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Drittes Blatt Gießener Anzeiger.Iubiläums-Ausqabe

Seite 17

Alt-Gregener Familien.

Von Wilhelm Koch, Oberkriegsgcrichtsrat z. D., Gießen.

Schon dasGiesser Wochenblatt" hat Ab­handlungen über die Vergangenheit unsrer Stadt gebracht, |o im Jahrgang 17/1 die Beschreibung der Stadt Gießen von Conrad Dieterich, der 1605 bis 1614 hier wirkte, und Beitrage zur Giesser Kirchen- gcschichte. Der Gießener Anzeiger hat die Pflege der Ortsgeschichte und fieimottunbe fortgesetzt. In der Jubitäumsnummer 1925 soll der Alt-Gießener Geschlechter und in diesem Nahmen auch einiger Gießener Charakterköpfe kurz gedacht werden.

Namen der ältesten Zeit sind nur spärlich über­liefert, und es fehlen die Zusammenhänge. Rech­nungen sowie Gerichtsprotokoüe im Stadtarchiv, die 1575 beginnenden Kirchenbücher und andre Quellen geben über die letzten dreihundertfünfzig Jahre jedoch reichen Aufschluß.

Eines der allerältesten Geschlechter sind die S t o h r, wahrscheinlich eine Gießener Burgmann­familie. Sie waren vorwiegend Wolltuchmacher. Die Wollweberei war jahrhundertelang in Blüte und dasGießische Tuch" geschätzt. Nicht nur bei den Stohr, sondern in ganz Gießen sind die Bornamen Kasuar, Melchior und Balthasar üblich. Der Dfei- kömgstag war als Tag der Ratswohl und der Aernterverteilung im Rate von Bedeutung. Die Ebel kommen hier schon 1469 vok und waren sehr zahlreich. Bon 1575 bis 1613 sind 82 Kinder Ebel getauft. Did meisten Alt-Gießener Familien waren kinderreich. Zwillinge sind nicht selten. 1591 werden Drillingsöhne des Ludwig Echer getauft; später, hin ist sogar eine Dierlingsaeburt verzeichnet. Mehr- ehen waren häufig; ein Burger heiratete fünfmal. Abgesehen von den Pestiahren, so 1597 und 1635 (mehr als 1500 Verstorbene), überwiegt die Zahl der Geborenen erheblich die Todesfälle. Auffallenb ist die Zahl der alten Leute Neunzig Jahre und darüber sind keine Seltenheit; Kilian Keßler wurde 107 Jahre alt.

