erreichen waren, aber nicht etwa Zeichn von großer Wohlhabenheit der Stadt sind, sei hier besonders hervorgehoben. Gestützt auf diese Grundlage war es der Stadtverwaltung und dem Stadtparlament möglich, dem Ausbau einer Anzahl neuer Straßen im Süd- Viertel der Stadt zuzustimmen, wodurch zunächst wenigstens etwas Bauland erschlossen wurde. Weiter stimmte man in erfreulicher Weise dem
Ausbau unserer höhereven Mädchenschule durch die Errichtung einer Studienanstalt zu, in der zunächst die Obersekunda ab Ostern d. Fs. als erster Schritt vorharck>en ist. Zur anerkennenswerten und verständnisvollen Unterstützung des Sports ließ man die vortreffliche Sportplatzanlage auf dem Trieb erstehen, der eine aobere Stadt von her Größe Gießens wohl kaum etwas Gleichwertiges an die Seite stellen farm; ferner unterstützte man bereitwillig den Verein für Bewegungsspiele bei der Schaffung seines schönen Waldsportplahes. Zur Hebung des Verkehrs zwecks Schaffung neuer Erwerbsquellen für die Geschäftswelt förderte die Stadt in richtiger Erkenntnis der Tragweite dieses großen Gedankens freu Bau der Volkshalle; die wirtschaftliche Auswertung dieses Bauwerks ist nun eine Frage der Verlebrswerbung, über die wir weiter unten noch einige Worte sagen. Als ein rühmliches Zeichen bürgerlichen Gemeinsinnes sei in diesem Zusammenhang die Tatsache betont, daß durch fteiwillige Anteilscheinzeichnungen 185 720 Mk. für den 'Bau gezeichnet wurden, wodurch bestätigt wird, was früher schon wiederholt zum Ausdruck tarn, daß dieses Bauwerk ohne die opferbereite Hilfe der Bürgerschaft überhaupt nicht entstanden wäre. Ebenfalls aus guten vertehrspolitischen Gründen verhalf die Stadt dec Luftverkehrs-A.-G. Oberhessen in Gießen durch Betelligung am Aktienkapital mti) durch Gestellung des Flugplatzgeländes zum Erstehen. Den Wünschen der Feuerbestattungs- sreunde wurde durch die Schaffung einer Em- äscherungsanlage auf dem Reuen Friedhof Rechnung getragen. Beachtenswerte Mittel wurden für die Reubefestigung von Straßen zur Verfügung gestellt. 5ür die Anleihegläubiger der Stadt lind im Haushaltsplan über 200 000 OTT. vorsorglich vorgesehen, die bis jetzt zwar noch nicht verausgabt werden tonnten, da neue reichsgesetzliche Vorschriften eine andere Regelung bezwecken, die aber der Verwendung im Sinne der reichsgesetzlichen Vorschriften Vorbehalten bleiben und zum gegebenen Zeitpunkt den Gläubigern zugeleitet werden. Zum Bau von Wohnungen stellten die städtischen Körperschaften selbstverständlich auch in diesem Jahre wieder sehr ansehnliche Mittel bc- reit, die indessen int Jahre 1925 nicht völlig zur Verwendung iainen uni) nun mit ihrem Restbetrag der noch bevorstehenden Arbeit auf diesem Gebiete dienen sollen. Daß hier die andauernde fiirsorgende Tätigkeit der Stadt — obwohl durch diese allein keine befriedigende Lösung der gewaltigen Ausgabe erwartet werden kann — notwendig ist, mögen einige Zahlen zeigen: Ende 1924 bezifferte sich die Gesamtzahl der Wohnungsuchenden auf 2003, unter denen 704 als sehr dringend und dringend oorge- merkt waren, Ende 1925 sind es 2044 Wohnung- suchende. wovon 770 als sehr dringend und dringend gelten. Von den Wohnungsuchenden waren ohne eigene Wohnung Ende 1924: 1005, Ende 1925 : 987, mit Wohnung 998 bzw. 1057,unter 25 Jahren 109 bzw. 92. Im Jahre 1925 gelangten 126 Altwohnungen zur Vergebung, von der Stadt wurden 23 Wohnungen, vom Staat 14 und von privater Seite 38 neu erstellt, diesem Wohnungszuwachs von 75 stehen allerdings 48 baufällige Wohnungen gegenüber, die geräumt werden müssen. Daß die vorwärts- und aufwärtsweisenden Maßnahmen im Rahmen des Haushaltsplanes getroffen wurden und daß die Stadtverwaltung, wenn nicht unangebrachte Anforderungen an fle gestellt werden, ohne Nachtrags- forberung auszukommen hofft, das ist ein in dieser trüben Zeit besonders erfreulicher Punkt. Als sehr bedeutsame Ereignisse in der Gießener Stadtgeschichte von 1925 seien schließlich noch die auf Lebenszeit erfolgte Wiederwahl des Oberbürgermeisters Heller und die auf zwölf Jahre bemessene Wahl des Beigeordneten Dr. Hamm hier erwähnt. Beiden Herren, insbesondere aber dem Ober- bürgermeister, stehen schon aus der heutigen Sichtweite große und verantwortungsschwere Aufgaben zur Lösung bevor. Daß ihnen diese Werke zum Besten der Stadt und damit auch zu ihrer eigenen Freude gelingen mögen, das ist der Wunsch, den wir bei der Wiederwahl des Oberbürgermeisters bzw.
