Ausgabe 
30.11.1925
 
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stört worden sein. Alle Telephon- und Tele- graphenverbindungen sind unterbrochen. Der ent­standene Sachschaden wird aus 475 Millionen Fran­ken geschätzt. Die Kälte ist sehr groß. Beinahe überall sind die Wege zu den französischen Posten unpassierbar, große Schwierigkeiten bestehen für die Versorgung der Lager und Vorposten. Die Rifleute beabsichtigen offenbar, die Offensive auf der ganzen Front wieder aufzunehmen. Verschiedene Posten sind bereits angegriffen worden.

Schwere Kämpfe in Syrien.

Jerusalem, 29. Nov. 3m südlichen Sy­rien sind außerordentlich schwere Kämpfe ausgcbrochen. Don Hermon bis Litani ist ein einziges Schlachtfeld. Französische Flugzeuge belegten alle von den Drusen besetzten Dörfern mit Bomben. Rsch.ja. das die Franzosen zurück­erobert hatten, erwies sich als unhaltbar und mußte am 26. November wieder aufgegeben wer­den. Said A t t r a sch, der Bruder des Sultans, erhrielt Dcrstärkungen vom Dschcbel-Drus.

Die KommunaUandtags- wablen in Preußen.

Frankfurt a. M., 29. Rov. Die Kommu­nallandtagswahlen waren schon vor dem Krieg ziem­lich unpopulär, weil man leider über die Aufgaben der Provinzial- und Kommunallandtage in weiten Kreisen immer noch im unklaren ist oder sie aus sonstigen Gründen nicht richtig einzuschätzen ver­mochte. Bei den Heringen kommunalen Wahlen zeigte sich das wiederum sehr deutlich. Dem Ergebnis wurde saft ohne jede Spannung engegengc- fehen, wie ja auch von einer Wahlpropaganda der einzelnen Parteien und Gruppen nicht die Rede sein kann. Am heutigen Sonntag gar tat auch der an­haltende Schneefall der Wahl einen weiteren Erheb­lichen Abbruch. Schon während des ganzen Sams- tagnachmittags wimmelte der Frankfurter Haupt­bahnhof von Winter fportlern jeder Art, die über Nacht in den Bergen bleiben wollten und heute, Sonntag früh, lange vor Wahlbeginn, noch viel mehr! Die gleiche Wahrnehmung wurde in den on- den Städten und Orten im Taunus, im Spessart und in der Rhön gemacht. Zehntausende Wähler haben so heute ihre Wahlpflicht dem Schneesport oder der Schneewanderfreude im glitzernden Weiß geopfert. Sintemalen im besetzten Gebiet augenblicklich das Interesse an der Räumung eines großen Teiles des Taunus, insbesondere Wiesbadens und Umgegend, durch die französische Besatzung bzw. Ankunft der Engländer, größer ist, als an den Provinzial- und Kommunallandtags- wahlen. So kam es, daß im besetzten Gebiet des Regierungsbezirks Wiesbaden, einschl. der Stadt Frankfurt a.M., die Wahlbeteili­gung nur 3 5 bis 40 Proz. betrug. Im un­besetzten Gebiet der Provinz Hessen-Nassau, im Re­gierungsbezirk Kassel war die Wahlbeteiligung wenigstens etwas besser: sie wird dort auf 45 bis 50 Proz. geschätzt, hat aber auch unter dem ersten Schneesportoergnügen während des Sonntags in diesem Jahre erheblich gelitten.

Regierungsbezirk Cassel

Hessen-Nassauische Arbeitsgemeinschaft Stadt I inü) Land 109103, Sozialdemvkraten 106 335, Zentrum 51 543, Demokraten 18 462, Kommunisten 22 234, Hmudweri und Gewerbe 10 737, Wirt- schaftspartei des deutschen Mittelstandes 8402, Bürgerliche Gerechtigkeitsvereinigung 510, All­gemeiner Wirtschaftsbund für Steuerabbau und Sparmaßnahmen 361. Da der Wahlbezirk Kreis I Grafschaft Schaumburg noch aus steht, läÄ sich die Anzahl der entfallenden Sitze noch nicht berechnen.

Kassel-Stadt.