In sozialer Hinsicht ist bemerkenswert, daß junge Gießener in großer Zayl gelehrte Berufe ergriffen haben, und zwar schon vor Stiftung der Hochschulen Marburg lind Gießen, besonders zahlreich die Ebel. 3 o r g Daniel Ebel, Doktor der Rechte, Vize- fanxlcr und Kammermeister in Gießen (1601 bis 1652), ehelichte eine Tochter des berühmten Theo- logtn Winckelmann, ersten Rektors der neuen Universität Gießen. Nachkommen leben in vielen hessischen Familien, so Strack (Nachfolger des Ltabtpräzeptors in Gießen), Follenius, von Zangen, Schliephake. Professor Kaspar Ebel in Gießen (f 1664), heiratete in die 23er- vandtschoft Melanchthons. Dem Ratsherrn I o h. <i b e lzum Hirsch" als Bauherrn der Stadt ver- laufen wir die schöne Frtedhosskapelle (1623). Sein 'Brustbild hängt auf der Empore. Ebenda ist das gemalte Epitaph für den Ratsherrn Johannes Kämmerer und sechs Kinder (1597) zu sehen. JDie meisten Kämmerer waren Bäcker. Der Rats« lerr, Kastenmeister und Ovfermann Joh. Kämmerer (t 1640) hat die Kirchenbücher musterhaft geführt. Cr schrieb eine wundervolle, verschnörkelte Hand­schrift, die wie Druck aussieht. Ein Denkmal feiner pflichttreue ist sein letzter Eintrag, der seines eigenen Todes. Zahlreich waren im 16. Jahrhundert die Lony und Campus, je in mindestens fünf Geschlechtern Metzger, zum Teil auch Speisewirte. 2ie Sack treiben seit mehr als sieben Genera­tionen das Fleifchergewerbe; als älteste Vertreter erscheinen Matthes und der Ratsherr Mel- cchior Sack, der 1639, achtzigjährig, sich noch, nials vermählte. Die Wallenfels, Textor, Stückrath, Pi stör, Fer.ber (Tinctor) mären gleichfalls schon im 16. Jahrhundert da, nuch Löber; nicht lange danach sind weitere Cöber aus Weilburg und Biedenkopf eingewandert. Der Beruf eines Barbiers und Wundarztes war erblich seit dem 16 Jahrhundert bei den Echer, auch als Scherer und Tonsor genannt, und den Neuling, von denen es Georg Friedrich Neuling zweihundert Jahre später zum Hessen- Larmstädtischen Eeneralstabsmedikus gebracht hat. Lu den Weidig, die als Metzger, als Bier­brauer, Wirte und in anderen Berufen, so als Forstleute, auftreten, gehört der Volksmann Friedrich Ludwig Weidig (t 1837). Sein beklagenswertes Geschick ist bekannt. Die Frech, nohrscheinlich bereits um 1500 hier eingesessen, mären in wenigstens fünf Generationen Metzger. Langes der Aeltere und sein Sohn Dönges b-tr Jüngere lebten in drei Ehen und hatten viele Binder. 9 o f) Hieronymus Frech, Pfarrer im Reichelsheim, soll als Eiferer gegen die Hexen mufgetreten sein. Um so tragischer ist es, daß eine inilje Verwandte von ihm, Martha Frech aus Meßen, die Gattin des Müllers Schuler in Lind- fcim, dem Hexenwahn zum Opfer fiel (1664). Sie isil Ahnfrau noch blühender Geschlechter. In den .5 ch r e ck e n s j a h r e n von Lindheim" hat unser Landsmann Glaubrecht ihr ein Denkmal ge­lebt Sehr verbreitet waren seit dem 16. Jahr- hindert die Kempf f. Bei ihnen war im 11$. und 19. Jahrhundert die Posthalterei erblich. Bekannt sind die beiden großen Häuser und Höfe, 81 te und Neue Post, in der Walltorstraße. Diele Fürstlichkeiten und berühmte Leute find dort ab- giftiegen. Zahlreiche Kempfs haben studiert; zwei waren Offiziere, einer Auditeur im Hess. Leib- ngiment. Georg Kempff wurde Justizminister mild 1879 Präsident des Oberlandesgerichts.

Der Stammvater der Jughard, Clau. d»i u s Iuaart, ist um 1610 eingewandert Zu seinen Nachkommen gehören mehrere Theo- legen und derewige Student" Caspar Peter Jughard, ein Original, Entdecker des (igeblichen Heilbrunnens auf dem Seltersberg. Die Noll erscheinen zuerst 1611 mit Reinhard Dio 11. Er war Büchsenmeister, hatte also Geschütz und Handwaffen der Festung instandzuhallen. Der inilitärische Beruf hat auch andre hierhergeführt, |o den Konstabel (Artillerist) Hans Henschel, Stück- und Glockengießer aus Breslau, und die Ahnherren der Kattrein und Petri. Bei den hmfchel sind künstlerische und technische Begabung endlich. Die Zahl der von ihnen gegoßenen Glocken IP überaus groß. Wie das Kontraktenbuch ausweist, g «langten die Henschel bald zu Wohlstand; sie tauften in rascher Folge mehrere Grundstücke und brüten ein Gießhaus. Im Jahre 1777 ließen fi* sich in Kassel nieder. Der Lokomotioenbau hmschel ist weltbekannt. Verschwägert mit den hinschel sind die Franck, die als Theologen, Stuften und in technischen Berufen sich her­vorgetan haben, ein Geschlecht von hervor­ragendem Talent für Musik. Gin wirklich viel­seitiger Mann war der Profesior der Mathematik urd der Medizin, Oberbaurat, Artilleriedirektor und

