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.Nr. 34

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Zweites Blatt

Gießener Anzeiger . Iubilaums-Ausqabe

Seite 11

bezeichnungen zurück. Zunächst dieSanbgaste", von der es in einer Urkunde o. I. 1313 heißt: Sant- öasse supra ripam Wyske extra murosopidi Gyzen. Wir erfahren daraus, daß sie außer­halb der damaligen, fünf Jahre zuvor erwei- terten Stadt am Ufer der Wiefeck lag, woher sie auch ihren Namen hat, da Sand = Flußufer be­deutet. Die Wieseck kam damals durch den Gans- oder in der Näye des Botanischen Gartens in die Stadt herein und floß durch die Sandgasse nach den beiden Mühlgassen (die eine davon heißt seit kurzem großartigerMühlstraße"), wo sie Mühlen trieb. Sein jetziges Bett erhielt das Flüßchen durch den Festungsbau Philipps des Großmütigen. Der Teil der Bahnhofstraße, der an der Mündung der Mühlgasse beginnt, hieß bis zum Durchbruch der Straße 1878Reicher Sand". EinenKleinen Sand" erwähnt das Zinsbuch von 1495. Sodann dieErlen- gaffe", ehemals ein mit Erlen bestandener Graben, 1492 erwähnt alsJrlingraben" vor dem Neuen­weg. Dagegen ist die naheWeidengasse" eine miß- verstandene Benennung. Ihre alten Namensformen sind im 17. und 18. JahrhundertWaidgasse" und Weithgosse", vielleicht so zu erklären, daß durch sie die Herde aus der zwischen ihr und der Erlengasse gelegenen Schäferei zur Weide getrieben wurde. 21n eineweite Gasse" ist wohl nicht zu denken. Endlich nochLindenplatz" undLindengasse". Hier haben tatsächlich Linden gestanden, vielleicht die Gerichts- linde, denn der Platz liegt unmittelbar vor der alten Stadtmauer, und möglicherweise ist die Angabe des Gerichtsplatzes ante capellam nostram, vor unserer Kapelle, in einer Urkunde der Gießener Schöffen XD. I. 1248 hierherzubeziehen, da die Kapelle, die spätere Pankratiuskirche, ganz nahe dabei stand. Die Taufprotokolle von 1596 und 1597 verzeichnenHans Sadler under den Linden" und Conrad Boier under Linden", es befanden sich also mehrere dieser Bäume auf dem Platz.

Haben uns diese Namen schon auf die Bau­geschichte der Stadt geführt, so weisen uns andere noch energischer darauf hin. Bor allem derBurg- graben" auf den alleraltesten Teil, die Wasierburg, ebenso das GäßchenAuf der Bach", das an einem anderen Stück des Grabens liegt. Der Stadtkirche gegenüber mündet dieSchloßgasse", früherBurg- gaste" benannt, und stellt die Verbindung her mit dem sog. alten Schloß, das so oft mit der alten Burg hinter Der Kirche verwechselt worden ist und noch verwechselt wird. DieWalltorstraße" beginnt am Lindenplatz, aber das Tor, ursprünglich Waldtor geheißen, weil es dem Wald am nächsten lag, stand an der Ecke des Einhorns. Unmittelbar vor ihm führten nach Westen drei Gassen ins Freie, als sich die Ansiebluna vor den Toren ausgedehnt hatte: die Wetzstein"-, die .Lozels". und dieFlügelsgasse". Alle drei gehen auf Familiennamen zurück. Im An- fang des 16. Jahrhunderts heißt estn Wetzsteins Gassen", und im Zinsbuch von 1495 stehen Cuntz und Henne Wetzstein. In derselben Geschichtsquelle ist eine Henne Zcodezcyl mit einem Haus und Garten vor der Waldporte verzeichnet. Für die Flügels­gasse (jetzt in Dammstroße umgetauft) aber ist ein Henne Flöget schon 1373 nachweisbar. Daß die gegenüber mündendeHundsgasse" ebenfalls auf ein altes Besitzverhältnis zurückgeht, möchte ich an­nehmen. Neuerdings ist versucht worden, die mit Hund" zusammengesetzten Gassennamen in vielen Städten Deutschlands auf das althochdeutsche Hunno, das mittelhochdeutsche Hunne, Hunt usw., den Vorsteher einer Hundertschaft zurückzuführen. Auch das Vor­handensein des Stalles einer herrschaftlichen Hunde- meute hat in einzelnen Städten den Namen be- wirkt. Beides scheint für Gießen nicht zuzutreffen, dafür kommt in einer Urkunde des Grafen Wil­helm v. Gleiberg vom Jahre 1239 schon ein Jo­hannes Canis (Hund) vor, und besitzt 1379 ein Götz Hund Güter bei Wieseck. Nach der entgegengesetzten Himmelsrichtung, nach Süden, wird die älteste Stadt abgeschlossen durch dieMäusbura". Das hat Ver­anlassung gegeben, hier ein mushus, ein Waffen­haus zu suchen. Andere haben auf einen Studenten­ulk als Taufpaten der Straße geraten. Sicher ist, baß der Name Maus einer angesehenen Gießener Familie eignet, die vom 15. bis zum 17. Jahrhundert blühte: 1464: Reinhard Musechin, 1511: Thomas Mus, 1555: Bürgermeister Balthasar Mus usw. Das Selterstor stand zuerst an der Wetter-, vulgo Küh- aaste, bann am HausZum Ritter", das erst in späterer Zeit der bei ihm beginnendenRittergasse" den Namen gab; früher hieß sieJudengasse^ Die am anderen Ende dieser Gasse ihren Abschluß fin­dende Marktstraße ist die eigentlicheNeustadt", die 1325 in die Stadtbefestigung einbezogen wurde. Das