Hess-Nass. Arbeitsgemeinschaft 18 979, Soz. 23 527, Zentr. 2698, Dem. 4965^ Komm. 3380, Handwerk und Gewerbe 1168, Wirtschaftspariei 1220, Zusammen 55 937. Wahlberechtigt« 117 243.

Kreis Kassel-Land.

Hessen-Nalsauische Arbeitsgemeinschaft 6232. SPD. 12 442, Zentrum 237, Demokraten 1986, Kommunisten 1995. Handwerk und Gewerbe 426, Wirtschaftspartei 331.

Kreis Marburg-Kirchhain.

Arbeitsgemeinschaft 9952, Soz. 3772, Zentr. I 5206, Dem. 1696, Komm. 497, Handwerk und Gewerbe 2018, Wirtschaftspartei 470.

Kreis Fulda.

Hess.-Nafs. Arbeitsgemeinschaft 597, Soz. 691, Zentr. (Liste 3) 3649, Zentr. (Liste 3b) 997, Dem. 268, Komm. 159, Handwerk und Gewerbe 96, Wirtschaftspartei 302.

Regierungsbezirk Wiesbaden.

Sozialdemokraten 93 940 (16 Sitze), Zentrum 69 288 (12). Deutsche Bolkspartei 19 175 (3), Deutschnationale Bolkspartei 16 547 (3), Kom­munisten 19 556 (4), Arbeitnehmergruppe 6921 (1), Demokraten 16 736 (3), Hessen-Nassauische Ar­beitsgemeinschaft 43 993 (8), Deutsche Wirtschafts- | Partei 14 724 (3).

Frankfurt am Main.

Sozialdemokraten 37 958, Zentrum 14 213, 1 Deutschnationale 13 057, Deutsche Bolkspartei 9967, Kommunisten 8821, Demokraten 6340, Wirt- schaftspartei 6431, Arbeitnehmerliste 3104. An­abhängige Soz. 434, Mieterschuhverband 274, Gesamtzahl der abgegebenen Stimmen 101 099.

Kreis Limburg.

Sozialdemokraten 2493, Zentrum 6585, Kreis­arbeiterschaft 1328, Demokraten 532, Handwerker 2236. Kreisbauernschaft 2453. Deutschnationale u. Deutsche Bolkspartei (vereinigt) 759.

Dillkreis.

Soz. 1846, Kommunisten 125, Arbeitnehmer- gruppe 179, Demokraten 579, Arbeitsgemeinschaft 5094. Wohnungsuchende 72, Sozialistische Arbeit- nchmergruppe 853, Anabhängige 52. Wil-tschafts- partei 391. Wahlberechtigt 34 057. gewählt 9191.

Kreis Biedenkopf.

Soz. 4234, Komm. 114. Arbeitnehmer 144, Dem. 242, Taunus-Westerwald und Lahngruppe 326, Wohnungssuchende 65, A. S. P. 61, Wirt» schaftspartei 1068.

Wetz'ar.

3 Wetzlar, 30. Nov. (Eigener Drahtbericht des Gieß. Anz.) Bei dm gestrigen Wahlen er­gab sich felgendes Resultat: K r e i s t a g s w a h l: Zentrum 555, Sozialdemokratie 9577, Demokraten 1918, Kommunisten 736, Bereinigte Arbeitsge­meinschaft Stadt und Land (Deutsche Bolkspartei, Deutschnatl. Dg., Bauernbund) 9616. zersplittert 160 Stimmen. Voraussichtlich erhalten Man­date: Bereinigte Arbeitsgemeinschaft Stadt und Land 12. Sozialdemokraten 11, Demokraten 2

Zentrum 1, Kommunisten 1. Die Wahlbeteiligung bezifferte sich auf etwa 50 Prozent. §ür die Provinziallandtagswahl wurden ab­gegeben: Zentrum 501, Sozialdemokratie 9513, Deutsche Bolkspartei 5288, Deutschnatl. Bolksp. 4863, Demokraten 1293, Kommunisten 715, zer­splitterte 420 Stimmen.

Der Fall Schillings.