Kammerrat Jakob Müller, geb. tn Torgau 1579. Er hat den Kanzleibau des Residcnzschlosses in Darmstadt errichtet. Seine Nachkommen saßen als Artillerieoffiziere und Baumeister noch im 18. Jahrhundert in Gießen. Sein Urenkel Helfrich Müller hat Jagdschloß Wolfsgarten und andre Schlösser gebaut. Dessen Sohn Lorenz Fried­rich, geb. hier 1715, ist der Erbauer desDarm­städter Hofes", des Frankfurter Palastes der hessischen Landgrafen. Die Vogt sind seit genau drei­hundert Jahren einheimisch. Konrad Bogt, Sohn eines Metzgers in Licy, heiratete 1625 in die Metzgerei Kreil ein und freite 1652 eine Kräcker, wieder aus alter Mctzgersamilie. Bis auf den heutigen Tag betreiben die Bogt das Ge­werbe ihrer Bäter. Mehrere Bogt haben studiert, so der 1817 hier geborene Naturforscher Karl Vogt, gestorben 1895 als Professor zu Genf, sowie desien Vater und Großvater. Karl Bogt vertrat 1848 den Wahlkreis Gießen in der National-

Sehr stark war die Einwanderung nach dem Dreißigjährigen Kriege. Die Festung-stadt hatte wohl durch Die Pest, aber nicht unmittelbar durch die Kriegsfurie gelitten. Von Darmstadt zogen die Busch zu, in aerober Linie und zumeist in ffrn Seitenzw.igen Bender (Küfer) und Weinhändler. Joh. Philipp Busch erwarb 1765 den herrlichen Park des Generals v Drechsel am Fuße des Nah- rungeberge», den bekanntenBuschen Garten", der gena i hundert Jahre Farnllienbesitz blieb. Aus Straßburg erschienen zwei Brüder H ü f f e 11. Er­staunlich starker Zuzug war aas Hattingen a. d. Ruhr Der Leinwandkrarner Hermann H u f s ch m i d t von da hatte schon 1638 hier eingehciratet. Sein Sohn Humbert wurdeteutscher Schulhalter". Dessen Schwiegersohn und Nachfolger wurde der Sergeant im Oberrhein. Kreisregiment Iohs. Strack aus Echzell mit stark verzweigter Nachkommenschaft. Aus Hattingen heirateten nach Gießen noch drei Brüder Kohlermann, zwei L o ß, ferner der

Alsfeld, Marktplatz mit Rathaus und Weinhaus.

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Versammlung, war im Rumpfparlament, einer der fünf Reichsregenten und 1848 Oberst der Gießener Bürgergarbe. In feiner SchriftAus meinem Leben" zeigt er sich als echten Gießener. Das alte Stäbtchen und seine Bewohner können nicht besser geschildert werden, der MetzgerT r a w w e l - V o g t", der dem alten Blücher die Meinung sagt, der Detter M ö h l und alle die knorrigen Gestalten. Ahnen zahlreicher Geschlechter, so der Dusch, Gail, Bötticher, Knodt und Wolf, sind Ludwig Koch, geb. 1611 in Homberg a. 0., und seine Gattin Barbara Allendorffer, den Gießener Bäckerfamilien Allendorffer und Duden- Ijoffen entstammend. Ludwig Koch mar Soldat und arbeitete sich zum Bauschreiber und schließlich zum v. Schenk zu Schweinsbergschen Verwalter empor. Sein Sohn Joh. Peter war Glaser, heiratete eine Tochter des Gießener Stadtschulmeisters, späteren Pfarrers zu Treis a. d. Lda., Joh. Heinrich Gabriel, und starb noch nicht vierzig Jahre alt. Die Witwe

Stammvater der sehr großen Sippe B e r n b e ck, ein Flügel, Oesterhoff, Thiergarten, Hagedorn, aus Volmarstein i. W. die B r ö cf i n g und B ü r cf n e r. Von Brecferfelb i. W. stamntkn bie Steller, aus Essen bie Tasche. Der Ahnherr ber Schaffstäbt war aus Inster­burg. Die (Einbürgerungen in ber Folgezeit ge­winnen einen solchen Umfang, bah selbst für bloße Aufzählung ber Namen es an Raum fehlt.

