Ausgabe 
31.12.1925
 
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Donnerstag, 51. Dezember 1925

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Nr. 505 Swettes BIM

kaum ber

renber als das Gefühl, daß inan an den oerant-

fie durch sinnloses und unmäßiges Trinken, worin

entwickeln beginnt, ist, wenn wir die Nerven verlieren, der steile Ausstieg zur Gesundung, müssen uns wirtschaftlich wieder aufrichten, das die Hauptaufgabe des Jahres 1926 sein. Der

nicht Wir wird Weg u n -

Lebenswille.

Aus GoethesLila".

Feiger Gedanken Bängliches Schwanken, Weibisches Zagen, Aengstliches Klagen Wendet kein Elend, Macht dich nicht frei.

Allen Gewalten

Zum Trutz sich erhalten;

Nimmer sich beugen, Kräftig sich zeigen. Rufet die Arme Der Götter herbei.

und Scherben an die Türen. Bei uns besteht dieser Brauch desDöpperoerfens", wenn in einem Haus Stricker" beisammen sind.

Die Silvesternacht gilt auch als Wetterprophetin. Bläst in ihr der Wind von Osten, so hofft man auf ein gesegnetes Obstjahr; kommt er von Süden, so gibt es viel Korn. Bon Westen verheißt er Milch und dem Küstenbewohner Fische von Norden aber Kälte und Sturm. Auch aus die Träume tn der Silvesternacht muß man wohl achten; sie geben Fingerzeige fürs kommende Jahr und seinen Berlauf.

So wieim Spiele des Kindes ein tiefer Sinn" liegt, liegt auch diesen Bräuchen ein ernster Ge­danke zugrunde. Möge sich dessen das Heranwach­sende neue Geschlecht stets bewußt bleiben. Es wäre zu beklagen, wenn sie mit vielem andern, durch das Alter Geheiligtem, 'm Dergesienheit geraten imb verschwinden.

Chrysanthemen zu Silvester.

Bon Erika von Watzdorf-Bachoff.

Die steilen kühlen Chrysanthemen, leise umhaucht von herbem Ruch, sind für des Jahres Mschiednehmen ein farbiger Siloesterspruch.

Der Blütcnblätter unzählbares schmales vereintes Kräuseln spricht zu uns als Wunder und als wahres wißendes Blumenangesicht.

Das flüstert: Eure Sommer starben, wir blühen ohne ihr Geheiß zarklila, gelb imb kupferfarben und wie ein Schneetag blendend weiß.

Silvester und Silveftergebräuche.

Bon Heinrich Kraushaar.

Der letzte Tag des Jahres ist dem Papste Syl­vester geweiht und darum auch nach ihm genannt. Er war von 314335 römischer Papst, und man setzte den 31. Dezember als seinen Todestag an. Der Uebergang vom alten zum neuen Jahr wurde bereits bei den ältesten Völkern auf wilde und mis- gelasiene Weise gefeiert. Bei den Indern, Aegyptern und besonders den Persern besuchte man sich, wünschte sich Glück und beschenkte sich gegenseitig, weil man hoffte, daß dann das ganze Jahr in ebenso günstiger Weise verlaufen würde. Auch unsere Vorfahren, die alten Germanen, feierten bereits Silvester und Neujahr, und zwar in einer Weise, Oie tms an die Gegenwart erinnert: sie entweihten

sich ja leider noch heute für gar viele die Bedeu­tung dieses ernsten Tages erschöpft.