DerFall Schillings" ist ja eigentlich eine Angelegenheit, die in der Zeitung mehr unter dem Strich zu behandeln ist, denn die Frage, welche künstlerische Persönlichkeit an der Spitze der Berliner Staatsoper steht, hat wohl mit Politik nichts zu tun. Die Art aber, wie man einen Künstler von Weltruf von dem Berliner Intendantenposten verdrängt, wie er in klein­lichster Art jahrelang schimmert und verärgert worden ist, bis ihm die Sache schließlich doch zu dumm wurde, und daß nicht etwa er ging, son­dern ihm der Stuhl vor die T ü r g e s e tz t wurde, hat doch einen starken politischen Ein­schlag, der auch noch Folgen in der preußischen Leitung haben dürfte. Merkwürdig genug, daß in einem demokratisch geleiteten Kultusministe­rium derartige Fälle überhaupt möglich sind: wobei wir nicht so sehr den Minister selbst ver­antwortlich machen. Herr Professor B e ck er ist jedoch zweifellos von seinen Neserenten und anderen Politikastern, d ie in diese Clique hineingehören, mißbraucht worden. Sie haben nun eine ganze Anklageliste gegen Herrn v. Schillings zusammengestellt, auf der aber auch nicht ein einziger stichhaltiger Punkt ist. Im Gegenteil, es steht fest, daß noch vor einem Jahr unter dem Kultusminister B o e l i tz Herrn v. Schillings in bcu schmeichelhaftesten Formen sein Vertrag verlängert worden ist. Der Intendant der Staatsschauspiele, Professor I e fi­ne r. hat nicht ganz Anrecht, wenn er behauptet, daß nicht einmal ein Dienstmädchen 'sich behandeln zu lassen brauchte, wie Herr v. Schillings Ge­handelt worden ist. And das in einem Mimste- rium, das seinem Zweck nach der Kunst und der Wissenschaft dienen soll! Immerhin erfreulich, daß sich von den Sozialdemokraten bis zu den Deutschnationalen, ohne Rücksicht auf die partei­politische Bindung der Negierung, eine Ein­heitsfront gebildet hat, die sich gegen der­artige Methoden wendet, die hoffentlich auch start genug sein wird, die Bürokraten zur Strecke zu bringen, die hier hinter den Kulissen ein häßliches Intrigenspiel auf Kosten der Kunst glauben treiben zu dürfen.

Die B ü h n e n g e n o f s e n s ch a s t veranstal- stete am Sonntag in der Wandelhalle desNeichs- tags ihren alljährlichen Wohltätigkeitstee. Er gestaltete sich zu einer st a r k e p d e m o n st r a - tiven Ovation der Berliner Gesell­schaft süt den entlassenen Intendanten Max j von Schillings, in dessen Händen die musi­kalische Leitung lag.

Warnung vor dem Studium der Medizin.

Der preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung toarni in der .Wohl­fahrts-Korrespondenz" eindringlich vor dem Me­dizinstudium:Daß der Aerztestand bereits vor dem Weltkriege in Deutschland übebfüllt war, ist bekannt. Während des Krieges mußte eine große Zahl von jungen Medizinern, um dem Heeresbedarf zu genügen, notapprobiert werden, ohne die Voraussetzungen für die Erlangung der Approbation in vollem Amfange erfüllt zu haben. Anderen Medizinern wurde gestattet, nach einer abgekürzten Ausbildungszeit die ärztliche Prü­fung abzulegen. Nach dem Kriege kehrten zahl­reiche deutsche Aerzte aus dem Aus lande, den Kolonien, den abgetreteinen Gebieten und dem be­setzten Gebiete nach Deutschland zurück. Viele deutsch stämmige Mediziner aus den Nandstaatrn wandten sich den deutschen Ländern zu. Eine größere Anzahl von früheren Offizieren ergriff das ärztliche Studium. So ist es zu erklären, daß das neue Deutschland, um etwa sechs Mil­lionen Einwohner verkleinert, eine weit grö­ßere Zahl von Aerzten aufweist als das alle Deutsche Neich. Es kommt hinzu, daß durch die große Verarmung des neuen Deutschland, be­sonders des zum großen Teil in die Sozialver­sicherung aufgenommenen Mittelstandes, der früher zu den treuesten Privatkunden der Aerzte zählte, die ärztliche Privatpraxis ganz erheblich zurückgegangen ist. Die Haupt­einnahmen fließen dem Aerztestande von den Trägern der Sozialversicherungen zu: von den Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und Landes­versicherungsanstalten. Aber auch deren Mittel sind durch Krieg und Nachkriegszeit, namentlich durch die Zeit der Inflation, geschwunden. Die Zahl der Erkrankungen bei den Versicherten ist andererseits infolge der Anterernährung und der Herabsetzung der Widerstandsfähigkeit der Be­völkerung erheblich gestiegen. Die Leistungs­fähigkeit der Versicherungsträger den Aerzten gegenüber ist daher jetzt kaum noch zu steigern. Dabei ist die ärztliche Ausbildun g mit ihren zahlreichen Pflichtvorlesungen und ihrer sechs­jährigen Dauer die teuer st e unter allen akademischen Berufen, während die Aus­sichten für die jungen Aerzte tur Zeit die denkbar schlechtesten sind. So kann nicht dringend genug von dem Studium der Medizin für die nächsten Iahre abgeraten werden."