Franziska.
Roman von Liesbet Dill.
32. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Eines Abends sagte Franziska plötzlich: »Du wolltest doch einmal in dem Heidelberger Institut wissenschaftlich arbeiten bei dem berühmten Doktor, Öen Ramen weih ich nicht mehr." Franziska behielt niemals andere Romen als die der Bühnenkünstler.
Haffe wunderte sich über ihr Gedächtnis. „Hast du einen Grund mich sortzuschicken?" fragte er. Er nahm ihren Kopf zwischen ihre Hände. »Sei doch nicht immer so mißtrauisch", sagte sie. „Fch hab' so wenig Zeit für dich, nachher im Sommer will ich mit dir hinausfahren ins Grüne, aufs Land, auf Wiesen, liegen unter Bäumen, Blumen suchen. Aber jetzt fühl' ich mich nur müd' und elend..
„Dann ist es doppelt nötig, daß du mich hast", erwiderte Hasse sehr bestimmt. „Was ist es mit deinem Herzen übrigens, Franziska? Er horchte auf diese unregelmäßigen Schläge und griff noch ihrem Puls „Du scheinst Fieber zu haben."
„Ach geh, ich hab' die erste Orchesterprobe gehabt, das hat mich ein bissel aufgeregt“, sagte sie und entzog sich Öen unbequem forschenden Blicken. „Ein Pulver kannst du mir vielleicht geben gegen das Herzllopfen, wenn du so gut sein willst."
„Gegen Herzklopfen gibt's keine Rezepte als ein vernünftiges Leben", sagte Hasse. „Du rauchst zu viel und ißt zu wenig, das ist alles. Tu, was ich dir sage, dann hört das Herzklopfen von selber auf.“
Als Haffe auf die Straße hinaustrat, stieß er im halbdunklen Hausflur mit einer Dame zusammen. Er griff an öeu Hut und ließ sie vorangehen, indem er eine Entschuldigung murmelte. Er sah sie nicht an, er dachte cm das, was er dort oben mit Franziska gesprochen. Seine Pulse stürmten: er ging wie ein Rächt- Wandler durch die nebligen Straßen.
Die Worte Franziskas hatten Wurzel geschlagen. Gr überlegte, daß es für ihn am besten sei, sich einmal auf kurze Zeit von ihr zu trennen.
Zu den nerDöfen Frauen pflegte er zu sagen: es gibt keine Rerven. Allen nervösen Zuständen liegt ein innerliches Leiden zugrunde, danach
muß man suchen. Fa, ja, die Herren Aerzte. Was war es denn jetzt bei ihm, das ihm das Herz wie ein Hammer schlug, daß er sich wie von einer Schwäche angewande'c fühlte, daß er diesen weißen Hals, der so voll aus hen Spitzen herauswuchs, mit beiden Händen hätte zusam- menprefsen und erwürgen tönnen.
