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Seite 10

Gießener Anzeiger - Jubiläums-Ausgabe

Zweites Blatt

I

heuteEichgärten" genannt Die GewannFuchs- rode" heißt 1320 Foitxrode und bedeutet die Rodung des Dogtes. Eine weitere Bezeichnung für Rodland findet sich dann noch an der Heuchelheimer Straße, wo eine Gewanndie Schwemme" heißt, eine Umbildung ausfwende" .(1495),schwende" (1553). Schließlich besitzen wir im Wald eineStock­wiese" (1463). Auf den Ackerbau bezieht sich auch der älleste unserer Flurnamen, dasAlte Feld", das zum erstenmal im Jahre 1310 und noch heute so genannt wird. DasGartfeld" erscheint gleichzeitig tnit denEichgarten" im 15. Jahrhundert.

Der Weinbau hatte im Mittelalter eine viel größere Verbreitung als heute. Weit nach dem Norden und dem Osten Deutschlands war er vor- gedrungen, weil er in Kirchen und Klöstern zur Feier des Wendmahls gebraucht wurde, fein Transport aus den Weingegenden aber zu teuer war. War er auch meist einSaueracher", so schadete das wenig, denn er wurde gewöhnlich nur gezuckert und gewürzt, alsWürzwein" getrunken. So finden wir denn frühe in Hessen und auch in Gießen Weinberge: 1322 werden sie schon urkundlich genannt, und noch im Jahre 1554 werden auf der Hardt z Morgen Land gekauft zum Zwecke der An­lage eines Weingartens; die Stelle heißt bis zum heutigen TageWingerts" (Sacke Wingert").

Stein-, Leimen-, Erd- und Sandkauten sind zahl­reich in der Flur verteilt und geben den angrenzen­den Gewannen ihre Namen. Auf die Bodennutzung deuten auch die beidenStolzen Morgen", ein Waldbezirk, dessen Name mißverstanden worden ist. Er hieß 1481 und noch lange nachherStelzen­morgen". Stelzen aber sind Knüppel-, Prügelholz. DieTriesche", anderwärtsDreesche", sind Oed- länbereien, die Weidezwecken dienen. Auf der Hardt finden wir allein deren drei, die 1554 erwähnt werden. Den .Langdriesch", der früher zur Selters­mühle gehörte, schenkte Philipp der Großmütige der Stadt, als er 1545 wegen der Festungserweite­rung diese Mühle abbrechen ließ. Er sollte zur Hal­tung von Eseln dienen und ist zweifellos die heutige Eselsweide" vor dem Heßler. DerScheidgestriesch" liegt im Schiffenberger Wald an einer Grenzscheide. Die Hardt bietet noch mehr Weideland. Wir finden hier einenSchafstall" (15. Jahrhundert) und die Koppelhuth", d. i. Gemeinweide, einen großen Be­zirk hinter dem Hardthof, wohl die im 14. und 15. Jahrhundert genannte Kroppacher Weide. In denWiesenvierteln" im Osten der Stadt vor dem Philosophenwald liegt dieEselswiese", deren Namen ehemalsEtzenwiese" lautete, von mittel­hochdeutsch etzen = weiden, was man nicht mehr verstand und deshalb mundgerecht umdeutete. Nicht weit davon stoßen wir auf denViehtrieb" und den Trieb". Der Trieb ist Allmende; um ihn herum liegt Gemeindeackerland, das den Ortsbürgern an- teilweise zur Benutzung überlassen wurde, daher der NameTriebviertel". Draußen im Wald, die Ochsenwiese", wo sich jetzt der Flughafen befindet, verdankt ihren Namen dem Umstand, daß sie den .Lchsenbeständern", d. h. denjenigen Ackerbürgern, die die Gemeindebullen hielten, vertragsmäßig überlasten wurde. DerGänswinkel", nach Klein- Linden zu gelegen, und die schon im 15. Jahr- hundert genannteGansweide" an der Launs- bacher Grenze bedürfen keiner Erklärung und mögen diese Gruppe der Flurnamen beschließen.

Don der Gestalt der Gewann leiten mehrere Be­nennungen ihren Ursprung her:im Biegen" von der Stelle einer Biegung, Bachkrümmung, die krummen Aecker" am (Bleiberger Weg und die krummen Gräben" in der Nähe der Rodheimer Straße. Auch der Nameam Schlangenzahl" gehört hierher. Zahl ist mhd. zagel = Schwanz und kommt in der Form tzeyle, czayl, zel häufig in Orts- und Flurnamen vor. Hier in Gießen gab es 1435 eine Lagevor dem tzeyle", 1495 einen zcayl.