Die Verhältnisse liegen für weibliche Aerzte durchaus nicht wie gelegentlich ganz zu Anrecht behauptet wird - günstiger. Aus- bildungszrit und -kosten, Aufwand für Nieder­lassung und Einrichtung sind die gleichen. Die Betätigungs- und Erwerbsmöglichkeiten unter­scheiden sich in nichts von denen der Aerzte: auch die Zulassung zur kassenärztlichen Tätig­keit unterliegt genau den gleichen Einschränkun­gen. Offenbar ist in der Oessentlichkeit auch noch nicht hinreichend bekannt, daß das medizinische Studium durch eine bevorstehende Aenberung I der Prüfungsordnung demnächst von 10 Semestern auf 11 Semester erweitert werden wird.

Neue Rerfeprüsungs- bestimmungen in Preutzen.

Berlin, 28. Nov. (WTB. Amtlich.) Mit der Neform des Höheren Schulwesens in Preußen im engsten Zusammenhänge steht die Neu­ordnung der Neifeprüfung. Die dafür geltenden Grundsätze werden aber erst Ostern 1927 in Kraft treten können Für die Reife- prüfungen zu Ostern und Michaelis 1926 find jedoch Aebergangsbe st immun gen not­wendig, die soeben vom Ministerium für Wissen­

schaft, Kunst und Volksbildung veröffentlicht werden. Wichtig ist zunächst die Festsetzung, daß an allen Schulen nur noch vier schrift­liche Prüfungen geschrieben werden. Dar­unter befindet sich immer deutscher Aufsatz und eine mathematische Arbeit. Die bei­den anderen werden aus den charakteristischen Fächern gewählt. Bei den verschiedenen Schul­gattungen hat der Prüfling das Recht, sich in der schriftlichen Prüfung unter zwei oder drei Fächern das Fach zu wählen, in dem er geprüft werden will. Beim deutschen Aufsatz soll er die Möglichkeit haben, sich aus den Themen eines auszusuchen. Auch der Kreis der Hilfsmittel, die der Schüler bei schrift­lichen Arbeiten benutzen darf, ist weiter als bis­her gezogen. Schließlich sollen auch die schwä­cheren Schüler Gelegenheit haben, sich in der mündlichen Prüfung auszuzeichnen, selbst, wenn sie in den schriftlichen Arbeiten nicht alle Erwartungen erfüllt haben.

Kleine politische Nachrichten.

Die Stadtverwaltung von Boim erhielt aus Berlin die Mitteilung, daß Reichspräsi­dent Hindenburg nach Räumung der ersten Zone der Stadt Bonn einen Besuch abstatten wird.

Der KreuzerBerlin" ist am 27. No­vember 1925 in Valparaiso (Chile) einge­troffen. Er wird dann am 4. Dezember feine Reise nach Taleahuamo (Chile) fortsehen.

Es verlaute, daß der diesjährige Frie­densnobelpreis dem amerikanischen Vize­präsidenten Dawes verliehen werden soll.

Aus aller Welt.

Ministerbesttch auf der Deutschen Lltttomoditansstellttttg.