Er liebte sie, liebte sie so wahnsinnig, leit kurzer Zeit erst, feit er sic als Giulietta gesehen, seit er die Künstlerin in ihr erkannt, feit sie ihm zu entgleiten drohte. Mit dem Ausdruck eines Fanatikers dachte er daran, sie unter seinen Willen zu zwingen, ohne ihr wehzutun und ohne sie zu oeränbern oder zu verlieren. Fhre Künstlerschaft drängte sich zwischen ihre Liebe, er empfand es wie einen Schmerz, daß sic Freiheit von ihm forderte, gerade jetzt. Es war, als ob ein dunkler Schatten auf seinen Weg gefallen sei, und er sah diesen Schatten plötzlich vor sich mit seinen grellen, leuchtenden Augen, dem festen Römerprofil, dein bleicher, Gesicht mit dem zurückgeworfenen dunklen Haar. .Und zum erstenmal wuchs ein Verdacht in ihm: „Martert?"
Er wußte nicht, daß die Dame im dunkelgrünen Tuchkleid Elisabeth gewesen war, die mit ihm auf der Schwelle des Hauses zusammen- getroffen war.
Elisabeth, die eine Schneiderin, die im Rach- barhaus wohnte, suchte, hatte sich im Rebel in der Tür geirrt. Sie blieb stehen und sah ihm nach wie er die Straße hinunterging und in der Dämmerung wie ein Schatten verschwand, den der weißliche Dunst In ftch aufsog. Sie fühlte ihr llopsendes Herz Plötzlich matt und immer stiller werden. - - Cs ist vorbei, dachte sie... Sie las den Ramen ., Franziska Rott" an der Haustüre. Sic starrte diesen Ramen an. Also war es wahr, was man sich zuflüsterte, daß Hasse in ihrem Hause aus und ein ging wie ein... Sie sprach das Wort Liebhaber nicht aus. Es brach wie Haß in ihr aus gegen dieses kleine runde Schild, diesen Ramen, diese Sängerin, die sie von der Bühne her kannte. Es war also wahr. Daß sie so länge sich hatte betrügen lassen... Wenn ihr Vetter Worth ihr hier begegnet wäre, so hätte sie es als selbst - verständlich empfunden, ihn auf solchen Wegen anzutreffen. Aber er, der anerkannte Wissenschaftler, der Chirurg mit der sichersten Hand, von dem ihr Vater mit Hochachtung sprach, an dessen Zukunft sie glaubte wie an einen Stern...
bei dec Einführung des neuen Beigeordneten zum Ausdruck gebracht haben und den wir jetzt am Jahreswechsel noch einmal aussvrechen. Dem alten Stadtparlament hat der Oberbürgermeister am 18. Dezember beim Parlamentsschluh den Dank der Bürgerschaft für die geleistete treue und hingebungsvolle Arbeit ausgesprochen. Dieser Dankeskund- gebung kann jeder Mitbürger zustimmen, denn das alte Parlament hat sich in vielerlei Hinsicht um die Entwicklung unseres Gemeinwesens verdient gemacht. Darüber darf man allerdings nicht vergessen, daß jetzt noch Aufgaben wichtiger Art ungelöst vor uns stehen, die im alten Stadtparlament in guter Weise hatte erledigt werden können. Diese Versager werden die Pluspunkte der alten Stadtverordneten etwas verringern. Es ist uns hierbei bewußt, daß nicht das Stadtparlament in einer Sitzung über die Versager entschieden hat, aber innerhalb des Kreises der Stadtverordneten hat man der Entwicklung der Dinge keine andere Wendung gegeben. Hier liegt die Verantwortung.