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich eine groge Zahl von Silvestergebräuchen gebildet. Sie beruhen alle auf dem Glauben, daß der Mensch an der Wende des dahinfcheidenden Jahres eine Frage an das Schicksal frei habe. Wer gern über die Ereignisse des neuen Jahres unterrichtet sein will, sticht mit einem Messer aufs Geratewohl in die Bibel oder das Gesangbuch und liest den Vers, auf den sein Blick zuerst fällt. Daraus schließt er auf Glück oder Unglück, Todes- oder Krankheitsfälle der nächsten Zukunft. Auch über seinen Aufenthalt im neuen Jahre kann man sich vergewissern, indem man um 12 Uhr nachts die Schuhe hinter sich wirft, und die RichMng, nach der die Spitze weist, gibt Aufschlun, über das Gewünschte. Wer mit verhülltem Antlitz rückwärts über die Schwelle schreitet, der sieht dort einen Sarg oder eine Wiege stehen, je nachdem der Familie ein Sterbefall oder eine Geburt bevorsteht. In Rodheim bei Hungen ist während des Krieges ein aller Mann gestorben, der alle Rodheimer beschwören es eine ganz besondere Gabe hatte. Er ging um 12 Uhr nachts auf den Kirchhof und schaute durch ein Fenster in die dunkle Kirche hinein, dann sah er dort alle die sitzen, die im kommenden Jahre starben. In der "teujahrsnacht vor seinem Tode sah er einen Unbekannten dabei imd erzählte es seinen Angehörigen mit dem An- sügeu. daß er sich wohl selber gesehen habe. Im neuen Jahre starb er denn auch tatsächlich. Wer um Mitternacht Wasser aus einem Brunnen schöpft für sich und die Seinen, ist das ganze Jahr über gegen

brauchers.

Die Denkschrift des Reichsverbandes der In­dustrie ist außerordentlich beachtlich und vor allen Dingen deshalb erfreulich, weil in ihr die Ge­meinsamkeit wirtschaftlicher Not und Abhilfe für alle Erwerbsschichten so scharf betont wurde. Daß angesichts dieser Lage in unserer Wirtschaft meine Einstellung zu den Dawesgesetzen die­selbe ist wie im vorigen Jahr, bedarf kaum ber Erwähnung. Sie sind unerfüllbar und tragen schon jetzt erheblich zu dem Entblutungsprozeß un­serer Wirtschaft bei. Die Tröstung mit ausländischen Krediten zu kaum erfüllbaren Zinsbedingungen ist schwach, beim Kredite sind keine Geschenke. Viel wichtiger scheint mir zu sein, daß man heute dem Volk restlos die Wahrheit über unsere Lage sagt. Denn unliebsame Ueberraschungen erzeugen Paniken, während ich unferm innerlich gesunden und starken Volk durchaus zutraue, daß es klar er­kannte Notlagen stark und mit der erforderlichen Ruhe erträgt. Nichts wirkt auch draußen deprimie-

Deutschlands Aufgaben für 1926.

Führende Parlamentarier über Deutschlands politische und wirtschaftliche Ziele im neuen Fahr

wörtliche» Stellen die Folgen der wirtschaftlichen I Lage nicht erkennt ober mit unangebrachtem Opti | mismus bemäntelt. Allein der Blick auf Amerika hilft uns auch nicht, er tötet sogar den natürlichen und dem Deutschen innewohnenden Trieb zur Selbst­hilfe ab.

Eine weitere Aufgabe, an der mit allem Nach­druck gearbeitet werden muß, ist die Entgiftung unseres politischen Lebens. Wie soll sich ein Volk, derartig zersplittert und mit Gefühlen des Hasses gegeneinander durchsetzt, zu der großen gemeinsamen Kraftentfaltung aufraffen, die wir zur Befreiung aus unserer politisch unterdrückten und wirtschaftlich schlechten Lage nötig haben. Wie wenig wird der Weg gegangen, den oer Reichs­präsident von Hindenburg mehrfach ge­wiesen hat, und der darin besteht, auf die Einigung des deutschen Volkes hinzuarbeiten. Aber Parteien und Parlament verewigen die Zersplitterung. Aus all diesen Gründen stehe ich auch dem ^Parla­mentarismus in seiner heutigen Form als großer Ketzer gegenüber. Wieviel Zeit wird allein verbraucht, um in langen Debatten den Nachweis zu erbringen, daß jede Partei immer und von jeher Recht gehabt hat. Daß die Presse wesentlich an der (Einigung mitwirken kann, ist klar. Heute sieht sie zum Teil ihre Aufgabe darin, die Ansicht des Gegners möglichst zu verschweigen auch gerade kein Zeichen der Stärke der eigenen sachlichen Argumente.