In Gießen erloschen finb bie U n g e ro i d e 11, von benen Kaspar 1486 kfier Geistlicher war, bie Römer, Metzger unb Wirte3um grünen Baum" auf bem Markt, die Widerholt imEinhorn", eines Stammes mit dem tapferen Heften Konrad Widerholt, Verteidiger des Hohentwiel, die H o l - weg, Ahnen des Reichskanzlers, ferner die Sche11el, Schlegel, Dudenhoffen. Al- l e n d o r f f e r, die S ch e n ck aus Allendorf a. b. Lba., bie Schneider gen. Weiterer, die Eberhorn, Haupt, Orth, Buch, Finck, Wein-

t^c^c^iczic^icxicxic^iczic>^cxicziczir<Drxor<orsD[X5rx2r<orororQro!XD Blick vom Taunus.

Von Wilhelm tH i cbe L

Von dieser Höhe, die die Wolken lieben, seh') den Strom, der weit durchglänzt das Land. Die Lbnc rauscht, die Berge blauen drüben, besonntes Feld wölbt sich wie offne Hand.

Lieb ist mir alles, tttit der Sonne heb' ich den gelben Baum aus grauem Tal beglückt. All meine Sehnsucht, all mein Sinnen geb' ich der großen Welt, und bin durch sic entzückt.

Rauscht zu, ihr Wälder! Sauset euer Leben mit Inbrunst aus und lehrt uns eure Lust! Trag Frucht, du Acker! Herrlich ist das Geben. Ach, gäbe chre Frucht so diese Brust!

Ach, kennte sie wie du dies breite Dehnen, dies Dulden und die satte Lraft und Ruh! Das Sterbliche schwillt auf in hohem Sehnen, das Tun in Demut kennest du.

O uferlose Weite, die sich breitet vor di-srs LNenschenauges Blick! Du kehrst verdichtet, zum Gefühl bereitet, Leicht als Empfindung in dies Herz zurück.

Schick Liebe aus, mein Herz, die sich ergieße wie dieses Land durchglänzt der Strom!

Schütt' alle deine Liebe aus und Süße, erfüllend diesen wolkenhohen Dom!

erzog ihre Kinder trefflich. Ihr Sohn Joh. Peter Koch, Theologe, würbe 1695 Stabtschulmeister wie sein Großvater. Er heiratete eine Kempsf. Sein Sohn unb sein Enkel folgten ihm, unb biese brei Generationen lehrten in ber Stabtschule bis 1807. Die Magnus kamen 1639 aus Labenburg a. N. Georg Oefer aus Schwarzenberg in Sachsen heiratete 1647 pme Weinheimer. Sie finb bie Voreltern bes 1807 geb. Pfarrers Lubw. Rubolph Oefer, unter bem Schriftstellernamen Glaubrecht weit bekannt. Seine Erzählungen aus Gießen unb bem Hessenlanbe finb im besten Sinne volkstümlich unb zeigen ihn als treuen Sohn seiner Heimat. Die Baterftabt unb ihre Bewohner zeichnet er mit be- sonbrer Liebe. Unter seinen Bildern aus Alt- Gießen möchte die gemütvolleWinkelschule" obenan zu stellen sein.

Heimer und andre sowie die alten Ratsgeschlechter Kauf}, Minck, Wormser, Seltzer, Eier- mund, diese vor 1575 auch in Wetzlar vorkommend, Ruß, Schupp und B e r b r i e s. Den Seltzer entstammte ber 1642 gestorbene Gießener Super­intendent Ludwig Seltzer, Sohn einer Gräoe in Lollar, vermutlich aus dem althessischen Geschlecht Grebe (Goethe-Ahnen), das auch in Gießen vor­kommt. Die Seltzer sind Ahnen bes Kriegsrats Merck. Nachkommen bes Dönges Ort in Marburg, eines Bor- fahrs Goethes, lebten in Gießen, Lollar unb Wieseck. Henrich Orth war 15641566 Pfarrer in Gießen, Schwiegersohn bes hessischen Reformators Abarn Krafft. Simon Nicolaus, geb. Gießen 1649, Sohn vierter Ehe bes Ratsherrn Philips Orth, war Stabtfynbikus unb Professor ber Rechte in Gießen. Die Orth unb Buch blühen noch anberwärts. Iah.

