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Nr. 280 Erster Erscheint täglich,auster Sonntags und Feiertags.
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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
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Montag, 30. November 1925
175. Jahrgang
Blatt
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche Univerfitäts-Vuch- und Stemöruderet R. Lange in Sietzen. Zchriftlettung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7.
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Chefredakteur: Dr. Friedr. Wilh. Lange.
Verantwortlich: für Politik und Feuilleton Dr. Friedr. Wilh. Gange; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An» zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen.
Harte Jetten.
Qlad>gerat>e haben wir uns daran gewöhnt, das; uns von Berufenen und Unberufenen jedesmal im Herbst ein harter Winter vorausgesagt wird. Das ist auch diesmal der Fall, wobei dje eifrigen Wahrsager nicht versäumen, auf untrügliche Tatsachen und Ziffern zu verweisen. Wir wollen den Ernst und die Bedeutung dieser Ziffern nicht verkennen, die von wachsender Arbeitslosigkeit, von der Kapitalsund Kreditnvt der gesamten Wirtschaft berichten. Auch die ausländische Presse beginnt aufmerksam zu werden. Sie lügt und schwindelt nicht mehr so viel über die innerdeutschen Verhältnisse zusammen, wie es seiner Zeit mit unerreichter Meisterschaft Poincarä im «Martin" getan hat. Wer die Veröffentlichungen des Reichsfinanzministeriums über die Steuer- und Zolleinnahmen des Reiches nachprüft, der mutz zugeben, daß das deutsche Volk eine Steuerlast trägt, wie sie im Verhältnis zum Volkseinkommen und zum Volksvermögen reinem anderen Volke auferlegt ist. Was das Ausland nicht weis; oder nicht genügend würdigt, das ist, daß diese Steuerlast in der Hauptsache nur durch das Selbstopfer der Wirtschaft möglich ist. Dafür sieht das Ausland andere Dinge um so schärfer, für die uns im Inland das Augenmaß und offenbar auch jedes Verständnis fehlen.
Dazu gehört zum Beispiel, daß das Land Preußen fast mühelos Millionen flüssig zu machen weiß, uni in die Wirtschaft einzudringen. Es sei nur an die Beteiligung bei den Rheinisch- Westfälischen Elektrizitätswerken erinnert, in deren Verwaltung sich die preußische Regierung durch den Ankauf eines Aktienpaketes entscheidenden Einfluß gesichert hat. Und dieser Einfluß soll noch weiter ausgedehnt werden, da ein in Reuyork aufgenommener Kredit von 42 Mill. Mark dazu bestimmt ist, Kohlenzechen im Ruhrgebiet aufzukaufen. Preußen scheint auch dafür reichlich Geld zu haben, sich anderer großer Konzerne zu bemächtigen, angeblich deshalb, um die nationalen Interessen zu wahren. Eine Kleinigkeit wird bei dieser horizontalen Konzentration übersehen: der Versailler Vertrag bestimmt noch immer, daß das Reich und die Länder mit ihrem gesamten Vermögen für die Erfüllung der Verpflichtungen haften. Preußen ist einstweilen dabei, sein Staatsoermögen gewaltig zu vergrößern, denn es beteiligt sich an Elektrizitätswer- ken. an Filmfabriken, an Kohlen» und Erzgruben. Das wäre alles in Ordnung, wenn die Mittel für diese Beteiligungen nicht zuvor der Wirtschaft in Form von Steuern und Gebühren rücksichtslos entzogen worden wären