Sonntag mittag besuchten Reichsminister Dr. Gehler uni) ReichsarbeitsministerDr.D rau ns die Deutsche Automobilausstellung. Besonderes Interesse zeigten sie für die Ausstellung der Lastkraftwagen, die gerade für ihre Ressorts von besonderer Bedeutung sind. Die Minister drückten den Herren der Ausstellungsleitung, die sie empfangen und geführt hatten, ihre vollste Anerkennung aus.

Die Ausstellung hatte am Sonntag einen der­artigen Massenandrang zu verzeichnen, daß der Kartenverkauf wiederholt gesperrt toerben muhte. Bis gegen Abend hatten gegen 60 000 Be­sucher die Kassen passiert.

(Eröffnung der weslfalenhalle.

In Dortmund wurde die Westfalenyalle, die größte in Holz konstruierte Halle Europas mit einem Fassungsvermögen von 12 000 Personen, feierlich eröffnet. Es war ein prachtvolles Bild, als 2200 Turner und Sportler, die im Innen­raum aufmarschiert waren, Freiübungen und alle Sportarten vorführten. Im Anschluß an einige von 200 Sängern des Dortmunder Männergefang- vereins vorgetragene Lieder hielt Oberbürger­meister Dr. E i ch h o f f die Weihrede. Die Dar­bietungen des Volkschors schlossen die eindrucks­volle Feier ab. Auf der den Innenraum um­zäunenden 200 Meter langen Radrennbahn bestritten Amateure ein Punktefahren. Am Sonn­tag fanden die ersten internationalen Wett­rennen statt, die eine gute Besetzung auf wiesen. Ende Februar soll das erste Dortmunder Sechs­tagerennen vonstatten gehen.

Dom Regen in die Traufe.

Donnerstag nachmittag meldete sich bei der Mailänder Polizeidirektion ein ge­wisser Charles Dobrzyns ki aus Lodz in Polen, der in Antwerpen wohnhaft ist. Er gab an, daß ihm auf der Strecke BaselMailand im Zuge ein Portefeuille mit 5000 Gold­gulden Inhalt und eine Anzahl kleiner Brillanten im Gesamtwerte von 50000 Gul­den abhanden gekommen sei. Er glaubt, daß er während der Reise narkotisiert wurde. Da der Bestohlene den Verdacht aus­sprach, der Diebstahl sei auf der Strecke Chiasso Mailand erfolgt, wurde er zunächst von der Polizei zu einer Geldstrafe von 200 000 Lire verurteilt, da er den italienischen Zoll­behörden die Brillanten nicht ange­geben hatte.

Blinde Passagiere.

Beamte der Einivandrrungsbehörde in Hono­lulu entdeckten im Schiffsraum eines großen Pas­sagierdampfers 11 Chinesen, die s i ch t o t ft e 11- t c n. Ieder von ihnen lag in seinem eignen Sarg. Nahrung und Gepäck neben sich. Sämt­liche Chinesen und einige Mann der Besatzung wurden verhafte!. Die Beamten glauben, daß es sich um eine ausgedehnte Verschwörung handelt, um Fremde vom Osten nach San Franzisko einzufchmuggeln.

Schwere Zugentgleisungen.

Aus Atlante (Pennshlvanien) wird ge­meldet, daß zwei Güterzüge, die in halbstündi­gem Abstande in derselben Richttmg fuhren, in der Nähe der Stadt an derselben Stelle entgleisten. Drei Personen des ersten Zuges und zwei Personen des zweiten Zuges wurden aus der Stelle getötet. Außerdem werden drei Schwerverletzte und beträchtlicher Sachscha­den gemeldet.

Schwerer AnMck^ail.

Der 46jährige Mühlenoesitzer Anton Bau­mann von der bekannten Mühle, die am Wege von Sommerau nach Hobbach (Spessart) liegt, kam auf tragische Weife ums Leben. Er wollte einige Teile des Räderwerkes e i n ö l e n , dabei wurden seine Kleider von einer Walze erfaßt, er selbst hineingezogen und t o t g e q n e t scht. Auf einen Schrei eil le seine Frau herbei, die die Mühle abstellte und ihren Mann blutüberströmt tot vorfand.

r "a v Ci O ' fl*? C.

Nach anfänglicher Aufklärung wieder zu­nehmend bedeckt, meist westliche Winde, vorüber­gehend etwas milder, dann wieder kälter, Neigung zu Niederschlägen.