Buch, geb. Gießen 1515, ein grunbgelefjrter Mann von vortrefflichem Eharauer, war Erzieher ber Sühne Philipps be^ Großmütigen. Eine Zierde Gießens ist Joh. Balchasar Schupp, getauft 29.3. 1610 als Sohn bes bamals nocy nicht zwanzig­jährigen späteren Ratsherrn Joh. Ebert Schupp unb ber Anna Elisabeth Ruß. Joh. Balchasar Schupp machte große Reisen in Deutschland, Polen, Litauen, Livland Holland, war Professor ber Geschichte unb Berebfamteit, auch Pfarrer an St. Elisabeth in Marburg, sobann Hosprebiger in Braubach, Ge- fanbter zu ben Friebensoerhanblungen in Osna- brück unb Münster; er hielt bie Friebensprebigt. Er starb 1661 als Pastor in Hamburg. Schupp war einer ber bebeutenbften Männer seiner Zeit, hoch­gebildet, von glänzendem Gedächtnis, in seinen Pre­digten und Schriftenfrisch und volksmäßig, treu« herzig unb anpadenb", urwüchsig, voller Vergleiche, Bhber unb Sprichwörter. Hervorstechend ist seine satirische Begabung, mit der er allerlei Auswüchse geißelte Auch die Sucht der Deutschen nach Frem- dem hat er bekämpft, seine Gießer Art unb Aus- bruckswelse treu bewahrt. Die Berbries, deren Name auf Herkunft aus den Niederlanden zu deuten scheint, sind zu Ende des 16. Jahrhunderts von Grünberg nach Gießen und gleichzeitig nach Wetzlar gelangt, aus beiden Orten aber im 19. Jahr- hundert verschwunden. Ein Berbries in Gießen würbe Stabtarzt. Sein Neffe Joh. Melchior Berbries ftubierte in Gießen, Jena, Halle, Leyden, Utrecht, wurde Arzt, Profesior ber Physik und der Medizin und starb 1736 als Rektor ber Lubovicicma. Sein Grabstein steht an ber Kapelle. Berbries war ein vielseitiger, aufgeflärter Gelehrter, hat befonbers über Stoffwechselkrankheiten sowie über Wechsel- Wirkungen bes Leibes unb ber Seele geschrieben unb ist gegen ben Aberglauben aufgetreten. Die Finck waren spätestens um 1550 hier angesessen. Balthasar Finck, geboren 1578, erwarb sich bie Mittel zum Stubium burch Korrekturlesen beim Buchdrucker Egenolph in Marburg. Er führte dessen Tochter heim, ward Professor ber Theologie in Gießen unb starb als Generalsuperintenbent unb Leiter bes Gym­nasiums in Koburg. In seinen Predigten findet man Wendungen und Bilder, die noch heute heimatlich anmuten. Sein Schwestersohn Adam Wein- Heimer, geboren hier 1614, war ebenfalls ein namhafter Theologe unb Schulmann, zuletzt Super- intenbent ber Neichsstabt Eßlingen.

Schupp, Berbries unb Karl Bogt ver­körpern Eigenschaften ber Bewohner ihrer Bater- ftabt: Heimatliebe, festes Haften an bewährter alter Art bei Streben nach neuen Zielen, Einfach- heit; Schupp unb Bogt auch ein gewisses Selbst- bewuhtsein, bas bazu neigt, bes lieben Nächsten zu spotten. Alle brei haben auf weiten Reisen sich ge- bilbet; mit Schupp teilt Bogt eine brastische, origi­nelle Ausbrucksweise, bie Lust an Anekboten unb Witzen unb die satirische Begabung. Bogts meister­haft geschriebene Lebenserinnerungen sind daher von dichterischen Uebertreibungen nicht frei. Finck und (Blaubredjt sind ebenso treue Gießer; fie wur­zeln mehr in der Vergangenheit und stehen wie Schupp auf dem Boden der Religion, wäyrend Bogt materialistisch denkt. Bei unserer Betrachtung finden wir Konrad Dieterichs Urteil zutreffend, der die Gießer als ehrlich, mäßig, als honette unb recht­schaffene Leute bezeichnet. Auch barin hat er recht, daß einzelne Taugenichtse nur bie Regel bestätigen.