Dieser Mangel an Verständnis ist es, der Grauen erregen muß. Als Volk sind wir durch die Kriegs- und Rachkriegsjahrr so gestählt, datz wir den harten Zeiten, die sicher noch kommen, mit dem ebenso harten und unbeugsamen Willen gegenüberstehen, sie zu überwinden. Feige Gedanken sollen uns nicht beugen. Aber die Energie eines Volkes kann noch so groß sein, sie vermag sich nur dann durchzusehen, wenn die Anwendung auch die Kraft der Widerstände einigermaßen zuverlässig berechnet. Dom Reich und von den Ländern muh erwartet werden, datz sie Verständnis fiir die Wirtschaft und ihre Sorgen aufbringen. Es geht nicht an, auf der einen Seite die Wirtschaft finanziell zur Ader zu lassen, um sie auf der anderen Seite mit dem Ertrag dieser Schröpfung zu enteignen. Wenn die öffentliche Hand über Mittel verfügt, dann ist es ihre Pflicht, diese unverzüglich der Wirtschaft zur Verfügung zu stellen. Wir wissen heute noch nicht, wie lange die Wirtschaft dem außerordentlichen Steuerdruck gewachsen ist. Dies gilt um so mehr, weil sich auch die Mittel und Wege, deren sich die Steuer- und Finanzpolitik künftig bedienen wird, nicht übersehen lassen. So wird die Senkung der Lohnsteuer geplant, wogegen nichts einzuwenden ist, wenn feststeht, wo der Ausgleich für den doch unvermeidlichen Ausfall zu finden ist. Die Wirtschaft, die ohne Gewinn arbeitet, läßt sich nicht weiter belasten; jeder Versuch nach dieser Richtung mühte die Konkursziffern unheimlich an- schwellen lassen. Ein Gräberseld darf die Wirtschaft nicht werden, weil sonst der ganze Produk- tionsapparat Gefahr läuft.
Die Länder müssen versuchen, Arbeit zu beschaffen, wozu sie doch fähig sein müssen, wenn sie Produktionsmittel in erheblichem ilm= fang auskaufen können. Es wäre zweckmäßiger gewesen, hätte Preußen Mittel für den Ausbau von Automobilstraßen zur Verfügung gestellt, anstatt große Werke unter Ausnutzung der finanziellen Rotlage an sich zu bringen. Was die Länder nicht können, das muß das Reich leisten. Der flute Wille mag da sein, aber das parteipolitische Durcheinander droht alles wieder zu verderben. In England hat die Regierung den größten Wirtschaftsgruppen, d e am schärfsten unter der Krise leiden, erhebliche Erleichterungen verschafft. So erhält der Bergbau Zuschüsse, ohne die er nicht hätte durchhalten können. Die Ausfuhrindustrie wird durch die Gewährung von umfangreichen Krediten begünstigt und gestützt, ein Verfahren, dem sich auch Deutschland nicht länger entziehen kann. Wir werden in Deutschland mit den harten Zeiten fertig, auch mit dem Wettbewerb des A slandcs. Aber schlimmer als beide sind die Demagogen im Inland, die dem Volk vor- gaukeln, daß sich der Wiederaufstieg durch Gesetze, und nicht durch harte Arbeit und leider auch Entbehrungen erreichen lasse.
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Vor der Unterzeichnung in London.
Das Locarno-Gesetz.
Die Unterzeichnung
durch den Reichspräsidenten.
Berlin. 28. Rov. Amtlich. Rach-
dem der Reichsrat heule nachmillag mit 49 gegen 15 Stimmen beschlossen hat, auf den Einspruch gegen das Gesetz über die Verträge von Locarno und den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu verzichten, hak der Reichspräsident heule abend das vorn Reichskanzler Dr. Luther und dem Reichsaußenminisler Dr. S l r e s e m a n n gegengezeichnele Gesetz ausgesertigt. Das Gesetz wird demgemäß mit Datum vom 28. 11. in dem am 30. d' Rlls. erscheinenden Reichsgesehblalt verkündet.
Der Beschluß des Reichsrats.