Damit kommen wir nun zu einigen wichtigen Zukunftsaufgaben unferer Kommunalpolitik. Zunächst die Versager! Hier steht im Vordergründe die Straßenbahn- frage Gießen- Wieseck. Wir wissen, daß Wieseck die Verhandlungen abgebrochen hat. nachdem die Sache allzu sehr auf die lange Bant zu kommen schien, es ist uns aber auch gegenwärtig, daß das geplante Werk eigentlich nur durch die unzweckmäßige Art der Behandlung zum Scheitern gekommen ist. Hierbei mag hüben und drüben gefehlt worden sein, fest steht jedoch daß man in Wieseck den Eindruck bekam, in'Gießen fehle der gute Wille zur Verwirklichung des großen Gedankens. Dieser Eindruck fand nach unserer Kenntnis hinsichtlich der Stadtverwaltung in den Tatsachen feine Begründung, aber es wurde, namentlich auch von den Stadtverordneten selbst versäumt, diese irrige Ansicht durch weitsichtige positive Taten zu beseitigen. Run ist die Wie- secker Autolinie, an deren Zustandekommen man in manchen Gießener Kreisen erst nicht glauben wollte, mit zwei großen Wagen im Betrieb. Wer ihre Freauenz beobachtet und das lieft, was unser Wiesecker L Mitarbeiter an anderer Stelle dieser Rümmer über den bisherigen Betrieb des jungen ^Internehmens berichtet, und wer diese Fnanspruchnahme vergleicht mit der Besetzung unserer Straßenbahn aus der Richtung Marl urgerstraße. der wird zugeben müssen, daß die Wiesecker Berechnung des Verkehrsbedürfnisses und der Verkehrsmittel-Frequenz bis jetzt mehr als doppelt zutreffend nxtr. Selbst wenn wir annehmen, die heutige Wiesecker Auto-Frequenz werde sich im Laufe der Zeit um 50 Prozent vermindern — andere gewichtige Erwägungen sprechen aber gegen diese Annahme — Sann wird die seinerzeit für die Straßenbahn- Rechnung angesetzte Frequenz von täglich rund 450 Passagieren aus Wieseck immer noch erheblich übertroffen werden, älnsere früher ausgesprochene ^leberzeugung, die Straßenbahnlinie nach Wieseck werde dem Gießener Straßenbahnbetrieb Vorteil bringen, darüber hinaus aber auch der Stadt weitgehende Entfaltungsmöglichkeiten gestatten, finden wir in den jetzigen praftischen Ergebnissen bestätigt. Trotz der neuen „verpaßten Gelegenheit" sind wir der Ansicht, daß in dem Gießener kommunalpolitischen Aufgabenverzeich- nis das Kapitel Straßenbahnfrage Gießen— Wieseck nicht gestrichen werden darf. Diese Angelegenheit werden wir weiterhin auf- merffam xu verfolgen haben, und sobald wie nur irgend möglich werden wir erneut den Versuch machen müssen, diese wichtige Verkehrsfrage der beiden Gemeinden aus dem jetzigen Zwischen- stadium herauszubringen. Für werbende Anlagen — und das sind doch Derkehrseinrichtun- gen! — wird Wohl auch in Zukunft die Finanzierung in annehmbarer Weise zu ermöglichen fein, wie sie ja Wieseck trotz der scharfen Kapitalknappheit auch jetzt gelungen ist. Wie dann allerdings die Derhandlungsgrundlage sein wird, kann man heute nicht wissen. Eine weitere Aufgabe, die in den beiden letzten Fahren schon
Hasse ging auf dunklen Wegen, und auf einem solchen war sie ihm begegnet.
Es war zu Ende zwischen ihnen. Sie wußte es nun. ilnb während sie zu dem ersten Stockwerk nach jenen erleuchteten Fenstern aufschaute, hinter deren zugezogenen seidenen Vorhängen rosenrotes Licht schimmerte, krampfte Elisabeth die Hände zusammen, um die Tränen zu unterdrücken, die ihr die Wangen herabliefen.
Die andere hatte gesiegt
„Wenn wir ein Unheil ahnen, haben wir fast immer recht."
Die „Salome" war auf dem Spielplan für den zweiten Pfingstseiertag angekündigt: es sanden schon die ersten Proben mit Orchester statt.
Hasse war nach Heidelberg abgereist; er hatte versprochen, zur Auftührung herüberzukommen. Es kam " ihm vor, als ob Franziska seine Abreise als Erleichterung empfand.
