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Seite 18

Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe

Drittes Blatt

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Homberg an der Ohm.

W

fast überall auf dem Lande eigene, besondere Klei­dungen. Nicht nur gelegentliche Hinweise tn alten Akten, auch Erinnerungen alter Leute an das, was die Großeltern und Urgroßeltern trugen, beweisen es Wir haben Grund, zu vermuten, daß in jedem herrschaftlichen Gebiete eine eigene Tracht war, wenn nicht Zusammenhänge von Ortschaften aus alter Zeit hier Ausnahmen machten. Heute haben wir nur noch Trachten im Hüttenberg, jenem Ge­biete, das zur Hälfte in den Freistaat Hessen, zur Hälfte in die preußische Provinz Hessen-Nassau fällt, in Treis (im Lumdatal), das feine einstige Zu­gehörigkeit zu den nördlich gelegenen preußischen Orten in der Tracht noch bekennt, im Katzenberge, wie man die einst zu Mainz gehörigen vier Orte des Kreises Alsfeld Ruhlkirchen, Vockenrod, Seibels­dorf und Ohmes nennt, im Schützer Land, in der zu Preußen gehörigen Schwalm und im hessischen Hinterland, aber fast überall im Erlöschen, in dem einen mehr, in dem anderen weniger. Ganz be­sonders schnell ist die Tracht im Hüttenberg im Ver­schwinden begriffen. Als ich vor 19 Jahren als Pfarrer nach Großen-Linden versetzt wurde, waren es noch 5 Mädchen, die in der prächtigen Hütten­berger Tracht konfirmiert wurden vor 15 Jahren war es nur noch 1, seitdem kein einziges mehr. Diele, auch ältere Frauen, legten schon vor dem Kriege die Tracht ab und kleideten sich städtisch. Die alte Hüttenberger Tracht der Männer habe ich nicht wehr tragen sehen. Sie war schon untergegangen, als ich nach Großen-Linden kam. Die Frauen sind eben im allgemeinen konseroativer als di- Männer. Man steht Tracht nur nach bei den älteren Frauen und ganz besonders beim hl. Abendmahl, der da ge­tragene breitrandige weiße Tüllhut mit über­hängender Spitze gibt dieser Art Tracht ein eigen­artiges Gepräge.

Es ist das Ganze eine Entwicklung, der die Freunde dieses Volkstums ohnmächtig gegenüber» stehen. Man hat sie aufzuhalten versucht. Vor 20 Jahren hat man Vereine zu seiner Erhaltung gegründet. Sie find alle etngegengen, und nur die Hessische Vereinigung für Volkskunde, die nicht daran denkt und daran gedacht hat, in diese Ent- Wicklung einzugreifen, sondern nur zu sammeln und zu beschreiben, lebt und blüht. Man hat sich in diesen Vereir.cn für ländliche Heimats- und Wohl­fahrtspflege, deren Mitglieder zumeist aus Ge­bildeten, Städtern, bestanden der Hoffnung hin­gegeben. daß, wenn sie anfingen, an den Trachten, Brauchen, Sagen, Märchen und Liedern Gefallen zu finden, die Landleute eher bewogen würden, bei dem Althergebrachten zu bleiben. Ich erinnere mich noch recht gut einer Ausstellung, die ein solcher Verein vor mehr als 10 Jahren in einer Stadt Oberhessens zu diesem Zwecke veranstaltet hatte, -und für die es gelungen war, die Teilnahme eines Dorfes des Huttenbergs zu gewinnen Es war ein reines Theater für die Stadt. Mir hat es in der Seele weh getan, als auf einer Bühne Hüttenberger Mädchen eine Spmnstube darstellten Es dünkte mich wie eine Entweihung. Mit Mühe bin ich da­mals meiner Aufregung Herr geworden. Ader auch der Bauersmann hat begriffen, um was es sich bei diesen Schaustellungen handelte. Es ist einmal gewesen und nicht wieder Besser fing der Trachten- oerein im Kreise Gießen seiner Zeit seine Sache an. Er gab armen Konfirmandinnen Beiträge zur An­schaffung der nicht billigen Tracht. Aber auch das war ein Schlag ins Wasser. Machen wir uns doch die Sache recht klar! Der Bauer geht seinen eignen Weg, lebt in feiner eignen Welt. Er ist kein Kind, das sich von außen begängeln läßt, er weiß auch am allerbesten, wie er zu leben hat. Wenn er untergehen läßt, was uns lieb und wert ist, mir können es bedauern und beklagen, aber mehr nicht. Er weih, warum er es tut Die Gründe, aus denen unser Landvolk, dem Zuge der Zeit folgend, gern die Tracht ablegt, scheinen mir in der Hauptsache drei zu sein: Zuerst ist es den Mädchen oder der Frau, die manchmal auch die Stadt besuchen, pein-

Herr Geh. Kirchenrat D. Schlosser, Frankfurt a. M., ehemaliger Erster Pfarrer der Stadt Gießen.