Rachdem der Reichstag dem Locarnogesetz mit einfacher Mehrheit zugestimmt hat, hoben sich in der Samstagsihung des Reichsrats, die sich mit diesem Gesetz beschäftigte, drei Fragen heraus:
1. ob das Gesetz verfassungsändernd sei,
2. ob die neueren Vorkommnisse in Trier und anderen Gegenden der Rheinprovinz, wo allem Anschein nach die Lasten der Besatzung vergrößert sind, zum Einspruch gegen das Gesetz Veranlassung geben, und
3. ob daher vom Plenum des Reichsrates Einspruch zu erheben sei. Die erste und dritte Frage wurden gemäß den Beschlüssen der Deichsratsausschüsse mit 49 gegen 15 Stimmen verneint, wobei sich die Minderheit aus den Vertretern von Ostpreußen, Brandenburg, Pommern, Riederschlesien, Bayern und Mecklenburg- Schwerin zusammensehen. Der Vertreter von Hessen-Rassau war zu der Sitzung nicht erschienen. Zur zweiten Frage wurde von Regierungsseite erklärt, daß wegen des Falles von Trier sofort mit der französischen Regierung in Verbindung getreten worden sei. Die französische Regierung habe zugesagt, sich sofort mit den zuständigen Befehlshabern in Verbindung zu sehen, und überdies erklärt, daß sie unbedingt an ihren Zusagen festhal- ten würde, die Besatzung, im Rheinlands im allgemeinen zu verringern. Für Bayern hatte der Gesandte von Prager erklärt, daß nach Auffassung seiner Regierung die Vorlage verfassungsändernden Charakter habe. Rachdem das Gesetz im Reichstage nur mit einfacher Mehrheit angenommen sei, halte die Bayerische Regierung einen gültigen Beschluß des Reichsrates nicht für gegeben und beantrage, um diesen Beschluß aus der Welt zu schaffen, Sin« spru ch zu erheben. Mecklenburg-Schwerin schloß sich dieser Erklärung Bayerns an. Der Reichsrat beschloß schließlich mit der obengenannten Mehrheit von der Locamovorlage Kenntnis zu nehmen, ohne Einspruch zu erheben.
Die Abfahrt der deutschen Delegation.
Berlin, 30. Rov. (£11.) Die deutsche Delegation zur Unterzeichnung der Locarno-Derträge hat sich gestern abend 8,30 Uhr über Ostende nach London begeben. Die Delegation besteht aus dem Reichskanzler Dr. Luther, dem Reichsaußenminister Dr. Stresemann, dem Staatssekretär in der Reichskanzlei Dr. Kemp- ner und dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts v. Schubert. Ferner reisten mit den Ministern nach London Oberregierungsrai von Stockhausen aus der Reichskanzlei, der Sekretär des Reichsaußenministers Bernhard und die Legationssekretäre Redet Hammer und Dr. Strom sowie technisches Personal. Auf dem Lehrter Bahnhof hatte sich zum Abschied eine große Anzahl Herren der verschiedenen Reichsbehörden und der auswärtigen Vertretungen eingefunden. Man sah den Reichswehrminister Dr. G e ß l e r, den Vizepräsidenten des Polizeipräsidiums Friedensburg, vom Auswärtigen Amt den Ministerialdirektor Dr. Gaus, den Reichspressechef Dr. K i e p, Ministerialdirektor Köpke, die Geheimräte v. D i r k s e n und ©aller, ferner den Kommandeur der Schutzpolizei Oberst K a u p i t s ch. Aus der Diplomatie sah man den belgischen und den polnischen Gesandten sowie den französischen Geschäftsträger, der in Vertretung des gegenwärtig verreisten französischen Botschafters erschienen war. Die Londoner Besprechungen.