Das Bild der Wetterlage hat sich feit gestern nur wenig geändert. Die Reihe her vorübergehenden Tiefdruckgebiete ist noch nicht abgeschlossen .

Gestrige Tagestemperaturen: Maxnnu.n. Mi­nus 0,4 Grad C., Minimum minus 6,8 Grad C., Niederschläge 4,6 Millimeter. Heutige Morgen­temperatur Minus 3,1 Grad E.

Aus der ProvinzialhauptstM.

Gießen, den 30. November 1925.

Was muh man von der Tuberkulose wissen?

Von Dr. Sell, Eleonorenheilftätte.

Wissen mutz man zunächst- und für alle Zeiten, daß jeder, der sagt:Tuberkulose ? Das geht mich doch nichts an", sich das Zeugnis der Unwissenheit ausstellt. Denn die Tuberkulose ist die alleraerbrei- tetst^ Volks krank hei t; es gibt in unseren Kulturvölkern keine Familie, in der sie nicht uorg> kommen wäre. Es gibt, besonders in den Städten, fast keinen Menschen, der beim Austritt aus dem Kindesalter nicht von ihr an gesteckt wäre. Wenn jemand sagt:Davon weiß ich nichts, davon merkt man doch nichts", so glaube ich das. Denn die Tuber­kulose istdie Krankheit der Unwissenheit". Ihre Gefährlichkeit beruht gerade auf ihrer Heimlich tuerei. Sie ist ansteckend, aber sie unterscheidet sich von den bekannten ansteckenden Krankheiten, wie Scharlach, Diphtherie, Typhus uswT-dadurch, daß sie den Angesteckten nicht gleich krank macht, sondern erst nach Jahren. Sie unterscheidet sich von ihnen dadtirch, daß die Ansteckung nicht irgendwann ein- mal stattfindet, sondern bei unzähligen Menschen täg­lich. Die Ansteckung geht aus von lungenkranken Menschen, die ohne jede Vorsichtsmaßregel husten und ausspucken, von eiternden Drüsen und Knochen­fraßwunden, auch anderen tuberkulös erkrankten Körperteilen. Selbst von Tieren, die anPerl­sucht" erkrankt sind, kann sie auf den Menschen übergehen.

In unserem kleinen Hessenlande sind im Jahre 1921 2064 Menschen an Tuberkulose gestorben, im Jahre 1922 2017, im Jahre 1923 1980, im Jahre. 1924 1626, das sind viel mehr, als an allen an­deren ansteckenden Krankheiten zusammen gestor­ben sind. Man sieht also, daß die Tuberkulose keine harmlose Krankheit ist, sondern den Menschen nach dem Leben trachtet, allen Menschen muß man sagen, denn alle sind angesteckt und Unzählige werden jeden Tag von irgendeinem ahnungslosen Kranken mit sorglos verstreuten Krankheitskeimeu (Bazillen) neu angefteeft. Daher kommt die große Sterblichkeit. Was hierbei besonders zu beklagen ist, das ist die Heimtücke der Tuberkulose, die dem Befallenen gar niHt das Gefühl des Krankseins macht, die den Betroffenen nicht in wenigen Tagen ober Wochen ums Leben bringt, sondern erst in 4 oder 5 Jahren.

Wer dieseGalgenfrist" benutzt, um sich gegen die Krankheit mit aller Kraft, mit Wissen und Gewissenhaftigkeit zu wehren, der kann verhältnismäßig leicht dem frühen Tode entgehen. Einem frühen Tode sage ich mit Absicht. Denn das ist gerade das Furchtbare an der Tuberkulose, daß sie die Menschen in der Blüte des Lebens dahinrafft. Unendliches Leid bringt sie so über elternlos ge­wordene Kinder, über Eltern, die ihre Lieblinge im schönsten Lebensalter ins Grab betten müssen. Un­endliche Summen Geldes kostet der lahrelange Kamps um Erhaltung der bedrohten Leben, un­endliche Summen müssen Gemeinde und Staat für Armenlasten ausgeben.