Am letzten Abend hatten sic noch eine Szene wegen des Schleiertanzes miteinander gehabt, und sie waren unausgesöhnt voneinander gegangen. Er freute sich nicht auf diese Aufführung, von der die ganze Stadt seit Wochen sprach. Er hatte das bestimmte Gefühl, daß für ihn damit eine große Enttäuschung verbunden fei oder Schweres. . Erst als er einige Tage von ihr entfernt war, durch Stunden Eiscnbahnsahrt von ihr getrennt, kehrten seine Gedanken beruhigter zu ihr zurück. Er sah sie jetzt, wie sie war. Von ihren Schmetterlingsflügeln war der Schmelz abgefallen, aus dem jungen Mädchen war das reife Weib erstiegen, ohne ilebergang, plötzlich über Rächt. Fhre Schönheit blühte auf und entfaltete sich jeden Tag mehr, als lebte sie ein zweites, unheimliches Leben, das sie innerlich reifte, als schasste in ihr ein fremder Geist immer neue äußere Formen. Reize unb Anziehungskräfte. Sie war jetzt gefährlich schön, diese neue Franziska mit ihrer fiebernden Arbeitsfreude gleit, ihrem unerschütterlichen Mut zum Geben, dieser Siegerinnenmiene, dem fliegenden Haar, den leuchtenden Augen, unlogisch, echt, naiv und so reif dabei. Dieses wunderliche Gemisch von einem künstlerisch empfindenden und dabei ganz ungebildeten Weib war ihm neu. Fhre Freude am Leben war so ansteckend wie ihr Lachen. — Hasse hatte selbst an dieser Verwandlung gearbeitet; vom ersten Tag an hatte er ihr Vorhaltungen über unedles, unausge-
sHr energisch hätte in Angriff genommen werden müssen, ist die umfassende Dauland-Gr- schliehung. Heber deren Dringlichkeit braucht man wohl kein Wort weiter zu verlieren. Dasselbe gilt für die Reuherrichtung eines großen Teiles unserer Straßen, die heute vielfach in einem Zustande sind, der nachgerade unerträglich ist. Auch mit den Fragen einer großzügigen Verkehrswerbung hätte man sich nach unserer Ansicht im alten Stadtparlament bereits gründlich befassen müssen. Diese Tätigkeit ist sehr notwendig im Interesse der Volkshalle. Der Volks- Hallebau wird unseren Stadthaushalt belasten, wenn wenig oder gar nichts geschieht in der Werbung zu seiner häufigen Benutzung, er wird aber sicherlich keine Last werden, wenn es durch energische Werbearbeit gelingt, alljährlich öfter große Veranstaltungen aus dem Reiche hierherzubringen. Lediglich mit Lokalveranstaltungen, die nur für Gießen und die umliegenden Landkreise Fnterefse haben, kann der große Zweck nicht erreicht werden! Für den Vercehrsvercin allein ist diese Aufgabe der Derlehrswerbung viel zu groß; hier bedarf es toeitgreifenberer Mittel. Eine Angelegenheit, öie*‘ge$entoärtig noch in der Schwebe ist, betrifft die Auto- Omnibusverbindung mit Krofdorf. Fellingshausen, Crumbach. Hoftentlich gelingt es hier, wenn auch vielleicht noch keine Straßenbahn so doch zunächst wenigstens eine Autolinie zu schaffen. Daß die Wohnungsbaufrage der werteren tatkräftigen Arbeit der Stadt bedarf, steht siir jeden verantwortungsbewußten Kommunalpolitiker außer Frage, wenn auch, wie oben schon gesagt, sicher ist, daß nicht alles Heil von der Stadt allein kommen kann. Dem neuen Stadt- bebauungsplan darf man wohl bald entgegen- sehen. Fn weiterer Ferne tauchen bann noch die Gaswertfrage, die Rutzbarmachung der Lahnwasserkraft, Eingemeindungsfragen in Verbindung mit weiteren verkehrspolitischen Projekten usw. auf.
Das Jahr 1925 hat unserer Stadt trotz her Rot der Zeit recht willkommene Neueinrichtungen gebracht. Die Stadtverwaltung und das alte Stadt- parlament sind bei diesen Fort chritten in anerken nenswerter Weise Führer gewe en, die Bürgerschaft hat die Opfer in gutem Bürgersinn auf sich genommen. Des Erreichten wollen wr uns freuen! Den noch ungelösten Aufgaben der Stadt wird sich nun das neue Stadtparlament mit Kraft und Weitblick in Gemeinschaft mit der Verwaltuna widmen müf- fen. Auch hier wird die Bürgerschaft auf dem Wege nach vorwätts sicherlich gerne folgen. Geben wir nun dem neuen Jahr und der neuen Arbeit mit Hoffnung und dem ernsten Willen znm Gelingen unserer Anstrengungen entgegen. «
Ein Nettjahrsbrief vom ttallche.