Paris, 29. Rov. Der Vertreter der Havas- agentur in London glaubt mitteilen zu können, daß die in London anläßlich der Unterzeichnung des Sicherhcitspaktes stattfindenden Verhandlungen wahrscheinlich all»; in Locarno aufgeworfenen Probleme und besonders die Räumung der besetzten Gebiete betreffen würden. Die Entwaffnungsfrage könne gleichfalls geprüft werden. Man scheine in London der Ansicht zu sein, daß dkse unter Bedingungen durchgeführt werden könne, daß man ungefähr auf den 15. Januar die Ab reise der Interalliierten Militärkontrollkommission aus Berlin festsehen könne. Der Havas- vertreter will ferner erfahren haben, daß die Gegenstände, wie sie die in London vertretenen Staatsmänner zu verhandeln hätten, wichtig seien, aber die Zeit, über die sie verfügten, sei kurz. Es sei also möglich, daß die Unterhaltungen fortgesetzt würden, wenn in der kommenden
Woche Chamberlain auf der Reise nach Paris passieren würde. Es scheine, daß er es gerne sehen würde, daß D r i a n d, wenn er Paris auf 48 Stunden verlassen könne, ihn dorthin begleiten würde. Chamberlain könne übrigens, wenn er Paris auf der Rückseite berühre, noch andere diplomatische Verhandlungen führen, sei doch in London die Möglichkeit einer Zusammenkunft Chamberlains mit Tschitscherin erörtert worden.
Nach dem .Lntransigcant" sollen die Alliierten eine Note der deutschen Regierung erhalten haben, i nder folgende Forderungen gestellt werden:
1. Erhebliche Verringerung der Befat- zungstruppen.
2. Verkürzung der Raumungsfrl- ff en.
3. Aufhebung der Vorschriften für den Bau von Flugzeugen. Insbesondere beanspruche die Reichsregierung das Recht zum Bau von Riesenflugzeugen. Sie habe sich dagegen schriftlich verpflichtet, daß von dem Bau militärischer Flugzeuge abgesehen werde.
Briand reifte heute nachmittag um 2 Uhr in Begleitung von Berthelot nach London. Es ist zur Zeit noch nicht bekannt, wann die Besprechungen ftattfinben, in denen die deutsche Delegation, wie ein Teil der französischen Presse mit sichtlichem Unbehagen feststellt, im Rahmen der Rückwirkungen des Vertrags die obenerwähnten Forderungen erheben werde. Gegenstand der Verhandlungen wird der gesamte mirbem Vertrage von Locarno zusammenhängende Fragenkomplex und insbesondere die Erleichterungen des Besatzungsregimes bilden. Die Starte der Besatzungstruppen
Die Umgruppierung.
Paris, 30. Rov. (TU.) Zwischen Paris und London ist über die Beibehaltung der Besatzungstruppen im Rheinland ein reger Meinungsaustausch im Gange. Wie die Telunion erfährt, haben zwischen der Dotschafterkon- f e r e n z 'und den Generalen D u c a n und Gu- illaum at in dieser Frage Beratungen stattgefunden. Die Botschafterkonsere.lz erklärte sich aber, wie ein Londoner Havasbericht besagt, mit dem Umtausch der in der zweiten und dritten Rheinlcmdzone verbleibenden Truppenbestände nicht einverstanden. Man erwartet nunmehr, daß diese Frage durch den Meinungsaustausch zwischen Paris und London eine wesentliche Klärung erfährt. Die Belgier hatten im besetzten Gebiet 15 000 Mann und werden fortan nur 7000 haben. Die englischen Desatzungstruppen betrugen 8900 Mann und werden auf 8000 vermindert. Die Franzosen hatten alles in allem 94 000 Mann, davon 64 000 Mann in der zweiten und dritten Zone. 30 000 Mann werden im Zusammenhang mit der Räumung der ersten Zone abtransportiert. Die verbleibenden 64000 sollen wesentlich reduziert werden. Obwohl hierüber noch kein endgültiger Beschluß gefaßt ist, glaubt man zu wissen, daß sie auf 30 000 bis 35 000 Mann herabgesetzt werden und zusammen mit den Sanitätern und dem Dureauperfonal 40 000 bis 45 000 Mann ausmachen. Jedenfalls ist die Frage der Umgruppierung und die Unterbringung der französischen Truppen in Wiesbaden noch nicht endgültig geregelt.