llnb noch eine Ausgabe sehe ich: Wie es stets aus rein menschlichen Gründen eine vornehme Aufgabe sein wird, Not und Elend zu mildern, so mutz andererseits doch auch mehr und mehr das Ver­ständnis dafür geweckt werden, daß einzelne Volks­schichten mit Forderungen und Wünschen sich nicht außerhalb der Gesamtheit, außerhalb wirtschaftlichen Könnens und Vermögens der Gesamtheit stellen dürfen. Ebenso falsch, wie unsoziales Empfinden in dem Kopfe eines Unternehmers wäre, ebensowenig sollte der Arbeiter seine wirtschaftliche Grundlage trennen wollen von der des Betriebes, in dem er tätig ist. In dem Gedeihen des Betriebes liegt nun einmal ein reales Band zwischen Arbeiter und Unternehmer.

Es soll mit den vorstehend gezeichneten Aus­gaben nicht gesagt sein, daß ihre Fahl damit er­schöpft ist. Die Zukunft birgt gewiß in ihrem Schoß noch manches, was uns ernsthaft beschäftigen wird! Vielleicht an einer Stelle eine außenpolitische Ueber- raschung, hoffentlich aber an anderen Stellen endlich der Auftakt zu der etwas nüchternen Erkenntnis bei uns, daß andere Länder nur dem Antrieb ihres Egoismus folgen, so wie wir es endlich lernen sollten: denn das Hemd sitzt uns nun mal näher als der Rock."

Der hessische Reichstagsabgeordnete und als sol­cher führendes Mitglied der Deutschen Volks­partei,

Reichs- und Staatsminister a. D.

Dr. Becker

erklärte:Was uns nottut, ist in zwei Begriffen zusammengefaßt: arbeiten und sparen. Und weil wir arbeiten müssen, müssen wir auch zusam­men arbeiten, das heißt, wir dürfen uns nicht in kleinlichen parteipolitischen und parteiwirtschaft­lichen Kämpfen aufreiben. Rur so kann die deutsche Wirtschaft wieder auf ihre Höhe van einst gebracht werden. Das WortZusammenarbeiten" gilt sowohl nach innen als auch nach außen. Wir müssen auch international mit anderen Völkern in g e - meinfamer Arbeit vorwärts st reben und die außenpolitische Linie, die wir bis jetzt inne- gehalten haben, weiter verfolgen. Dieser außenpoli­tische Kurs hat uns, wenn auch nur in geringem Maße und nicht so, wie wir es erhofften, so doch immerhin gewisse Erfolge gebracht.

Wenn ich von der Notwendigkeit des Spa­rens sprach, jo meine ich sechstverständlich dabei weniger den einzelnen in Deutschland, ber ja heute sowieso im allgemeinen kaum mehr besitzt, als er zum Leben braucht, als vielmehr bie öffentliche Finanzwirtschaft, bie mit ihren Ausgaben unbebingt auf das Notwendige beschränkt werden muß."

Von den S o zi a l d e m o k r a t e n erklärte

Dr. Rudolf Breitscheid:

Es ist außerordentlich schwierig, am Beginn eines Jahres die Aufgabe» aufzuzeigen, die eine Nation in den nächsten 365 Tagen lösen soll. Na­mentlich in den gegenwärtigen Zeitläuften, in denen jede Stunde neue Probleme stellen kann. Ich muß mich daher daraus beschränken, einige der wichtigsten Forderungen aufzuzählen, die nach meiner Ansicht im Jahre 1926 von dem deutschen Volk und der deutschen Regierung zu erfüllen sind.

Krankheit und Tod gefeit. Junge Mädchen gießen in der Neujahrsnacht Blei und sammeln das ganze Jahr über dafür die zerbrochenen Dleilofsel. Das Bleigießen war noch vor wenigen Jahren in Röd­gen anzutreffen. Aus der Gestalt des Bleies schloß inan auf das Aeußere und den Beruf des Zukünf­tigen. Auch aus dem Kaffeesatz wollte man man­cherlei erkennen.