Kreuz" blieb außerhalb, trotzdem es schon sehr frühe bebaut war. Hier stand das Haus, das Land- flraf Hermann feinem Lebensretter Eckhard Holz- schuher 1377 auf ewige Zeiten von ollen Abgaben befreite. Ueber den Ursprung des Namens kann man nur Vermutungen hegen. Da hier die Gemarkungs- grenze von Selters anftieß, könnte ein Kreuz da- gestanden haben. Man hat auch davon gesprochen, daß hier die von Tor zu Tor gezogenen Diagonalen sich schneiden. Aber die wahrscheinlichste Herleitung ist doch die von der Straßenkreuzung. Wenn man einen alten Plan der inneren Stadt, etwa einen aus dem 18. Jahrhundert überschaut, sieht man die Kreuzform nirgends deutlicher als am Treffpunkt von Seltersweg, Kaplansgasse und Neuenweg. Die Kaplansgasse" (erwähnt 1665) mit der von ihr ab» zweigendenKatharinengasse" erinnern an kirchliche Verhältnisse. Die Stelle des ersten nachreformato» rischen Stadtkaplans entstand 1583; um diese Zeit werden auch die Altaristenstellen des Jakobs-, Georgen- und Katharinenaltars umgewandelt. Ein

Die Straße in denNeuenbäuen", im 17. Jahr- hundert bezeugt, erklärt ihren Namen selber. Der Brand" (nickt Brandplatz!), heute leider in Land- graf-Philipp-Platz umgetoust, und dieBrandgasse" fuhren die ihrigen von einer großen Feuersbrunst, die, am 27. Mai 1560 durch Blitzschlag verursacht, 168 Häuser einäscherte. Einige bemerkenswerte Namen finden wir in den Gassen am Seltersweg. Zuerst dasTeufelslustgärtchen< Die hübsche Sage vom Teufel, der auch in Gießen studiert hat, und seinem, in jener Ecke wohnenden Liebchen ist be­gannt. Aber leider ist die Herkunft des Namens prosaischer, er gehl auf den in Gießen im 17. Jahr- hundert öfter vorkommenden Familiennamen Teufel oder Teusfel zurück. Es folgen dieLöwen", und dieWolkengasse". So verhältnismäßig jung diese Straßen sind, so sehr sind ihre Namen entstellt und ihrer ursprünglichen Bedeutung entkleidet. Die Wolkengasse nennt Th. Rambach in seinem Kom­mentar zu Dieterichs Beschreibung der Stadt Gießen um das Jahr 1770Blauwolkengasse". In Straß.

Der Oberbürgermeister der Provinzialhauptstadt Gießen, Herr Keller.

Der Presse ist die Freiheit verfassungsmäßig gewährleistet. Dies legt ihr Pflichten und Verantwortung auf. Die Pflichten sind vor allem: objektive Tatsachenübermittelung, Fernhalten von jeglicher Sensation, Pflege des deutschen Volkstums und Staats­gedankens und namentlich unbeschadet der Festhaltung politischer Grundsätze Versöhnung der Gegensätze, Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls und der Schicksalsgemeinschaft aller Deutschen.

Der Provinzpresse fällt die weitere Aufgabe zu, dem Kulturleben des engeren Vaterlandes zu dienen, das Heimatgefühl wachzuhalten und den verschiedenartigen Interessen des Leserkreises ein zuverlässiger Wegweiser auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete zu sein.

Ein Lokalblatt muß den Klatsch vermeiden, die Gesamtinteressen der Gemeinde fördern und den im engen Kreis häufig sich verengernden Sinn der Gemeindeangehörigen über den örtlichen Kirchturm hinausheben ins Weitere und Größere.