Möchte recht bald die Geschichte unsrer Stadt geschrieben werden! Bertiefung in bie Vergangen­heit tut not unb läßt uns bie Hoffnung schöpfen, daß die von den Altvorberen ererbte Tüchtigkeit in unseren Kindern auferstehen unb unser geliebtes Baterlanb roieber aufwärts führen wird!

Das Schwinden der Trachten, Sagen, Volkslieder

und Brauche in Oberhessen.

Von Pfarrer O. Schulte, Großen-Linden.

Alles ist im Flufte!" sagt ein altes Wort. Das bedeutet:Alles ändert sich. Nichts bleibt das, was es jetzt ist. Das trifft so gut auf unsere Lebensweise, wie auf die Meinungen, bie wir von ben Dingen haben, zu. Auch bas Volkstum, von bem hier zu reben ist, bleibt biefer Ber« änberlichkeit unterworfen. 2£ber ein Fluß hat ver- schiebenes Gefälle. Hier strömt er so langsam, daß man kaum sein Fortgleiten merkt, dort eilt und stürzt er. Jahrhunderte lang ist die Flut unseres Volkstums ruhig dahingeströmt. Die Derände- rungen, die es erlitt, vollzogen sich allmählich. Aber in unferm Zeitaller ist es in eine Strömung hineingeraten, bie es mit sich reißt, es umkehrt und vieles vernichtet.

Diese gewaltige Flutwelle kommt aus ber Stadt, aus ihrem Leben und den Gedanken, die sie trägt. Noch vor 50 Jahren hat unser Land­volk nicht daran gedacht, sein eigen Leben nach dem Leben der Stadt zu bilden. Heute hat es auch in den entlegensten Orten sich die Städter zum Vorbild genommen. In der Kleidung, in der Ein- richtung der Wohnung, in ber Zubereitung ber Speisen, in bem Zusammenschiufte ber Menschen in Vereinen, in ben Vergnügen in allem strebt es ihnen nach. Es ist richtig, baß noch oft auf bem Lanbe von denFirnehrnen" in verächtlichem ober verspottendem Sinne geredet wird, aber es ist, als ob ein am Boden liegender Besiegter noch einmal ben über ihm stehenden Sieger schmäht. Das Althergebrachte, das Altväterliche wird bei­seite geschoben ober vielleicht von ben Steileren noch bewahrt unb von ben Kinbern in bie Ecke gestellt. Das Leben in ben Dörfern ber Wetterau, in ber Nähe Frankfurts, bie naturgemäß am meisten unter bem Einflüsse dieses Geistes stehen, unter­scheidet sich wenig noch von dem Leben in der Stadt selbst. Die Trachten sind seit Jahrzehnten und aber Jahrzehnten entschwunden. Die Aller- wenigsten wissen noch, wie die Voreltern sich ge­kleidet haben, von den alten Bräuchen und Sitten haben sich nur wenige erhalten, unb auch bie haben städtisches Gepräge erhalten. Die Volkslieder sind fast verstummt, um so besser kennt die Jugend die neuesten Couplets unb Schlager. Wenn man von ben alten Sachen spricht, bie sich an Gebäube, an Aecker ober Quellen knüpfen, bann lacht unb spottet man.

Eine große Gleichförmigkeit bes Lebens und Denkens breitet sich, von ber Stabt femmenb, nach unb nach über unser Volk aus, unb bas Besonbere, Eigene, bas so vielen Lanbschaften unb Dörfern ein reizvolles Gepräge gegeben hat, verfchwinbet. Wer altes Volkstum suchen will, ber muß bie von bem großen Verkehr abseits liegenben Orte aufsuchen. Freilich auch ba begegnen ihm schon auf Schritt und Tritt die Einflüfte der Stabt.

I. Am meisten sichtbar ist biese Verheerung wohl bei ben Trachte n. Vor 100 Jahren hatten wir