Sehr verbreitet ist die Sitte, daß die Jugend am Silvesterabend, sobald es 12 Uhr geschlagen hat, und bie Glocken zu läuten begonnen haben, durch das Dors zieht. Sehr schön ist dieser Brauch in Ettingshausen und wohl auch in den Nachbar- dörsent, wo die jungen Leute, Gesangbttchlieder singend, die Ortsstraße auf und ab ziehen. Dazwi­schen rufen sieProsit Neujahr" und beglückwünschen die aus den Fenstern schauenden älteren Leute durch Handschlag. In den Wirtschaften gibt es für die verheiratete» Stammgäste derweilen Kaffee und Kuchen. In Rödgen und den übrigen Dörfern des Buseckertales dagegen gab es vor dem Kriege um 12 Uhr für den Mann ein Würstchen mit Brot und Freibier. Dann versammelte sich alt und jung auf dem Hose des Wirtshauses, und nach einem drei­maligenProfit Neujahr" ftieg eine Parodie zu dem LiedeWie schön leuchtet ber Morgenstern" zum nächtlichen Himmel hinentt.

Mit ben erwähnten Umzüge» hängt eine grobe Unsitte zusammen: das Neujahrsschießen. Es soll die Freude über das neue 9ahr zum Ausdruck bringen, kehrt sich aber oft durch die dabei vorkommenden Unglückssälle ins Gegenteil um.

In Norddeutschlandwirft" man auch bas neue Jahr an- man wirft alte Topf', Teller, Schüsseln

' Ein neues Jahr steht vor ber Tür, ein Jahr, das kaum leichter sein wird als das vergangene. Soviel, glauben wir, kann man bereits die nächste Zukunst übersehen. Daraus ober entsteht die Frage: Welche Ausgaben hat Deutschland im neuen Jahre zu er­füllen, um wieder zu Wohlstand und Zufriedenheit zu gelangen. Wir haben deshalb eine Umfrage bei führenden Parlamentariern über Deutschlands Aus­gaben im neuen Jahre veranstaltet. Die erteilten Antworten veröffentlichen wir in ber Reihenfolge, wie sie uns zugegangen finb. Dabei erklärte ber Vorsitzende des Vorstandes der Demokratischen Partei

Anion Erkelenz:

Es fommt alles darauf an, daß wir im Jahre 1926 nicht die Nerven verlieren. In der Sache haben mir schon Schlimmeres durchgemacht, als mir tm Jahre 1926 dtirchzumachen haben werden. Denn früher ging es weiter abwärts. Was sich jetzt zu

in den Zeiten des Ruhrkampses nicht glaubten, so sehr müssen wir sie mit Sorge betrachten.

Wenn es nun aber nicht gelingt, die deutsche In­dustrie wieder in ihrem Export ganz erheblich zu stärke», wie will man bann die Verpflichtungen aus dem Dawesplan erfüllen. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß ein Export von barem Gelbe von Reparationszahlungen mit bem Be stanbe der deutschen Währung nicht verträglich ist. Der Transfer-Agent wird daher gar nicht anders könne», als diese Tatsache zu bescheinigen. Dann aber kommt die große Frage, wie die Entente- floaten bas ihnen zustehenbe Gelb in Deutschland a n l e g e n wollen. Wenn bie beutsche Industrie an sich schon um ihren Bestand zu kämpfen hat. bann wirb es gar nicht möglich fein, bas betreffende Gelb in Deutschlanb noch roieber in neuen Ändn- ftrieanlagen zu verwenben. Auch mit Sachliesc r u n g c n wirb ber Ausweg nicht ohne weiteres zu finben fein, denn bamit mürbe tuicbcr die ein­heimische Industrie in Frankreich und England in entsprechendem Maße beschäftigungslos gemacht. Wir können nur hoffen, daß es einsichtigen Staats männern auf der Gegenseite möglich sein wird, hier einen Ausweg zu finden, der auch für die Deut­schen gangbar ist. In solcher Einsicht bestände eine wirklich brauchbare Rückwirkung des Geistes von Locarno!