Liewer guder ZcitrrugsonkeN
Lang is es her, daß ich Dr net mehr ger schriewe hob. Kaa Wunner, wann mr aus der Schul eraus is unn for de Lehrer nix meffr ze lerne braaidjö unn daderfür der Emst deS Lebens am eim eran geörete is. Alleweil besuch ich not noch die Fcvchwerkvortbildungsschul for Schusterlehrling undere Stufe netotg dem väuchlings- haäm. Der Herr Lehrer hat gleich zu met ge» scvgd, wann ich schpäter emal „Stiefel" net richdig unn groß in de Rechnung« schveiwe duhn däht — duS Wort hab ich iwwern erste Sonntag fuffzig Mal groß schreiwe müsse —, denn er hat gesagt, warm ich diese- erste Hauptwort der deutschen Schbvache net richdig schreiwe duhn dähd, damn vLhd ich mei 6?ame allerhöchstdens ü-rtewe im Dveußische bestehe, atotoer niemals net in aner üniverfidüdSschbadt, wo uff höhere Düldung geguckt werb.
Fn der letzt Fortbildungsschulstund hawwe mer dann uns aach iwwer höhere Dinge unter- hale. Zunächst hawwe mir, um de älnnerrichs- schdosf uff e hehere Stufe ze hebe, daß ®e’ schichdliche nutzerer Schusterkunst von höherer Warte aus beschbroche. Von de Wilde, die wo fa Schuster unn ka' Stiefel noch net hawwe. Von oene dann aach di Redensart schdammd, $ieb mer emol en Dorn aus dem Fuß. Kir^ich is aanet bei meim Meister gewest unn hat die* selb Redensart gebraucht, met Meister atotoer hat gesagt, der Dorn wär' em ze groß unn hat — aach in sein lehre Sack gegriffe! Wie der
glichenes Spiel gemacht, er verachtete die Sänger, die nicht einmal den Fnhalt des Stückes kennen, in dem fie' auf treten! Auch Franziska hatte das in den ersten Fahren fertig gebracht. Sie las nichts, wollte keinen Bach hören, weigerte sich, zu den Vorttägen über Kunstgeschichte zu gehen. Aber er bewies ihr, daß alles, was er ihr vorschlug, sie anspornen sollte, etwas Besseres zu lernen, zu sein und zu geben.
llnd nun, da er es erreichte, baß sie lernte, machte er ihr ihren Ehrgeiz zum Vorwurf. Der Künstlerin nicht, aber feiner künftigen Frau And er begann darüber zu grübeln, ob er recht tat, sie m feine Welt heruberzunehmen. Die Rübe, die er sich von seiner neuen Tätigkeit versprochen, von der körperlichen Entfernung von ihr, wollte nicht über ihn kommen. Fmmer fah er sie vor sich, aus der Chaiselongue, abgespannt, mit geschlossenen Augen, und er sah die Tränen von ihren Wimpern rinnen. So herunter waren ihre Rerven, daß sie weinte ohne Grund. Oder hatte sie irgendeinen vor ihm verheimlichten Kummer? Gab es eine Regung ihrer Seele, die er nicht kannte? Aber wer kannte sie denn, die Frauen? Franziska gab sich offen, sie war so unkompliziert, fo einfach, ganz Weib, an ihr war ihm alles bekannt und verständlich. Er mußte sie besitzen, aber nicht in diesem ewigen Kampf um ihren Besitz! Ein Versuch beschäftigte ihn. der, wenn es ihm gelang, ihn zu klären, ihn mit einem Schlag zu einem in der wissenschaftlichen Welt bekannten und verdienten Mann machen tonnte, Unb <r war hierhergekommen, um diesen Versuch ungestört auszuarbeiten, von dessen Gelingen die Heilung von Millionen jetzt unheilbarer Kranker abhing, er hoffte der Menschheit auf Jahrhunderte hinaus einen Dienst zu erweisen. Er wollte arbeiten können, aber er konnte es nicht mehr; seit ihrer Trennung fühlte er eine solche Angst um sie. daß ihm selbst bei der intensivsten Arbeit immer wieder die Gedanken durchgingen. Aus der Stille der Rächt brandeten plötzlich tausend Fragen und marterten ihn mit Fragen an das künftige Leben. Sonderbarerweise vermochte er sich niemals über dieses künftige Zusammenleben ein festes Bild zu machen. Es war, als strichen Franziskas Hände leicht barübA und wischten alles wieder aus, was er mit festen Strichen vorgezeichnet hatte.... Franziska.... Franziska.
(Fortsetzung folgt.)