Gerne komme ich der Aufforderung, für das Festblatt zum 175. Jubiläum des Gießener Anzeigers einen Beitrag zu liefern, nach. Bin ich doch wohl einer der ältesten Leser des G. A. Als ich im Jahre 1863 als Student nach Gießen kam, lernte ich ihn bei meinem Hauswirt, dem alten Gürtler Messer in der Marktstraße, kennen. Er erschien damals wohl zwei- bis dreimal die Woche, ein kleines, bescheidenes Quartblättchen, vorne die Verkündigungen des Kreisamts, dann kurze politische und lokale Nachrichten und hinten die Inserate. Das genügte für damals im allgemeinen. Wer noch mehr verlangte, der las das damals das Feld in ganz Südwestdeutschland beherrschende Frankfurter Journal mit seiner berühmten Beigabe DidaskaliaBlätter für Geist, Gemüt und Publizität. Es waren ja auch noch sehr kleine Verhältnisse in Gießen. Die Stadt zählte damals 89000 Einwohner, die im wesentlichen von dem in den vier Schooren eingeschlossenen Festungsgebiet zusammengedrängt waren. Die Straßen waren eng und schmutzig. In der damals noch ganz schmalen Schulstraße und auch in der von Ökonomen bewohnten Neustadt lagen noch Misthaufen vor den Türen. Statt der Trottoire führte in der Marktstraße und in der Neustadt derbreite Stein über den Fahrdamm hin, auf den man sich aus dem Schlamm der Fahrstraße retten konnte. Die Stadt war reich an Originalen. Noch lebte der alte Kirchenrat Engel, das alt' Engelchendem Geschlecht der Gegenwart fast eine sagenhafte Gestalt. Besonders eindrucksvolle Persönlichkeiten waren der Bürgermeister Vogt, derVater Lenz", der Metzger meister Georg Malkemesius, der Schuhmacher Kasper Huhn, der seine an Rottecks Weltgeschichte genährte Geschichtsphilosophie gernbei Lotz'1 oder im »Andres verzapfte. Damals setzte mit den Kämpfen in Schleswig-Holstein gerade die große Wendung ein. die sich in dem Sieg über Frankreich im Jahr 1870 und mit der Wiederbegründung des Deutschen Reiches vollendete. Der große Aufschwung, den das brachte, kam. wie für Gießen überhaupt, so auch dem G. A. zugute. Er wuchs an Format und Inhalt. Allerdings. der Herr Scheyda, den ich als Redakteur vor fand, als ich 1873 wieder nach Gießen kam, arbeitete noch meist mit der Redaktionsschere. Höhere Ziele steckte sich, besonders nach der ästhetischen Seite, dann der Herr Wittko. Unter zielbewußter Förderung des Verlags wuchsen dann weiter die geistige Bedeutung und der Gehall des Blattes, .bis es die angesehene Stellung erreichte, die es jetzt als führendes Blatt der Provinz einnimmt. Längst hat es die Schere mit der Feder ver­tauscht An wertvollen eigenen Artikeln auf allen Gebieten kann es mit allen Blättern seiner Größe wetteifern. Ein selbständiger Nachrichtendienst ist eingerichtet. Besonders wertvoll sind die Beilagen, die Familienblätter mit ihrem sorgfältig ausgewählten Inhalt, das landwirtschaftliche BeiblattDie Scholle und vor allem dieHeimat im Bild mit ihren schönen Bildern und originellen Artikeln. Dadurch hat das Blatt eine besonders große Bedeutung für die Pflege des Heimatsinns gewonnen.

Für Leute wie wir, die nach jahrzehntelangem Leben und Wirken in Gießen, mit der Stadt und ihren Bewohnern, ja mit der ganzen Provinz so eng verwachsen, in die Fremde verschlagen wurden, ist das Blatt geradezu unentbehrlich. Jeden Tag wird das Erscheinen des G. A. mit besonderer Spannung erwartet und begrüßt. Er bringt uns freilich auch viele betrübende Nachrichten. Der Tod hält reiche Ernte im Kreise unserer Mitlebenden, aber die Jugend, die man aufwachsen sah, tritt in die Reihen. Kinder und Enkel wachsen heran So grüßen wir den G. A. als alten Freund bei seinem Jubiläum Aus dem bescheidenen Reislein ist ein lebenskräftiger Stamm geworden. Man kann ihn bei seinem Jubiläum nur beglückwünschen und wünschen, daß er unter der sorgfältigen Pflege, die er unter der jetzigen Leitung empfängt, auch weiterhin seine Aufgabe in Stadt und Land und für das Vaterland segensreich erfüllen möge.