Nun kommen aber zu diesen Schwierigkeiten auf ber Einnahmeseite bie weiteren Schwierig- teilen auf ber Ausgabeseite. Von ber Sozialdemo- kratie werben roeitgehenbe Forderungen s o zialpolitischer Art gestellt, und im Reicks tage ist immerhin eine Mehrheit oorhanben, bie weitgehenb entgegenkommen will. Außerdem melben die Beamte n weitgehende Ansprüche auf Ge­haltserhöhung an. Namentlich die letzteren sind sachlich ohne Zweifel begründet, denn die unteren Leamtenklasfen haben heute schwer zu ringen, wenn sie sich der Teuerung gegenüber behaupten wollen. Wo sotten aber die Mittel hergenommen wer­den, um solche Forderungen zu befriedigen. Die deutsche Wirtschaft ist heule schon mit Steuern über lastet, und diese Steuern satten zum großen Teile wieder verteuernd auf die Produktion. Es wird also nicht möglich fein, kurzerhand auf der einen Seite die 'Ausgaben zu erhöhen und bann ben (Etat burch eine ebenso einfache Erhöhung ber steuerlichen Ein­nahmen roieber in bas Gleichgewicht zu bringen. Möglich ist nur eine äußerste Anspannung ber Kräfte auf ber einen Seite, bazu aber eine tragbare Einschränkung auf der anderen Seite.

Zur Zeit machen sich diese ganzen Schwierig­keiten innenpolitisch dadurch bemerkbar, daß keine Partei die Verantwortung für die Regierung ber fommenben Zeilen tragen will! Daß wir auf diese Weise aber nicht roeilerkommen, liegt auf der Hand. Allerdings scheint es in Deutschland ge wissermaßen notwendig zu sein, daß zunächst ein großes Chaos yerbeigeführt wird. Wir wollen Höften, daß diesmal die Lösung möglichst schnell kommen möge, denn wir brauchen nichts dringender als eine feste Regierung. Was wir brauchen, ist eine nüch­terne Verhandlung unter ben Parteien über das tatsächlich Mögliche in ber inneren Politik."

Vom Zentrum äußerte sich

Reichsminifter a. D.

Johannes Giesberts.

Ob bas neue Jahr Deutschlanb endlich bie cp sehnte Ruhe unb ben Beginn des Aufstiegs bringen wird, hängt namentlich von der Gestaltung unserer innenpoltifchen Verhältnisse ab. Nie haben die deutschen palittschen Parteien grö­ßere unb veranlroortungsreichere Ausgaben zu losen gehabt, als es jetzt im kommenden Jahre der Fall sein wird. Ich erwähne dabei nur die Ordnung unserer Wirtschaft und die mit dem Eip tritt Deutschlands in den Völkerbund zusammenhängenden Probleme. Wer bie bisherigen politischen Koalitionen in Deutschlanb unb die dar­auf basierende Regierungsbildung unter dem Ge­sichtswinkel des verlorenen Krieges, der Revolution und der dadurch bedingten natürlichen Schwierig­keiten betrachtet, wird vieles entschuldige» können. Nunmehr aber ist die Zeit gekommen, wo sowohl in der inneren Politik als auch im Partei wesen und bei ben Regierungen Stabilität einsetzen muß, soll unser Volk das Vertrauen zum deutschen Volks- staat behalten und das Ausland endlich die Ueber- zeugung gewinne», daß die deutschen politischen Verhältnisse zukunftsreich finb. So kann ich nur ben Wunsch und bie Hoffnung aussprechen, daß im künf­tigen Jahre roieber Politik auf lange Sicht unb nach feften Grunbfätzen möglich wer ben wirb."