DerGänsacker" deutet vermutlich auf ein .Rechtsverhältnis, auf eine Abgabe, die in Gestalt oder im Wert von Gänsen auf Dem Acker ruhte, auf V Hoheitsrechte der Name der Gewannam halben Zehnten" und derZollstock" bei den Kroppach- ,T wiesen. Die schon im 15. Jahrhundert genannte Ge­wannam alten Schlag", ungefähr am Uebergang des Schiffenberger Wegs über die Eisenbahn ge­legen, erinnert an eine Wegschranke, die die Straße sperrte. Sie wurde 1598 errichtet oder erneuert und seltsamerweise vom Pförtner des doch ziemlich weit entfernten Neuenwegertors bedient. Die Bauamts- rechnung vom Jahre 1610 enthält einen Aus­gabeposten von vier Tieften Korn Amtsbesoldung dem Neuenwegerpförtnervorn Schlag in der Langen Stehn uf und zu schließen". Beiläufig be­

merkt: dieLange Stehn" kommt im 15. Jahr­hundert vor in der Formin der langenstein", in der langen stege" (stegc Stiege); daraus haben die Geometer dannam Langenstein" ge- macht, welcher Name heute in den Flurkarten steht, weil sie nicht wußten, daß das i nur Dehnungs­vokal ist wie in eilf.

Auf ein Desitzverhällnis geht zurück das schon genannteRömersloch" in der Lichtenau, seit 1578 erwähnt. Die Familie Römer ist in Gießen von 1443 bis zum Ende des 17. Jahrhunderts nachweis­bar, der zweite Bestandteil des Namens aber ist

heute noch nach Familien des 17. und 18. Jahr­hunderts benannt, nach den Schmalbach, Drechsel, Schenk, Busch u. a. DieProsessorenstücke" be­zeichnen den von der Stadt Gießen Den Professoren nach der Gründung der Universität eingeräumten Anteil an der Allmende (den Triebvierteln), obgleich sie nicht das Bürgerrecht befaßen.

Wir verlassen die Feldflur mit einem Blick auf die Gewanne, die nach ausgegangenen Orten ge­nannt sind. Die ältesten sindUrfulum", das alte Urfenheim, eine viertausendjährige Siedelung hinter dem Philosophenwald auf der Wiesecker Gemar­

Lich, Blick auf Kirche und Turm.

viel älter. DieLöberingswiese" gehörte einer Familie, die im Zinsregister von 1669 auftritt. Der Odewars Baum", 1484 erwähnt, aber heute un­bekannt, hängt mit dem Namen Odebar, Odenbahr, der jedoch erst 1610 und 1631 belegt ist, zusammen. Verschwunden ist auch die Bezeichnungan beme Swicharte" (1379), die etwas später in der vollen Forman beme Swykersrobbe" (am Wetzlarer Weg) vorkommt, zum Namen Swichart, Schweikarb. Desgleichen dieKriegewiese" (1438 und 1484), zurückzuführen auf den Ritter Johann Kriege, der 1355 urkundlich genannt wird, und der Kalbesgarten" nach dem ritterlichen Geschlecht der Kalbe, das als Burgmannen- und Schöffenfamilie im 13. und 14. Jahrhundert in Gießen heimisch war. Zahlreiche Wiesen, Aecker und Gärten sind

kungsgrenze, die zuerst von Pfarrer Röschen in Winnerod im Jahre 1887 nachgewiesen worden ist, die in der Karolingerzeit bereits bekanntenSelters" undAchstatt", die bei den Straßennamen zu be­handeln sind, die im 13. Jahrhundert austauchenden und allmählich wieder verschwindepdenKroppach" undLeufertsrod" (1279: Liutfridisrode, zu Liut- frid), jenseits der Lahn endlich das vor der Hardt gelegeneDiedelshausen" (1323 und 1458: Dyduldishusen, zu Diethold). Alle diese Orte, Ur enheim ausgenommen, sind nicht Krieg und Pestilenz, sondern der Gründung unserer Stadt zum Op er gefallen. Wann der Aufsaugeprozeß zu Ende war, läßt sich nicht sagen. Von den Straßen­namen wollen wir nur die ältesten und die der neu« ren Zeit, die an Flurnamen anknüpfen, betrachten.