ltd?, überall begafft, zuweilen angestaunt und bis« wellen verlacht und verspottet zu werden. Ich schreibe mit Absichtverlacht und verspottet zu werden". Die Bewunderung, die Freude, die der Gebildete dem Auftauchen der Tracht tn den Straßen der Großstadt entgegenbringt, ist nicht die

Empfindung aller. Man muß das nur einmal er­lebt haben, wie die Gassenjugend der großen Stadt hinter der Tracht her höhnt und spottet, wie hall,» erwachsene Mädchen schreien und lachen und mit Fingern darauf deuten. Es ist schon mehr als eine Bauersfrau ober Bauerntochter mit Zorn im

Südliche Reise.

Don Albert H. Raus ch*).

So war die Anfahrt an Ravenna:

Grün dehnte sich rings in der schweren Luft: Korn- und Weizenfelder, von vielen frühen Ge­witterregen aufgetneben. Feuchter Dunst lag über der reglosen Fläche Mitten tn die Accker waren Del» bäume gepflanzt. Das dünne Silber der Zweige warf eine bezaubernde Leichtigkeit in die Schwüle. Don Stamm zu Stamm rankte Weinlaub in niedrigen Bögen, die fast die Spitzen der Aehren be­rührten. Die Sinne ermüdeten an dem ununter­brochen gleichen Bild, die Augenlider schloßen sich leicht und zuckten nur ein wenig weiter auf, wenn unverhofft ein zerbröckelndes Bauernhaus, ein Garten voll weißer Lilien ober eine Oase hochroten Mohnes auftauchte.

Das Licht wurde leiser, unwahrscheinlicher, aber im Steigen der Sonne em wenig goldener. Ganz fern, wo der Himmel an die Erde rührte, zogen lange Regenstreisen den Diertelkreis ihres feinen Staubes. Kurze Pappelalleen tauchten in gelben Wiesengründen auf und verschwanden, fetten nur stand am Rande eines Feldes ein Lorbeerstrauch, noch seltener hob sich aus abgeschlossenen Parken eine Zypresse. In dem blaugrauen Schleier des Himmels formten sich kleine runde Wolken, die Luft wurde heiß, der Goldstrom der Regenstreifen begann zu ermatten. Plötzlich schimmerte die Ahnung eines Turmes in dem unruhigen Riederfluh

*) Vom Verfasser aus seinem gleichnamigen, 1920 bei Egon Fleische! & Co. in Berlin erschienenen Werk zur Verfügung gestellt.

des Lichtes, unkörperlich, mtt schwachen Umriffen. Dos Bild eines zweiten Turmes schob sich daneben, nicht minder undeutlich, dann die Giebel schmuck- loser, unendlich einförmiger Häuser. Ebene und Stadt waren eins, ohne Grenze inetnanderaeschoben und aufgelöst in der Traurigkett des tellnahms- lofen Himmels, der dieses Land nicht liebte.

Nun schimmern Kanäle aus, einige breit und fortlaufend, andere unwillkürlich hier und dort zwischen die Felder gezogen Das Wasser leuchtete braun über dem Untergrund irgendeiner Fäulnis, manchmal auch weiß und leblos, wie über bleiernen Böden. In der Ferne, wo das Meer liegen mußte, batten sich die Wolken vollkommen geschlossen, die Stadt lag brütend und gleichgültig in unaufhalt­samem Siechtum: eine stumme, erschütternde An» klage.

Ich stand wie gelähmt auf dem kleinen, ver- staubten Platz, ehe ich mich entschließen konnte, einen Wagen zu nehmen, und sah im Kreise um­her, ob nicht irgendein freundliches Bild, ja nur der Ausschnitt eines Bildes den Fremdling willkommen heißen wolle: aber da war nichts als grauer und gelber Staub über einem ausgetretenen Pflaster, graue und gelbe Häuserwände mit blinden, leb- Men Fenstern und hoffnungslos erstorbenen Blendbögen, graue und gelbe Ziegeldächer, von vielen schmutzigen Regengüssen gedunkelt, und ein paar verwahrloste Menschen mit grauen und gelben Gesichtern, m denen quälerisch das Wort geschrie- den stand, das der Fluch dieser ganzen Stadt ist und leben Menschen so rasch aus ihren Mauern fort» fieber . . . Langsames Fieber, das sich im Blute einnistet und immer wieder aufsteht, wenn es die feuchte Hitze des Sommers imb der Morast- atem des Herbstes aus dem trügerischen Schlaf zum Leben ruft. Wie blöd waren die Blicke, die an mir