Zu den Meldungen über die Stärke der Be- satzungstruppen im besetzten Gebiet erfahren die Blätter von zuständiger Stelle, daß infolge der bevorstehenden Räumung der ersten Zone und der Verminderung der Truppen im besetztbleibenden Gebiet gegenwärtig
eine Truppenumgruppierung größten Umfangs im Gange
ist, die verbunden ist mit Vorbereitung von neuen Quartieren für die Engländer in und um Wiesbaden. 3m Zusammenhang damit sind dem Auswärtigen Amt zahlreiche Telegramme zugegangen, die von einer drohenden Vermehrung der Quartierlasten sprechen. Diese Nachrichten sind zum Anlaß von diplomatischen Vorstellungen genommen worden. Es hat sich in fast allen Fällen herausgestellt, daß die Besorgnis der Gemeinden unbegründet war. Es handelt sich teils um unbestätigte Gerüchte, teils um Aeuße- rungen von Nachgeordneten Stellen der Besatzungstruppen, welche über den ganzen Plan nicht unterrichtet waren. Die Zusage der Regierungen der Besatzungstruppen geht dahin, daß die verbleibenden Truppen in ihrer Gesamtheit annähernd auf die Stärke der deutschen Friedensgarnisonen herabgesetzt werden sollen. Gegenwärtig besteht kein hinreichender Grund, an der Ausführung dieser Versprechungen zu zweifeln. Wahrscheinlich wird sich die Z a h l d e r G a r - nisonen vermindern, während diese und jene Gemeinde etwas stärker belegt wird.
Zur Räumung der Kölner Zone.
London, 30. Rov. (WTB. Funkspruch.) Rach dem Kölner Sonderberichterstatter des „Daily Telegraph" werden morgen ein Offizier und 100 Mann Köln verlassen. Am folgenden Tage wird wieder eine kleine Abteilung abfahren. Am 3. Dezember wird das 1. Bataillon des Manchester-Regiments nach Königstein ab transportiert. Die Rhein- Flotille, bestehend aus fünf Motor-Schaluppen und fedyS kleineren Booten, wird ihre Operationen am 1. Dezember ein stellen. Die Desatzungsttuppen toerven am 6. Dezember die Heimreise antreten.
Nach der Unterzeichnung der Locarno-Verträge.
Berlin, 29. Rov. Der „Täglichen Rundschau" zufolge steht es noch nicht im einzelnen fest, wie sich die Dinge nach der Unterzeichnung des Vertrages von ßoeamo in London weiter gestalten werden. Die deutsche Regierung hat sich verpflichtet, die Ministerpräsidenten der Länder noch einmal zu hören, ehe sie den entscheidenden Schritt in der Frage des Eintritts in den Völkerbund tue. 3m übrigen habe sie durch die Annahme der Locarnoverträge freie Hand erhalten, nach eigenem Ermessen zu handeln.
Heber die Reuordnung der Verhältnisse im besetzten Gebiet wird die neueingesehte deutsche Kommission, an deren Spitze Reichskommissar von Langwerth-Simmern steht, in den nächsten Tagen die Besprechungen mit dem Ober« kommissar Ti rard aufnehmen, wird. Zu dem Arbeitsgebiet der Kommission gehören auch die Verhandlungen über die Ochste Ordonnanz und über den Amnestie-Erlaß, an dem Deutschland aktiv beteiligt sein wird.
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Das Kabinett Briand.
Paris, 30. Rov. (Havas.) Das Ministerium Briand ist nunmehr gebildet und zwar in der am Samstag bereits mitgeteilten Zusammensetzung. Zum Hnterftaafsfefretär für die befreiten Gebiete ist der radikale Abg. Georg Chauvin ernannt worden. Briand begibt sich am Montag nach London, kehrt am Mittwoch nach Paris zurück und tritt am Donnerstag vor das Parlament. Am Freitag soll die Diskussion des Budgets fortgesetzt werden und zu Beginn der darauffolgende;; Woche wird der Finanzminister Lou- chour seine Finanzierungspläne der Kammer unterbreiten. Am Sonntag wurde im Ministerrat unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik ein Meinungsaustausch über die Regierungserklärung gepflogen. Außerdem fand ein Meinungsaustausch über die Finanzfrage statt. Schon jetzt hat die Regierung beschlossen, daß die vorzuschlagenden Maßnahmen von jeder Konsolidierung absehen.