Allen vorgenannten Erfordernissen ist der Gießener Anzeiger in seinem 175jährigen Bestehen in stets wachsendem Maße gerecht geworden. Er nimmt heute im Blätterwalde der deutschen Presse eine hervorragende Stelle ein, ist durchaus neuzeitlich geleitet und erhebt sich weit über einen großen Teil sonstiger Provinzpresse. Seine technischen Ein­richtungen stehen auf der Höhe der größten Zeitungen und ermöglichen die rascheste Berichterstattung.

Ich beglückwünsche den Gießener Anzeiger herzlich zu seinem 175jährigen Bestehen und hoffe, daß er die betretene Bahn einhält und auf ihr weiter fortschreitet.

dem Katharinenaltar gehöriges Grundstück gab toohl den Namen für die Gasse her. DieKaplanei- gaffe" gegenüber der Stadtkirche dagegen, obwohl auch erst 1625 bezeugt, ist älter. In Ihr lag das älteste Pfarrhaus, das anfänglich von einem Kaplan bewohnt wurde, denn Gießen hatte erst in späterer Zeit einen Pfarrer, da die Pankratius- kapelle ein Filial der Pfarrkirche in Selters war. DerKanzleiberg" hat feinen Namen von dem alten Schloß, das zeitweise die fürstliche Kanzlei (Regierung) beherbergte. Er führt uns in die Straße ,Ln der Sonne", die unmittelbar vor der Staötringmauer auf der Sonnenseite der Stadt her- lief und davon ihren Namen erhielt.

Die übrigen Straßen, deren noch gedacht werden sollen, gehören einer Bauperiode an, die mit Phi- lipps des Großmütigen Festungsbau beginnt. Phi- lipp hatte in den Jahren 15301533 die Stadt mit Wall und Graben befestigt, die Wieseck um die Stadt herum geleitet, die Kirchhöfe aufgehoben und den heutigen alten Friedhof angelegt. Nach der Schlacht bei Mühlberg (1547) und der Kapitulation des großen Landgrafen wurden die Werke durch Graf Reinhard von Solms geschleift, von Philipp aber nach seiner Freilassung aufs neue und stärker aufgebaut (15601564). Zwischen der ehemaligen Stadtringmauer, den vor ihr stehenden Hofreiten und dem neuen Wall blieb genügender Raum für das Anwachsen der Einwohnerzahl. Don den in dieser Periode entstandenen Straßen, die uns hier interessieren, ist nur derNeuenweg" in seinem vorderen Teil älter, er wird bereits 1492 erwähnt.

bürg gibt es eine Gasse, die denselben Namen führt und dort als Gasse der Blauwalker nachgewiesen ist. In Gießen hat das Wollweber- und Tuchmacher- aewerbe lange in Blüte gestanden; schon aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts find Geleitsbriese zur Frankfurter Messe für dieses Handwerk be- kannt. Im Jahre 1715 zählte die Zunft dreiund- dreißig Meister, und die Stadt erhob lange Zeit für das von ihr hergegebene Gelände zum Aufspannen der Tuche den Tuchrahmenzins. Wir dürfen des- halb die Straßburger Erklärung auch für unsere Stadt in Anspruch nehmen. Wie die Wolkengasse die Gasse der Walker, so ift dieLöwengasse" die Gasse der Löwer, Löber, 0. i. der (Berber. Auch dieses Handwerk war hier stark vertreten, woran der verbreitete und alte Gießener Familienname er­innert.

Wir sind seither kreuz und quer durch die Straßen und Gassen unserer Stadt gezogen, nun wollen wir noch einmal den ganzen Ring der alten Festung umwandern, indem wir den Anlagen, die sie heute umschließen, folgen. Ehedem lief hier nur eine wenige Meter breite Allee von Pappeln und Linden und daneben ein breiterer Fahrweg um die ganze Stadt. Auf der anderen Seite der Allee floß tief unten der Graben. Das waren die Schoor ober Schur und der Schurgraben, an die sich nur noch unsere älteren Mitbürger erinnern. Der Name ist nie richtig erklärt worden. Die einen leiteten ihn ab vom Offizier du jour, der hier seinen Weg ge­nommen haben soll, die anderen von dem kahl ge­schorenen Festungsglacis, das hier begann. Diese