haften blieben, wie verständnislos und mißtrauisch gegen den Fremden, der nur hierher kommt, um dos heimliche Leben in seinen Winkeln aufzusuchen, das diese hoffnungslosen Gasten überblüht. Alles ist verwahrlost, was der Blick streift, es gibt keine Mauer mehr, an der nicht der Kalk ober das Ge­stein losbröckelte, keine Flucht von Fenstern, deren Glas nicht gesprungen wäre, fein Tor, das nicht klaffte ober sich in unverrosteten Angeln drehte. Das will es bedeuten, daß zuweilen das Auge in stillen Blumenhöfen und Binnengärten versinkt, wo blaste Rosensträucher in grauen Tonschalen wuchern und ihre Blüten über schmale Treppen sollen lassen . . . , wo reglose Stachelpalmen die matte, taube Lust durchstechen und uralter Efeu fern schwarzes Laub über verfallene Mauern wirft? Vielleicht auch leuchtet plötzlich ein Geranienbeet an dem leeren Behälter des versiegten Spring» brunnene auf und wirft dir den Frevel Jeines leidenschaftlichen Blühens in das Gesicht. O Krank- sein dieser zerrütteten Stadt! Immer wieder fiel es mich an, während mein Wogen auf dem abge- scheuerten Pflaster dahinfuhr. Zuweilen trat eine Frau aus dem angelegten Tor und goß einen Eimer Spülwasser in die kaum noch erkennbare Rinne: bann schrak das Pferd ein wenig auf und ging schneller, die Räder aber ließen lange noch die feuchten Spuren hinter sich, zwei braune Geleise, die matter und matter wurden, bis der Staub ste aufgesogen hotte. Schon fingen die Augen an zu brennen von dem blendenden Licht, das noch immer durch den grauweißen Filter des Wolkendunstes rann, sich manchmal etwas verdichtete und fast den Schatten eines Hauses zeichnete: da hielt der Wogen vor dem Eingang von San Vitale.

O Name voll Duft und Keuschheit, besten Musik dos Ohr entzückt.

Herzen heimgekehrt und hat sich vorgenommen, nie mebr das Pflaster der Großstadt zu betreten. Ader dieser Grund ist noch der geringste.

Dann ist die Kleidung der Städterin im 23er» höttnis zur Tracht viel billiger; weniMe« ist es so bei der Hüttenberger Tracht, die Hunderte von Mark kostet. Es ist ja leider nicht mehr, wie es zur Großmutterzeit war, da die einmal angeschaffte Tracht mit kleinen Veränderungen für Großmutter, Mutter und Kind reichte. In die Tracht ist, so merk­würdig das auch klingt, die rasch wechselnde Modo hineingekommen. Was früher von Tuch war, das muß heute von Samt und Seide und von immer anderer Farbe sein. Die Bänder sind breiter und in den Farben leuchtender geworden. Ein Hüttenberger Mädchen hat mir einmal die Sammlung gezeigt, die es sich allein von den Bändern von der Großmutter Zeiten an zusommengestellt hatte. Es war sehr lehr» reich, zu sehen, wie die Bänder nach und nach breiter, herrlicher gestickt und in den Farben leuch­tender geworden waren. Als ich die Sammlung sah, kam mir unwillkürlich in den Sinn, daß auch die Hüttenberger Tracht nicht viele Jahrhunderte alt ist. Ich weiß aus alten Großen-Lindener Kirchen­büchern, daß vor 2 Jahrhunderten die Hüttenberger Frauen ganz anders gekleidet waren, als die Hüttenberger Tracht heute aussieht. 2Iües ist ja im Flusse. Aber wer kann sagen, wie sie zu dem ge­worden ist, was sie ist? Endlich läßt sich nicht ab« leugnen, daß die städtische Art, sich zu kleiden, prak­tischer und aefunber ist. Man vergleiche nur ein­mal bie leimte Sommerkleibung der Städterinnen mit der auf die Jahreszeiten gar keine Rücksicht nehmenden Tracht! Oder man lasse sich einmal von den allen Frauen erzählen, wie ihnen unter den breiten Bänoern der Kopfhaube das Haar zu beiden Seiten des Kopfes geschwunden ist.