Wie ich schon sagte, bewahrt die Stadtverwal­tung neuerdings pietätvoll das alte Sprachgut unserer Flurnamen in der Straßenbenennung da, wo die Bebauung in die einstige Feldmark ein« dringt. Daher ist diese Gruppe recht zahlreich. Von den NamenAuf der Weißerde" undAulweg", von derEberstraße", beinHamm", benEichgärten" unb bemRobberg" habe ich schon bei ben Flur­namen gesprochen. Auch wegen berBruchstraße" kann ich mich auf oben Gesagtes beziehen. Die StraßeAm Kugelberg" läuft an ber Höhe, bie einst dem jüngeren Schützenhaus bas ältere ftanb am anberen Lahnufer in benSchießgärten" bei ber heutigenSchützenstraße" als Kugelfang blaute. Am Steg" unbArn Weiher", beibes jüngere Namen, erinnern an wasserreiche Gewanne jenseits bes Seltersberges, unbAn ber Warte" an bie Zeit, wo ber Bürger auf bie Sicherheit ber Stabt Be­dacht nehmen mußte. ZweiWarten" werben 1484 genannt, bie eine, bie sog.Selterswarte", auf ber füblichen, bie anbere auf ber nörblichen Höhe, am Robberg. Von ihnen aus würbe bie Stabt bei feind­licher Annäherung gewarnt.Seltersweg" und Asterweg" gehören wohl zu den atterältesten Wege­bezeichnungen. Der letztere ist eine Zusammenziehung aus Achstätter Weg über die Zwischenform Akster Weg; die verschiedenen Formen lassen sich urkund­lich belegen. DerSeltersweg" roa^ eine befestigte Straße. In einer Urkunde v. I. 131t wird ein Garten extra portas, quo itur versus villam Seltirsse, juxta viam lapideam erwähnt. Es führte also ein Steinweg nach dem damals noch bestehenden Dorf Selters. DerSteinwege^ gab es mehrere vor der Stadt, es war dies bie allgemein übliche Bezeichnung für ge­pflasterte ober, wie wir heute sagen mürben,chauf­fierte" Straßen. Die im Jahre 1306 als via 1 a P i d e a genannte, nach Wieseck führenbe Straße, ist ber heutigeGroße Steinweg". Alte Flurnamen stecken ferner noch imErbkauterweg" unb im Niegelpfab", besten Herkunft unklar ist. Im Ober- beutschen versteht man unterRiegel" u. a. einen langgestreckten Bergrücken, sonst aber ein Hinder­nis. Beides könnte hier passen, der Weg läuft am Fuße der Anhöhe, bie stets einHinbernis" bilbet, her. Aber ber Name könnte auch auf einen Per­sonennamen zurückgehen, ber schon 1245 in Gießen burch einen Rudolfus Regil belegt ist. Die neue StraßeIm Gartfelb" bringt einen burch bie Einführung ber Hausnumerierung beseitigten, seit bem 15. Jahrhunbert bekannten Namen wieber zu Ehren. Sie führt an ber äußersten Grenze biefer Gewann, an bem Bahnkörper ber Main-Weser-Bahn hinter Stein-, Schiller- unb Weserstraße entlang. Richtiger wäre gewesen, bie Wese^straße so zu be­nennen, aber mir wollen gufrieben fein, baß ber Name überhaupt gerettet ist. DieStephanstraße" führt jeben Fremben unb auch unsere jüngeren Mit­bürger mit ihrem Namen irre. Mit ihm soll keines- wegs ber erste Generalpostmeifter bes Deutschen Reiches geehrt werben, er soll nur anbeuten, baß bie Straße in ber altenStevhansmark" liegt, bie schon 1310 alsStebinsmarte'' erwähnt wirb. Stebin ist munbartlidje Form für Stephan, unb marke bebeutet einen umgrenzten Besitz. Der NameNah­rungsberg" hat wohl manchem schon Kopfzerbrechen gemacht, wenn er nicht gar aus ber Nahrung, bie bie üppigen Gärten biefer Höhe bringen, erklärt worben ist. Möglich, baß man ihn umbenannte, weil bie alte Form anstößig erschien, beim er hieß ur- sprünalichNarrenberg". Man könnte ben Namen mit oberhessischNarbe", einem mulbenartigen Ge­säß, in Dem bie Metzger bas Fleisch tragen (Bolle) zusammenbringen, da bie Gestalt ber Erhebung einer umgekehrten Bolle ähnelt, ober mitNarr", einer Mißbildung ber Zwetsche.wenn früher schon bie Kul­tur dieses Obstes dort oben üblich gewesen wäre. Allein der Name ist einfach und ungezwungen auf wirkliche Narren zurückzuführen. Die Stadtrechnungen vom Jahre 1610, in denen er in der Form Narrnberg er­scheint, enthalten zwei Ausgabeposten für ein Narrenhaus: es erhält Meister Peter (wohl der Scharfrichter) 1 Guldenzweimal das Narnhauß zu raumen", und Johann der Zimmermann und fein Knecht 17 Albus,haben das Narrnhauß erbeffert". Der Zusammenhang ist offensichtlich. Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts erscheint diese Form, und auch ber Fälscher bes angeblich im Jahre 1646 geschrie­benen Briefes, ber von bem im Nahrungsberg ver­grabenen Golbschatz berichtet, gebraucht sie. Wir wissen jetzt, aus welchem Grunbe. Alle biese Straßen liegen mehr ober weniger in ben äußeren Stabtteilen, in ber inneren Stabt gehen nur ganz wenige Namen auf alte Orts-

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