Deutung hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich, allein der Name haftete ursprünglich gar nicht an diesem oberen Rand des Glacis, sondern an einem Weg, der unten am Graben herfuhrtc. Das scheint mir wenigstens aus einer Stelle, die sich bei Chunrad Dieterid), Politischer Diseurs von Festungen, aus dem Lateinischen übersetzt non Johann Philipp Ebel, Gießen 1620, hervorzuheben. Dort heißt es auf S. 42:Boschunge ober vielmehr Bes chlltzunge seynb der Underwall, darinn man von außen her die Coden, Schantz oder Laufs, graben gegen allem Anlaufs und das groß Ge- fchütz defendiren tan. Was die Deutschen Schuh oder Beschuhung nennen, heißen die Italiener Scarpa. Bey uns (seil, zu Gießen) heißt man es die Schur". Der Zusammenhang der Bezeichnung Eckur" mit dem BegriffSchutz" ober bem mhb. Verbum schüren schirmen, schützen, sichern, scheint mir banacf) gegeben zu sein. Der Name übertrug sich nach ber Schleifung ber Wälle auf ben Spazier- weg oben auf bem ehemaligen Glacis.

Im Eingang bicses Aufsatzes ist ber Wunsch ausgesprochen worben, man möge bie burch neuere Umformung entstellten Straßennamen in ihrer alten Form wieberherstellen. Diesem Verlangen sei hier nochmals Nachbruck verliehen, unb es sei erlaubt, bie Namen zu nennen, bie nach biefen Darlegungen für solche Aenberung in Frage kommen. Man nenne ben Marktplatz roieberMarkt", ben Kreuz- PlatzAm Kreuz", ben BranbplatzAm Branb, bie SonnenstraßeIn ber Sonne", bie Stephan- straßeIn ber Stephansmark", unb auch den Namen berSchur" unb besReichensanbs" bringe man wieber zu Ehren, ehe es zu jpät ist. Das Verlangen, bie Dammstraße inFlügels- yasse", auch bie Mühlstraße unb bie Wetzstein­straße roieber inGassen" zu verwanbeln, ist an- gcsichts bes zu erroartenben Wiberstanbes auf ihrenStand" haltender Bewohner allzukühn. Aber vielleicht kommt einmal eine Zeit, in der man die gute deutscheGaste" der von Fremden ent- lehntenStraße" wieder vorzieht. Bis dahin wollen wir uns freuen an den alten unb trauten Namen, bie bie Zeiten überbauert haben, unb wollen sie bewahren als unser Eigenstes, bas uns von anberen unterscheibet.

Das oberhessische Museum und die Gaii'schen Sammlungen in Gießen.

Von Profestor Dr. h. c. Kramer unb Professor Helmke.

1. Kulturhistorisches Museum Im Alten Schloß am Lrandplah.

Öls am 15. Juni 1878 in Gießen unter Vor­sitz von Professor Dr. Gareis ein Ober« hessischer Verein für Lokalgeschichte gegrünbet würbe, ba entstanb gleichzeitig mit ihm ein hist 0 risches Museum; seine Unterkunft fanb es zuerst in ber Alten Anatomie (jetzt Reit- bahn), bann im Alten Rathaus (unter Otto Buchner; von 1896 an unter bem jetzigen Direktor Kramer) unb seit 1905 im Alten Schloß am Branbplatz. Die Einweihung fanb am 14. Oktober durch ben Oberbürgermeister Mecum statt.

Zum Zwecke ber Erhaltung unb weiteren Ent­wicklung ber Sammlungen würbe 1912 eine Gesell­schaft mit beschränkter Haftung unter bem Nomen Oberhessisches Museum unb Gotische Sammlungen" gegrünbet Als Gesellschafter würben eingetragen: Geheimer Kommerzienrat Dr. h. c. Wilhelm Gail, Oberhessischer Ge- schichtsverein unb Stabt Gießen.

1920 überwies bie Stabt auch bie Räume bes Droßh. Absteigequartiers im Alten Schloß dem Museum. Die Bestäube ber Sammlungen konnten sich nun ausbehnen, aber trotz bes Zuwachses an Sälen unb Zimmern zeigt sich nirgenbs Raum- Überfluß. Die moberne künstlerische Ausstellung dieser Räume (nach Plänen von Prof. Olbrich- Darmftabt) würbe nach Möglichkeit gewahrt.

Seit ©rünbung bes Museums fielen ihm reiche Gaben zu, aber auch (Begenftänbe bes Großvater- Hausrats sinb hoch geschätzt; geben sie boch ein getreues Bilb von ber Vorfahren Lebenshaltung. Hier ist auch bes Mannes zu gebenken, ber bis zu seinem ßebensenbe bem Museum treu zur Sette geftanben hat. Herr Wilhelm Gail war bem Museum mit seinem gefunben Urteil, seinem groß- Zügigen Wesen unb seiner steten Opferwilligkeit ber

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