Was die Außenpolitik anbetrifft, so ist bie erste Pflicht ber Eintritt in ben Volker- bunb zu dem öcnlbar frühesten Termin. Dazu kommt dann bie Beteiligung an der '21 b r ü ft u n g s- f o n f c r e n 3, zu ber eben die Einladung in Berlin cingetroffen ist, unb ferner bie, Teilnahme an der i vom Völkerbund geplanten W i r t s ch a f t s k o ufe­re n z, die versuchen soll, einen gewissen Ausgleich zwischen den ökonomischen Interessen der euro­päischen Staaten zu finden. Dringend ist ber Ab- schluß von Handelsverträgen mit Frank­reich, Polen, Spanien usw. mit dem Zweck, die Exportmöglichketten unserer Industrie zu verbessern. Dabei werden sich die Schwierigkeiten heraus- stellen, die aus der Hochschutzzollpolitik erwachsen, und ihnen Rechnung tragenb, werben wir an die Vorbereitung eines Zolltarifs heranzutreten haben, ber im Gegensatz zu dem zur Zeit geltenden provisorischen der Verwirklichung freihändlerischer Grundsätze näherkommt und kurz gesagt der euro­päischen Zollunion den Weg freimachen hilft. Daß wir außerdem weiter in ber Richtung ber Befreiung ber besetzten Gebiete arbeiten müssen, versteht sich ebenso von selbst wie die Not­wendigkeit, an unserem Teile an der Hinein­beziehung Rußlands in das System der dem Frieden und ber Verständigung dienenden Verträge mitzuwirken.

Innenpolitisch jeheim mir besonders dring­lich die Ratifizierung des Washingtoner Abkommens über die Arbeitszeit und der Erlaß eines ent­sprechenden deutschen Gesetzes. Ebenso, erforderlich ist ein Gesetz über die Arbeitslosenver­sicherung und, solange es noch fehlt, eine Er­höhung der Erwerbslofenunterstützung. In dasselbe Kapitel gehört auch bie Verbesserung der Bezüge der Beamten, besonders der unteren Gehalts­klassen. Einer neuen Steuerreform, die auf die Lage der Wirtschaft und auf den Notstand der Arbeitnehmenden sowohl wie des kleinen Mittelstan­des Rücksicht nimmt, werden wir nicht entraten kön­nen. Der Preisabbau ist mit wirklichem Ernst in Angriff zu nehmen, eine bessere Kontrolle derKarte11e muh Platz greifen, unb es hat alles zu geschehe», um bie im Interesse ber Herabsetzung der Produktionskosten erforderliche Organisation der Industrie zu unterstützen. Unabweisbar ist eine R e - form der Iustiz und Rechtsprechung sowie der allgemeinen Verwaltung *m republikanischen Sinne. Nicht zuletzt auch die Abwehr der unerhörten Ansprüche der ehemaligen Fürstenhäuser.

Das wären so einige van den Ausgaben, die sich bem ersten Blick barbieten. Viele anborc werben sich ihnen anfügen. Die neue Regierung wird in ihrem Programm von ihnen reden müssen. Aber zunächst ist es erforderlich, diese neue Regierung zu bilden?'