Die neuernannten Minister werden heute die üjuen zustehenden Ministerien übernehmen. Finanzminister Loucheur hat erklärt, daß er ungefähr zwölf Tage brauche, um die ©teuer» reformpläne umzuarbeiten. Mit der Ernennung des beratenden Sachverständigen-Aus- schusses für Finanzfragen hat Loucheur unverzüglich begonnen. Rach Angabe;; der Blätter sollen 12 außerhalb des Parlaments stehende Persönlichkeiten, darunter auch Mitglieder der Vorstandsrats der Bank von Frankreich, ernannt werden. Loucheur wird weiterhin ein besonderes Augenmerk auf die baldige Lösung der interalliierten Schuldenprobleme richten. Er hat in dieser Frage schon eine Aussprache mit dem Ministerpräsidenten gehabt, der auf feinen Wunsch während seines Londoner Aufenthalts dem englischen Schahkanzler Churchill präzise Vorschläge zur Bezahlung der französischen Kriegsschulden an England unterbreiten wird.
Schwere Flutkatastrophe in Süditalien.
Rach einer Meldung der „Monlagspost" wurden Südilalien und Sizilien von furchtbaren Unwettern heimgefuchl. Der seit bereits zwei Tagen dort herrschende Sturm steigerte fi cham Samstagnachmittag und in der Rächt ;um Sonntag zum Zyklon, und der Regen wandelte sich zum 5) a - gelschlag. Das Meer zwischen Sizilien und dem Festland und hinaus bis zum Golf von Reapel wurde durch Springfluten derartig aufgepeitscht, daß die Wellen an der Küste alles, was in ihren Bereich gelangte, zerstörten. Die Eisenbahnen und vor allem die Telegraphen- und Telephonleitungen sind unterbrochen. 3n dem bei Reggio Calabria gelegenen Städtchen B a g n a r a wurden die Häuser vom Sturm hinweggefegt. Die gesamte kleine Flottille im Hafen wurde gegen die Felsen getrieben und zerschellte. Die nach dem großen Erdbeben angelegten Häuser wurden sortgeschwemmt wie leere Kisten. Aehnliche Szenen werden aus p a g l i und Monte Leone gemeldet. Aus den kleineren Riederlassungen zwischen den größeren Zentren fehlt jede Rachricht. Man fürchtet, daß eine größere Zahl Menschen ums Leben gekommen ist. Auch Messina wurde vom Zyklon stark heimgefuchl. Zahlreiche Menschen wurden durch Mauersteine und Dachziegel verletzt. Infolge Unterbrechung der elektrischen Leitungen liegt die Stadt im Dunkeln. Die Meerenge von Messina ist für die Schiffahrt gesperrt.
Auch in Marokko schwere Sturmschäden.
Paris, 30. Nov. (WTB.-Funkspruch.> Die Morgenblätter berichten, daß auch in Marokko ein Zyklon gewütet hat. In Fez sind durch einen Wirbelsturm ft arte Verwüstungen angerich - t e t worden. Im Flugzeuglaaer wurden 5 Flugzeuge zerstört und die Halle abgerissen, in der sich die zweimotorigen Bombenflugzeuge befanden. 10 dieser Apparate sollen schwer beschädigt worden sein. Im Lager der Fremdenlegion sind 4 bis 5, nach einer anderen Agenturmeidung sogar 1 2 Baracken eingerissen worden, wobei drei Legionäre getötet und über 20 verwundet worden sind. Im ganzen sollen 67 Flugzeuge zer-