Man lernt bei solcher Erkenntnis das Ganze anders ansehen. Ilm so leichter aber kommt man über bas Schwinden wenigstens der Hüttenberger Tracht, die wohl die prunkvollste und farbenreichste von allen ist, hinweg, als sie nicht durch und durch deutscher Herkunft ist. Bei dem Nachforschen, woher die schön gestickten Nackentücher unb die fifberbefranften, herrlich gestickten Bänder in den satten Farben stammten, entdeckte ich als letzten Ursprungsort Lyon in Frankreich. Es scheint eigentlich selbstverständlich zu fein, daß eine deutsche Tracht auch deutschem Gewerbefleiß entsprossen ist. Es mag das in früheren Jahren auch so gewesen sein, und ist sicherlich auch so noch heute bei ein­fachen Trachten ärmerer Gegenden. Aber so un­angenehm auch im Anfänge die Entdeckung der Jremben Herkunft berührt, es gibt noch mehr Trachten in deutschen Landen, die mit ausländischen tfebern sich schmücken, und schließlich hilft bie Schön­heit, der Reiz leichter darüber wegkommen.

II. In ganz anderer Weise arbeitet der Geist der Stadt an dem Verschwinden unserer Sagen. Wir haben in unfern Landschaften an ihnen einen fast unendlichen Reichtum gehabt unb haben ihn zum Teile heute noch, wenn auch schon viel unter seinen Einflüssen verschwunden ist unb immer mehr entschwindet. An säst jede alte Kirche, an fast jedes alle Pfarrhaus, an fast jede alte Mühle knüpfen sie sich. Hier geht ein alter Pfarrer um, der alle Mitter­nacht bie Geister des Kirchhofs um sich sammelt unb in die Kirche führt, dort ist jemand eines schreck­lichen Todes bestochen und kann keine Ruhe finben, oder der geizige Müller bewacht noch nach seinem Tode die Vorräte seiner Mühle. In Feld unb Wald gibt es in jeder Gemarkung Stellen, wo etwas um­geht, sei es ein Mann, der einen schweren Stein trägt unb fdjreit, ober ber kopflos ist. ober der glüht, oder eine schwarze Katze, die sich dem Wan- derer auf den Rücken setzt. 2ln Plätzen, wo sich Wege kreuzen ober wo einstmals Tore geftanben haben, glühen plötzlich in ber Nacht Feuer auf, auf früheren Wegen sieht man Leichenzüge einherziehen, an früheren Gerichtsstättcn hängen an Bäumen Tote unb bewegen sich. Wo ©elbftmörber geendet

Blaste Rosen an den schmalen Säulen der Ein­gangshalle streuten in ihrem weichen Geruch die Ahnung kommender Süßigkeit, bann öffnete sich eine Türe, ein paar Stufen führten abwärts . . . Unwillkürlich hob sich ber Blick, von ber geheimen Gewalt schwebender Bogenwölbungen nach oben gelenkt; unb siehe: aus ber stillen Tiefe einer seit­lichen Halbkuppel wehte ihm ein überirdisches Grün entgegen, durchsichtig wie der sommerliche Abendhimmel, wenn bie ersten scheuen Sterne sprühen. Jede Schwere war in diesem Leuchten gelöscht. Es nahm den Pfeilern die Mühe des Tragens unb den Kuppelwänden das Bewußtsein des Getragenwerdens. Dienst unb Gegendienst aller Teile hob es in die fließende Zartheit seines Duf­tes empor, die mit der Verheißung der Gottnähe alles Aufstreben krönte. Nun erst wagte bas Auge die Schau in den Umkreis. Von allen Seiten des oberen unb bes unteren Umganges floß die Helle zusammen, ber Sinn einer leben Wölbung war, das Licht zu fangen unb der beherrschenden Mitte des heiligen Kreises zu übergehen, über dem sich, fast schwebend, unb wie von unsichtbaren, goldenen Seiien emporgehalten, die allerlösende, allstillende Kuppel hoch und sieghaft aufhob. Aber dieses Licht war nicht weiß, nicht grau, nicht gelb wie ber fiebernde Aether: es war millionenmal gebrochen und verinnerlicht in allen Farben, die aus dem Mo­saik der Wände aufblühten, es war gemildert unb gereinigt in den Schatten, welche die Bögen und seitlichen Halbkreise der sieben Nischen ihm ab­rangen. Auch der Marmor ber Tragsäulen, das Geflecht unb die Blumen der Kapitale gaben ihm neue, geläuterte Strahlung, und selbst vom Fuß­boden hob es sich wieder in sanfter Tönung auf. Es hatte Stimme bekommen, es war Gesang geworden und riefelte in die Stille, bie ganz gesättigt wak