Man höre noch eine Lehre derStatistik", das ist die Zählung der Verstorbenen. Immer wieder er­gibt sich daraus, daß das weibliche Geschlecht der Tuberkulose weniger Widerstand entgegensetzen kann, als das männliche. Wenn man feststellt, wie viel Männer und wie viel Mädchen und Frauen im jugendlichen Alter zu Grabe getragen werden, so find es meistens etwas mehr Männer als Frauen: wenn man aber feststellt, wie viele von diesen an der Lungentuberkulose zu deutsch Schwindsucht gestorben sind, so findet man viel mehr weibliche dabei: ja in manchen Jahren sind es doppelt so viel weibliche Opfer als männliche. Man überdenke das einmal.

Was kann da die Ursache fein? Ist das weib­liche Geschlecht wirklich das schwächere? Ach nein. Die Sache liegt so, daß jeder durch schädliche Ge­wohnheiten der Tuberkulose in die Hand arbeitet. Und die Frauen machen bei uns noch mehr Feh­ler in gesundheitlicher Hinsicht als die Männer. Alles, was den Körper schwächt und seine natür­liche widernatürliche Widerstandskraft herabgesetzt, begünstigt den Ausbruch, beschleunigt den Verlaus und behindert die Heilung der Tuberkulose.

Den Ausbruch könnte man verhüten, die täg­liche Ansteckung müßte ein aufgeklärtes Volk ver­hüten, wenn keiner mehr ohne Vorsichtsmaßregeln husten ober ausspucken wollte. Das wäre doch kin­derleicht. Aber aufgeklärt und gewissenhaft sind in diesem Punkte die wenigsten Menschen.

Wer läßt seine Taschenuhr beim Grobschmied reparieren ? Gewiß Feiner. Aber mit seinem einzigen wahren Gute, der Gesundheit, geht mancher zum Kurpfuscher oder sucht sich mit einem Tee zu helfen, der irgendwo angezsigt ist. Die heutigen Aerzte ver­stehen die Krankheit' früh zu erkennen, sie ver­fügen auch über eine große Zahl nützlicher Mittel: aber was dem einen nützt, ist darum noch nicht gut für den anderen. Deshalb muß jede verdächtige Schwächeerscheinung jeden Vernünftigen zu einem wissenschaftlich gebildeten Arzte treiben. Und er muß dem Arzte folgen und nicht auf den Schwindel her- einfallen, der sich in unzähligen Ankündigungen den' Menschen aufdrängt.

Wahre Aufklärung üßer die Tuberkulose wird im Laufe der nächsten Wochen in mehreren Orten des Kreises Gießen durch Lichtbildervorträge ge­boten werden. Da darf feiner fehlen, der für p und seine Familie die Kenntnisse gewinnen will, wie man die Tuberkulose vermeidet, wie man ihr vorbeugt, wie man ihr aber auch Vorschub leistet. Jedermann ift bedroh!: die wahrhaft Aufgeklärten werden da sein und bei scharfer Aufmerksamkeit einen wertvollen Schah von Kenntnissen mit heim nehmen.

--- Tageskalender für Montag. Eeiverkschaftsbund der Angestellten 8 AbrHotel Hopfeld" Molmtsversammlung. - Lichtspielhaus Bahnhofstr.:Töchter b?r Wüste". - Astoria- Lichtsviele. Seltersweg: ..Der Sprung ins Leben".

A n s dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Im morgigen Sienstagabonnemcnt, wird Ibsens SchauspielB a u m e i ft e r S o l n e ß" zum erstenmal in Gießen mit eigenem Personal gc geben. Das Werk ist früher nur einmal mit einem Gastierenden zur Aufführung gelangt. Di« Einstu­dierung der Aufführung liegt in den Händen vo» Herrn Oberregisseiir T e l e k y , die beiden Haupt' rollen, des Baumeisters und der Hüde Wangel. wer­den von Herrn G e f f e r s und Fräulein K roh- yt e r gegeben. Es sei ausdrücklich darauf hinge- wiesen, daß in der Wochenanzeige des ..Gießener Anzeigers" (Nummer vom Samstag. 28. Nov.) ver­sehentlich fürsMittwoch. ?. Dez., eine Aufführung von Heimliche Lrautfahrt" statt der tatsächlich stattsin- denden Aufführung nonD e n Teufel d u r