Von der Wirtschastspartei führte Universitätsprofessor Dr. Bredt aus:Das neue Jahr wird uns vor außerordent­lich schwere Fragen stellen, und es fcheim, daß die vollen Auswirkungen des Weltkrieges überhaupt erst jetzt in die Erscheinung treten. In ganz Europa besteht eine Absatzkrise, unb fast jeder Staat leidet darunter, daß feine Produkte nicht tn der notroen- digen Weise nach außen verwertet werden können. In Deutschland wird das Prob'em der Arbeits­losigkeit vermutlich im Mittelpunkte des innen­politischen Interesses verstehen, und wir dürfen uns nicht verhehlen, daß hier noch vielleicht außerge­wöhnliche Maßnahmen notwendig sein werden. Die ganzen heutigen Handelsvertragsverhandlungen zeigen im Grunde nur das eine, daß die ganze Welt zuviel produziert, daß aber bie entsprechenbe Konsumkraft fehlt. Die Verhandlungen mit Frank­reich unb mit Polen schweben noch. Gerabe hier aber können noch weitere Komplikationen hinzu­kommen. In Frankreich und in Polen machen sich die Folgen des Krieges zwar später bemerkbar als in Deutschland, ober darum nicht weniger stark. Deutschland hat seine Inflation hinter sich, und heute kommt alles und jegliches darauf an, daß wir die neue Währung unter allen Umständen halten. Polen hat auch schon seine Inflation hinter sich, aber ber Zloty hält sich auch jetzt roieber nicht, unb bie neue Inflation, scheint in vollem Gange, wenn auch etwas onbers gestaltet. In Frankreich beginnt erst die Inflation. Schreitet aber die Geldentwer­tung in diesen beiden Landern weiter fort, dann entsteht für Deutschland die ungeheure Gefahr eines internationalen Dumpings. Wenn unsere Industrie neben ben allgemeinen Schwierigkeiten auch noch mit solcher Konkurrenz zu kämpfen hat, wie will sie sich bann auf bem Weltmärkte über­haupt noch behaupten. So sehr wir allo unseren alten Feinden bie Erfahrungen gönnen, die sie uns

heißt: wirtschaftlichere Gestaltung ferer Arbeit. Ersparnis, wo es geht, aber andererseits: Steigerung ber Kaufkraft ber Bevölkerung. Der Weg ist steil. Es gibt viele Pessimisten, bie glauben, wir können ihn

überhaupt nicht zurücklegen. Wir werben ihn zu­rücklegen. Dreiünbsechzig Millionen Menschen ster­ben nicht. Aus bem Gewirr der Ziffern in den Staatshaushalten, in ben Bilanzen, in ben Privat­haushalten usw. gibt es fast keinen Ausweg. Das Leben aber findet immer einen Ausweg. Wir wer­den unsere Last schleppen müßen unb dürfen nicht verzogen, und dann wird der Tag neuen Ausstiegs so sicher kommen, wie der Morgen dem Abend folgt."

Von der d e u t j d) n a t i o n a l e n Reichstags- ftaktion äußerte sich der Direktor des Pommerschen Landbundes

Johann-Georg von Dewitz:

*Ich sehe es zunächst als eine unabweislichc Aufgabe an, unsere Wirtschaft in Ordnung zu bringen. Man hat für die gegenwärtige Wirtschafts­krise den NamenReinigungskrise" gesunden. Wenn aber über dieserReinigungskrise" große Massen in Not unb Elend geraten, scheint der Zweck ber Nei- nigungskrise verfehlt, ihr Gewährenlassen gefährlich sogar für ben Staat. Das Erschwerend unserer Lage ist, daß über Parteien unb aufgeblähtem Re­gierungsapparat durchgreifend Maßnahmen immer langsam erst Platz greifen! Daher jetzt wieder der Ruf nach der Diktatur, der, und bas sollte zum Nachbenken anregen, immer bann kommt, wenn wir irgenbroelche Krisen burchmachen. Die wichtigste Grundlage, die der E r n ä h r u n g , wird ins Wan­ten kommen. In der Landwirtschaft sieht es böse aus. Die Landwirtschaft wird immer nur vom parteipolitischen Standpunkt aus angesehen und hat die undankbare Rolle, dem Volk das Brot geben zu sollen unb bafür Prügelknabe eines großen Teils des Volkes zu sein. In unserer politischen unb wirt­schaftlichen Lage scheint es mir einsichtiger und klü­ger, wenn auch ber Jnbustriearbeiter sie als ein Sorgenkind betrachtet, bas er um feiner selbst willen erhalten muß. Wenn über Haß unb Mißgunst der Parteien dann realer Schaden entsteht, ist es bei der langfristigen Wirtschaftsart ber Lanbwirtschaft schwer, Abhilfe zu schaffen. Eine beängstigend große Zahl von großen unb kleinen Betrieben ist illiquibe geworden, sogar Stillegungen von ^Betrieben fanden statt. Hier Hilfe zu bringen, liegt allerdings im dringendsten Interesse des Ver-